„Peer Gynt“ im Düsseldorfer Schauspielhaus

| Foto: Sebastian Hoppe

Nur Trolle in der Peer-Group

Morgenstimmung? Fehlanzeige! Staffan Valdemar Holms inszeniert seinen „Peer Gynt lieber im grauen Licht eines fensterlosen White Cube, in dem ganz nebenbei großformatige Fotos wie zum Beispiel Emily Layes „Torso eines Jungen“, ausgestellt werden. Einerseits ein interessanter Zug von Holm, den großen Kunstmetadiskurs mit auf die Bühne zu bringen, andererseits eine Anspielung auf Henrik Ibsen selbst, der auch eine Laufbahn als Fotograf in Betracht gezogen hat. Auf der Bühne befinden sich außerdem zwei verschiebbare Wände, die zwischen den vier Akten vom grau gekleideten Museumspersonal gedreht und gewendet werden. Im Laufe der dreistündigen Aufführung hat das Publikum also zusätzlich die Möglichkeit, dem Rundgang durch die gesamte Ausstellung beizuwohnen.

Die Inszenierung besticht durch den wohldosierten Einsatz folkloristischer Elemente, die unter anderem der dänischen Bühnen- und Kostümbildnerin Bente Lykke Mølle zu verdanken sind. Sehr atmosphärisch ist zum Beispiel der traditionelle Hallingdans (Choreographie: Jeanette Langert), den die Hochzeitsgesellschaft samt Braut mit Hochzeitskrone im ersten Akt zum Besten gibt.
Und wie steht es um Peer Gynt (toll besetzt: Olaf Johannessen) selbst? Er kommt natürlich denkbar schlecht weg. Ein irrer Narziss, der im schwarzen Fair Isle Pullover allen Frauen hinterher steigt, der „Ich bin ein geiler Hahn“ zur Melodie des Bergkönigs singt und dessen große Liebe Solvejg (Anna Kubin) doch im Endeffekt sehr viel von seiner Mutter Aase (Karin Pfammatter) hat. Ein klassischer Nachfolger von Ödipus eben. Apropos Aase: Die durfte wahrscheinlich nur in wenigen Inszenierung so ein sympathischer Haudegen sein, wie in der Holm'schen.
Im ersten und zweiten Akt macht Peer Gynt eigentlich nur das, was er am Besten kann: pöbeln, prollen und poppen. Die einzige Unterbrechung bietet hier der Tanz der Trolle zu Griegs „In der Halle des Bergkönigs“. Trolle beider Geschlechter, die sich eigentlich nur durch geschmacklose Brillen und lange Schwänze von den Leuten aus Peers Dorf unterscheiden, vollführen getragene Gesichtsgymnastik, die im krassen Kontrast zu den brachialen und ekstatischen Klängen Griegs stehen.
Dass es auch unter Norwegern des 19. Jahrhunderts und weiblichen Bergtrollen schon Streitigkeiten bezüglich des Sorgerechts gab, zeigt der dritte Akt. Die Trollprinzessin (Stefanie Rösner) ist nach den Querelen ihrer Schwangerschaft (Probleme mit der Bandscheibe), mit dem immerhin 1,90 Meter großen und ausgesprochen hässlichem Trollbaby (Moritz Führmann) wirklich nicht dazu breit, ihn als Singlemom groß zu ziehen. Zwischendurch öffnet das Trollkind das Kleid der Mutter, weil es gestillt werden möchte. Eine gewagte dramaturgische Entscheidung, bedenkt man, dass das Düsseldorfer Publikum schon bei verhaltenen Stöhngeräuschen unruhig auf den Stühlen hin und her rutscht.

Und auch der große Krumme lässt von sich hören. Im Düsseldorfer Schauspielhaus klingt der Leibhaftige allerdings eher wie eine Supermarktdurchsage à la „Die Eltern vom kleinen Timmi...“.

Nach langem Herumlamentieren muss sich gegen 23 Uhr allerdings auch der Düsseldorfer Peer Gynt seinem Schicksal fügen. Minutenlang versucht er sich im vierten Akt, begleitet von den souligen Klängen der schwedischen Künstlerin Neneh Cherry, in Solvejgs Unterleib zu zwängen.
Und die Moral von der Geschicht'? Glaub' an Psychoanalyse oder nicht...