Scheiß drauf. Auf alles. Interview mit Philipp Schiemann

| Foto: Lucja Romanowska

Die Rückkehr des Autors

Es gibt Menschen, die nur mal kurz Zigaretten holen gehen – und für immer verschwinden. Eine Zeit lang sah es aus, als wäre Philipp Schiemann so ein Fall. Nach fast 6 Jahren erscheint am 15.3. mit Gnadenlos“ nun doch wieder ein neuer Schiemann. Alexandra Wehrman sprach mit dem Düsseldorfer Autor über die Zeit zwischen Kippenautomat und Rückkehr.

Welches war dein letztes Buch und aus welchem Jahr stammt es?

Das letzte war ein 450-Seiten-Band über westafrikanische Wassergötter, sehr speziell also in seiner Thematik. Dazu habe ich mit dem bekannten Ethnologen und Buchautor Henning Christoph Ghana, Togo und Benin bereist. Insgesamt waren das vier Jahre Arbeit ohne Ende, es ging bis 2007. Dann der Schlag: Kein Verlag wollte es drucken, noch nicht einmal ansehen. Die Zielgruppe sei zu klein. Bis dahin hatte ich 40.000 Euro Eigenkapital investiert, auch die Kunststiftung war mit 9.000 Euro drin. Die letzte Arbeit, die verlegt worden ist, stammt von 2004, das waren „Die Ghana Briefe – Aufzeichnungen aus einem westafrikanischen Land.“ (Edition Selene, AU-Wien). Das ist heute ausverkauft, der Verlag hat Konkurs angemeldet. Ich sehe es immer bei Amazon gebraucht, und zwar teuer! Scheint gefragt zu sein.

Nach vielen Jahren Pause erscheint im März ein neues Buch von dir, „Gnadenlos“. Die Gedichte und Kurzprosa-Texte drehen sich um Themen wie Sucht, Entzug, Kliniken, Depressionen, Einsamkeit, Liebe, Tod. Gibt es irgendwas in dem Werk, das nicht autobiografisch ist?

Nö, eigentlich nicht. Ich meine, es geht nicht nur um Dinge, die ich am eigenen Leib erfahren habe. Das natürlich auch, aber ich hatte reichlich Gelegenheit, auch in die Abgründe anderer reinschauen zu können. Es ist ein schmales Büchlein geworden, aber sehr persönlich und alles andere als ein Schnellschuss. Ich habe die Texte sehr sorgfältig ausgesucht und bearbeitet.

Welche Drogen hast du konsumiert, es ging ja offenbar nicht nur um Alkohol?

Ich habe ja mit 14 Jahren angefangen und dann mit 20 aufgehört. Danach war ich clean bis zum 37. Lebensjahr. In der Jugend habe ich alles ausprobiert und bin so zum Polytoxikomanen/Alkoholiker geworden. Bis ich dann erstmals total am Ende und ein halbes Jahr obdachlos war. Ganz tief im Dreck. Da war ich 19. Eine ungeheure Scheißzeit voller Ängste und Unsicherheiten. Seitdem habe ich bis zum heutigen Tage Angst vor der Obdachlosigkeit. Da braucht man ein ganz dickes Fell. Ich habe das nicht. Nie gehabt.

In welchen Situationen hast du geschrieben?

Meist aus der Distanz. Solche Themen sind nur mit dem richtigen Abstand zu bearbeiten. Wenn man in den Prozessen selbst noch völlig drinsteckt, wird das meist nix. Es wird dann zu einer Nabelschau, bei der man merkt: Der oder die Betreffende hat sich von dem Geschilderten noch gar nicht ausreichend „emanzipiert“.

Inwiefern kann das Schreiben in einer derartigen Situation helfen?

Weiß ich nicht. Ich habe diese Sachen nicht aufgeschrieben, weil das geholfen hätte. Eher, weil ich die Inhalte für wichtig, für mitteilenswert erachtet habe. Natürlich kommt da noch diese morbide Komponente hinzu. Ich beschreibe ja sowohl tragische, als auch groteske und komische Sachen. Alles gleichzeitig.

Gab es Leute in der Klinik, denen du deine Texte gezeigt hast? Wie waren die Reaktionen?

Wie gesagt, in der Klinik habe ich nicht geschrieben. Allenfalls Notizen. Das kam fast alles später. Wenn Du entzügig in einer Klinik hockst und dein ganzes Leben nur noch ein Scherbenhaufen ist, dann hast du meist keinen Bock mehr auf Texte. Für wen oder was auch noch schreiben?

Die Texte in dem neuen Buch sind zwischen 2007 und 2012 entstanden. Der Tenor ist verzweifelt, hoffnungslos. Man gewinnt nicht den Eindruck, dass sich dein Zustand kontinuierlich verbessert. Wie geht es dir heute?

Drei sehr depressive Texte sind nicht aus dieser Zeit. Und zwar einmal die beiden Mutter-Gedichte sowie der längere Text „Montag, 05.12.99“. Diese drei stammen aus den Jahren 1999 und 2000. Da ging es mit meiner Mutter zu Ende. Ich fand die drei sehr passend im Kontext. Aber um auf Deine Frage einzugehen: Was verbessert sich in unserem Dasein denn kontinuierlich? Wir bauen doch eher ab und versuchen dem mit allen erdenklichen Dingen entgegenzuwirken. Wässerchen, OPs, Wellness-Tage, Zumba ... Wie es mir heute geht? Naja. Geht so. Aber das hätte ich vor 15 Jahren auch geantwortet. Ich bin nicht so ein Morgenstund-hat-Gold-im-Mund-Typ. Nie gewesen.

Wie kam es dazu, dass die Texte als Buch erscheinen?

Bruno Kehrein vom Grupello Verlag hat mich gefragt, ob ich nicht ein paar Gedichte für ihn hätte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die von selbst anzubieten. Komisch eigentlich. Na, er hat den Stein jedenfalls ins Rollen gebracht.

Warum hast du Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW das Gedicht „Monkey Business“ gewidmet?

Weil ich 2006 ein Lissabon-Stipendium mit achtwöchigem Aufenthalt hatte. Ich habe dort an meinem Sachbuch gearbeitet, von Lissabon habe ich kaum was gesehen. Jedenfalls sollte ich drei unverfängliche kleine Texte über die Stadt beim Literaturbüro abliefern, was ich auch getan habe. Und weil das eben ganz brave Episoden waren, fand ich es nett, Maren diesen etwas weniger braven Text aus Lissabon zu widmen.

Wo und wie lebst du heute?

Nachdem ich in Bergisch-Gladbach schnellstmöglich aus der Wohnung, in der ich mit meiner Ex gewohnt hatte, raus musste, habe ich mir idiotischerweise ein Zimmerchen in Köln gemietet. Winzig klein und nur als Notlösung gedacht, aber ich bin schon seit einem Jahr hier. Ich mag die Stadt, offen gestanden, nicht besonders. Bei Düsseldorf geht es mir aber nicht viel anders. In beiden Städten ist für meinen Geschmack im Krieg einfach zu viel kaputt gegangen.

Kannst du dir vorstellen, wieder Lesungen zu machen?

Ist geplant für 2013. Aber ganz gemächlich, kein Stress.

Früher hast du neben deiner literarischen Arbeit auch Musik gemacht und geschauspielert. Bist du auf diesen Feldern auch wieder aktiv?

Nein. Das ist nicht ausgeschlossen, aber nein, momentan nicht.

In welchen Momenten empfindest du Glück?

Beim Spielen mit manchen Hunden. Englischen Settern zum Beispiel. Die sind so schön bekloppt, das kann glücklich machen.