Comic-Kunst: Visionärer Traumfänger

Winsor McCay: „Little Nemo in Slumberland“, 1909 (Auschnitt)

Surreale Szenarien, eine unkonventionelle Formensprache und ein begnadeter Strich – damit revolutionierte der US-Amerikaner Winsor McCay (1869–1934) die Welt der Bildergeschichten und darf unbestritten als einer der bedeutendsten Pioniere der Comic-Kunst gelten. Die weltweit erste Retrospektive seines Œuvres, die nach diversen Stationen nun in Dortmund ihre Wanderung beendet, ist ein „Must See“ und dem Künstler und Kunsthistoriker Alexander Braun zu verdanken.

Die erfolgreichsten Serien des ungemein produktiven Zeichners Winsor McCay waren „Dream of the Rarebit Fiend“ und „Little Nemo in Slumberland“, die in verschiedenen Tageszeitungen als schwarzweiße Daily Strips erschienen und in den Wochenendbeilage eine ganze Farbseite füllten. Haarsträubend groteske und brüllend komische Geschichten, die von den (Alp-)Träumen der jeweils im letzten Panel aufwachenden Protagonisten handeln. Damit war McCay inhaltlich der psychoanalytischen Traumdeutung, bildnerisch den Surrealisten weit voraus. Seine selbstreferentiellen Strips, in denen z. B. Figuren die Buchstaben des Serientitels aufessen, verdienen ebenso das Prädikat wertvoll.

Die umfassende Schau im Museum für Kunst- und Kunstgeschichte zeigt Originalzeichnungen und teilweise aufwändig restaurierte originale Zeitungsseiten, die durch historische Begleitmaterialien (Plakate, Zeitschriften etc.) sowie durch Werke gegenwärtiger, von McCay maßgeblich beeinflusster Kollegen ergänzt werden. Parallel sind nebenan im RWE Tower unter dem Titel „Fantasmagorie“ die frühesten Zeichentrickfilme der Geschichte zu sehen, denn auch auf diesem Gebiet leistete McCay Pionierarbeit.

Finale Traumsequenz: „Das einzige, was ich in meinem Leben bereue, ist, keine Comics gezeichnet zu haben“, sagte Picasso am Ende aller Farbphasen. Nun, der Mann war nicht dumm, und es kann davon ausgegangen werden, dass er das ernst meinte. Nicht etwa, weil sich die Bildergeschichten besser verkauft hätten als sein Gemälde, sondern weil er deren künstlerischen Wert erkannte. Ganz anders die Hohepriester des Kunstkanons, die sich hartnäckig weigern, dem Comic Einlass in ihr knarziges Gattungs-Gebälk zu gewähren und ihn immer noch als trivial abstempeln. Vielleicht trägt diese Ausstellung ja dazu bei, dass sie das Korsett alsbald ein wenig lockern – dann müssen sie ihre Grafic Novels auch nicht mehr heimlich unter der Bettdecke lesen.

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