Gefrierfleischorden: Die Welle in Solingen

Macht und Ohnmacht

Tja, wie war das denn nun damals, in den 1930er Jahren? Bestand die deutsche Bevölkerung aus überdurchschnittlich vielen autoritären Charakteren, die sich nicht nur dem Nazi-Regime unterwarfen, sondern sich auch jedem anderen Regime unterworfen hätten? Oder ist es aus heutiger Sicht schlicht vermessen zu behaupten, man selber hätte da nicht mitgemacht? Ein interessantes Jugendbildungsprojekt will aufzeigen, wie man tickt, wenn’s eng wird, und dass die Zivilcourage schneller ins Wanken gerät als einem lieb ist.

„Gefrierfleischorden 1942“, das war der zynische Spitzname für eine Medaille, die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg für die „Winterschlacht im Osten“ verliehen wurde. Als Historisches Spiel soll der „Gefrierfleischorden“ der Prävention gegen Rechtsextremismus bei Jugendlichen dienen. Und Historiker und Museumspädagoge Olaf Fabian-Knöpges erzielt beeindruckende Ergebnisse. In Kooperation mit Thomas Schwengers vom Jugendamt der Stadt Schwerte und unter der Schirmherrschaft des Verfassungsschutzes des Landes NRW hat Fabian-Knöpges dieses Spiel zum Thema Zwang und Herrschaft entwickelt. Das Solinger Klingenmuseum startet anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Brandanschlags in Solingen dieses politische Jugendbildungsprojekt.

„Man kann die Zeit 1933 bis 1945 nicht nachspielen oder nachstellen“

In „Gefrierfleischorden“ werden gesellschaftliche Mechanismen aus der Epoche des Nationalsozialismus’ transparent gemacht, die auch heute noch relevant sind. Die Schüler werden unterteilt in Machtausübende und Unterdrückte. Dem Spiel ist ein konzeptioneller Macht- und Gehorsamkeitskonflikt zugrunde gelegt, in dem die Schüler arbeiten müssen. „Man kann die Zeit 1933 bis 1945 nicht nachspielen oder nachstellen“, stellt Thomas Schwengers klar, man könne aber versuchen, einen emotionalen Bezug herzustellen. Bei der Simulation lernten sie in kurzer Zeit zumindest die typischen Muster kennen, wie man sich in einem Zwangssystem anpasse und fühle: „Hauptsache, die Person rechts oder links von mir ist getroffen, Hauptsache ich nicht.“ Olaf Fabian-Knöpges erklärt den Schülern, auch wenn es beispielhaft um die NS-Zeit gehe, sei das Prinzip „denkbar in der Gegenwart überall auf der Welt, wo Menschen der Willkür anderer Menschen unterworfen sind.“

Nähere Infos im Deutschen Klingenmuseum bei Isabell Immel, MoDo von 8 bis 12 h unter 0212-25836-12 oder unter i.immel@solingen.de

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