Der doppelte Dürenmatt

Er befand, dass die Tragikomödie „die einzig mögliche dramatische Form“ sei, „das Tragische auszusagen“: Friedrich Dürrenmatt, Schweizer Schriftsteller und Dramatiker, wird ab April gleich zweimal im Bergischen bedacht: an den Wuppertaler Bühnen und im TalTonTheater.

Fast 60 Jahre ist es her, dass Dürrematts erste Erfolgskomödie „Der Besuch der alten Dame“ uraufgeführt wurde. Weltweiten Ruhm erzielte er 1956 mit diesem Stück, das seitdem gern genommener Theater- und Schulstoff ist. Im April bringen die Wuppertaler Bühnen eine Inszenierung von Sybille Fabian im Remscheider Teo Otto Theater zur Premiere, im Mai folgt dann das Opernhaus in Wuppertal. Mit großem Ensemble wird die Geschichte erzählt von der Kleinstadt Güllen, die – ach, wie gut aufgehoben in Wuppertal – vor der Pleite steht. Doch Rettung naht in Gestalt von Claire Zachanassian, milliardenschwere ehemalige Güllenerin, die leider, leider in jungen Jahren von Alfred Ill geschwängert worden war, den anschließenden Prozess aufgrund falscher Zeugenaussagen verloren hatte, entehrt und bettelarm aus der Stadt vertrieben wurde, ihr Kind verlor, Prostituierte wurde und schließlich – einen reichen Ölbaron geheiratet hatte. Sie ist nun tatsächlich bereit, der Stadt eine Milliarde zu spenden, allerdings unter einer Bedingung: Alfred Ill muss sterben …

Aktuell wie eh und je, treibt Dürrenmatt hier unwiderstehlich den Konflikt zwischen Geld und Moral, Schuld und Vergebung, Heuchelei und Aufrichtigkeit auf die Spitze.

Einer weiteren Hinterfragung begegnet man in Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“. Hier geht der Schriftsteller, der den Zweiten Weltkrieg als junger Mann erlebt hat, der Theorie nach, dass einmal Gedachtes oder Entdecktes nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Mit Ernesti, Beutler und Möbius schickt er drei Physiker ins Rennen, die sich als Geisteskranke ausgeben. Der eine hält sich für Einstein, der andere für Newton, der dritte behauptet, die Weltformel entwickelt zu haben. Ähnlich wie beim „Besuch der alten Dame“, wo die Möglichkeit, an eine Milliarde zu kommen, einmal in die Köpfe der Bürger gepflanzt worden ist (und nicht mehr rückgängig machbar?), kommen bei den Physikern wissenschaftliche, für die Menschheit überaus bedrohliche Erkenntnisse auf den Prüfstand, wird der ethische Gedanke vor dem Hintergrund des bedingungslosen Fortschritts beleuchtet. So ist es natürlich kein Zufall, dass in der Entstehungszeit des Stückes (um 1960) die weltpolitische Lage bereits vom Kalten Krieg und der Bedrohung durch einen Atomkrieg geprägt war.

Sicher auch, aber nicht nur für Schulklassen gibt es ab April in Remscheid und Wuppertal also die Gelegenheit, Dürrenmatt neu zu entdecken, und das gleich doppelt.

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