Ruhrfestspiele: Festival der starken Frauen

Neue Spielstätte: Halle König Ludwig ½

„Die Qual von gestern muss die Tat von heute werden“, so treffend fasste Theaternaturalist Gerhart Hauptmann die Folgen gesellschaftlicher Zwänge für das Individuum zusammen. Auf der Bühne gilt dies oft für den weiblichen Part: Frauenfiguren verkümmern zu Projektionsflächen männlicher Begierden, Opfer werden zu Täterinnen, nicht selten mit tödlichem Ausgang. Henrik Ibsens Ehedrama „Hedda Gabler“, David Mamets spannendes Kammerspiel „Die Anarchistin“ oder Gerhart Hauptmanns getriebene Kindermörderin „Rose Bernd“ stehen neben Horváths „Ein Fräulein wird verkauft“ – starke Frauenfiguren dominieren die diesjährigen Ruhrfestspiele. Alle genannten Titelheldinnen sollten auf eine Begegnung mit Arthur Schnitzlers Frauenversteher namens „Anatol“ verzichten, denn der ist in seiner Partnerwahl wenig anspruchsvoll. Die verkorkste Männerpsyche (Regie: Florian Fiedler) steht als Gegenpol zur weiblichen Übermacht.

Zwischen Umbruch und Aufbruch

Festspielleiter Frank Hoffmann widmet sich in seiner Auswahl der Stücke diversen kleinbürgerlichen Familiendramen, in denen große Gesellschaftsthemen sichtbar werden. Unter dem Motto „Aufbruch und Utopie“ verweisen viele Autoren wie Thomas Mann, Hans Fallada, Frank Wedekind in ihren Texten auf historische Bruchstellen. So inszeniert Hoffmann „Rose Bernd“, ein Stück, dem eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. Ein Gerichtsprozess über eine Kindsmörderin inspirierte Gerhart Hauptmann. Weniger realitätsgetreu geht es in der von Georg Kaiser formulierten düsteren Menschheitsvision „Gas“ zu. Das selten gezeigte, expressionistische Arbeiterdrama ermöglicht ein Wiedersehen mit Ex-Festivalleiter Hansgünther Heyme, der sich an dem anspruchsvollen Textmaterial abarbeitet. Zwei neue Spielorte gibt es zu vermelden, neben dem Theater Marl läuft das Festival der Uraufführungen in der Halle König Ludwig ½ in Recklinghausen. Im sogenannten „Entertaintent“ gibt es Kabarett, Jazz, Chanson und Kleinkunst, und die „Fantastischen Vier“ laden zum Abschlusskonzert (15.6). in den Stadtgarten.