Obdachlos und weiblich: Interaktive Lesung in Düsseldorf

Im deutschlandweiten Vergleich gilt Düsseldorf als wohlhabende Stadt. Die Mieten sind hoch, die Autos groß und Luxusgüter allgegenwärtig. Dennoch gibt es in der NRW-Kapitale auch das andere Extrem. 2012 lebten 2277 Menschen ohne eigene Wohnung in der Stadt. Jene, die in Hauseingängen übernachten, Obdachlosenmagazine verkaufen oder in Mülleimern nach Verwertbarem wühlen, sind, so die Wahrnehmung, meist männlich. Dennoch gehen Schätzungen davon aus, dass der Anteil der Frauen unter den Wohnungslosen zwischen einem Viertel und einem Drittel beträgt.

Dagmar S. ist eine von ihnen. Sie sitzt in einem Aufenthaltsraum der Ariadne, einer von der Diakonie betriebenen Notaufnahme für Frauen im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk. Großer Tisch, drumherum Stühle, eine Küchenzeile. S. trägt das brünette Haar schulterlang, hat ein offenes freundliches Gesicht. Träfe man sie beim Bäcker oder im Supermarkt, man würde nie auf die Idee kommen, sie könne obdachlos sein. Die 33-Jährige schildert ihr Leben und man ist als Zuhörer zunächst einmal irritiert. Diese selbstreflektierte Person scheint so gar nicht zu den Schilderungen zu passen. Die Grausamkeiten, die ihr widerfahren sind, würden locker für mehrere Leben reichen. Dagmar S. wurde gedemütigt, geschlagen, zur Prostitution gezwungen. Ihre Männer waren drogenabhängig, handelten mit Frauen. Ihren letzten Mann hat sie mit der Polizei abholen lassen. In der Folge habe sie sich dann um nichts mehr gekümmert. Ist nicht mehr arbeiten gegangen. Hat keine Miete mehr gezahlt. Und stand irgendwann auf der Straße. „Ich bin schon 33 oder erst 33“, sagt sie. „Auf jeden Fall kann ich noch was ändern.“

Früher war Dagmar S. bei der Arbeitsagentur beschäftigt

Damit hat die Mutter zweier Kinder, die momentan nicht bei ihr leben, bereits begonnen. Von der Ariadne aus ist sie in eine Einrichtung für wohnungslose Frauen in Düsseldorf-Flingern umgezogen. Dort lebt sie seit Februar 2013, nimmt Therapieangebote in Anspruch und versucht Schritt für Schritt auch beruflich wieder Fuß zu fassen. „Ich würde gerne einen Bürojob machen“, sagt sie. Die Chancen dafür stehen gut. S. verfügt über eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung, war früher mal bei der Arbeitsagentur beschäftigt. Was sie im vergangenen Jahr gelernt hat? „Man muss gut für sich sorgen, auf sich aufpassen“, sagt sie. Und: Man müsse zu sich und seiner Situation stehen: „Das gehört zu mir, zu meinem Leben.“

Nicht zuletzt deshalb hat sie mit dem Journalisten und Sozialpädagogen Stefan Weiller über ihr Leben gesprochen. Insgesamt 14 wohnungslose Frauen aus Düsseldorf hat Weiller für sein Projekt „Düsseldorfer Winterreise“ interviewt. Jedes Gespräch dauerte ungefähr eine Stunde. Dabei ging es weniger um das individuelle Schicksal und mehr um allgemeingültige Themen. Wie lebt es sich in einer reichen Stadt wie Düsseldorf, wenn man arm ist? Wie begegnen einem die Mitmenschen, wenn sie hören, dass man keine Wohnung hat? Welche Erfahrungen macht man mit Behörden? Solche Dinge. Das Ergebnis hat Weiller anonymisiert und zu Texten verdichtet. Die werden nun am 15. März in der Düsseldorfer Johanneskirche von der Schauspielerin Renan Demirkan vorgetragen. Dazu präsentieren drei Sänger, zwei Frauen und ein Mann, Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“.

14 Frauen wurden für das Bühnen-Projekt interviewt

Die Düsseldorfer Veranstaltung ist Teil eines seit 2004 laufenden bundesweiten Projekts, das, so Initiator Stefan Weiller, „einen hohen sozialen Anspruch mit einem hohen künstlerischen Anspruch kombiniert“. 305 Menschen hat der Frankfurter Weiller im Laufe der Jahre interviewt. An den „Winterreisen“, die unter anderem in Hamburg und Berlin über die Bühne gingen, waren so renommierte Leute wie Christian Brückner, Synchronstimme von Robert De Niro, oder der Theaterschauspieler Ulrich Matthes beteiligt. Die Düsseldorfer Ausgabe der Winterreise wurde eigens anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Einrichtung Ariadne organisiert. Der Eintritt in die Johanneskirche ist frei, man möchte arme Menschen nicht ausschließen. Von jenen Besuchern, die etwas mehr im Geldbeutel haben, erhoffen sich die Veranstalter Spenden zugunsten wohnungsloser Frauen. Dass man letztere keinesfalls sofort als solche ausmachen kann, beweist derweil die angeschlossene Ausstellung von Ann-Kathrin Kampmeyer. Die Fotografin lichtete insgesamt 26 Frauen ab – komplett ungeschminkt und nur im Unterhemd. Sechs von den Porträtierten sind obdachlos. Welche genau, weiß allein die Künstlerin.

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