Fluchtversuche: Harper Regan

Claudia Felix als Harper Regan | Foto: Björn Hickmann

Mit dem 2008 bei den Salzburger Festspielen erstmals in deutscher Sprache aufgeführten Stück „Harper Regan“ bringt Regisseurin Bettina Jahnke einen hierzulande viel gespielten und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Gegenwartsautor auf die Bühne.

Der 1971 geborene englische Dramatiker Simon Stephens ist ein exzellenter Beobachter von Individuen, die an widrigen Lebensumständen unserer Zeit zu zerbrechen drohen. So fristet auch Claudia Felix in der Hauptrolle der Harper Regan ein tristes Dasein in den dunkleren Zonen Londons.

41 Jahre ist sie alt, verheiratet, Mutter einer 17-jährigen Tochter (Emilia Haag). Ihr Mann Seth (Stefan Schleue) hat seine Arbeit verloren. Zu Recht? Hat er tatsächlich pornografische Fotos von kleinen Mädchen gemacht? Mit einem schlecht bezahlten Job hält nun allein Harper die kleine Familie notdürftig über Wasser. Als der Chef ihr jedoch den Urlaub für eine letzte Reise zu ihrem sterbenden Vater verweigert, bricht sie aus. Klammheimlich verlässt sie Mann und Tochter, um ihren Geburtsort Stockport, an dem die Eltern nach wie vor leben, aufzusuchen. Doch sie kommt zu spät, der Vater ist bereits tot. Harper steht am Rande des Zusammenbruchs. Eine Odyssee durch ihre alte Heimatstadt beginnt. Und erst in dieser Ausnahmesituation gelingt ihr endlich der eigentliche Aufbruch aus ihrem deprimierenden Leben.

Doch das bedarf radikaler Mittel. Die Protagonistin wird Dinge tun, die sie noch nie zuvor getan hat. Sie wehrt sich tatkräftig und handgreiflich werdend gegen einen aufdringlichen Journalisten. Sie hat Sex mit einem Fremden. Sie offenbart einem Unbekannten ihre Sorge hinsichtlich der möglichen pädophilen Neigungen ihres Mannes. Und sie besucht ihre Mutter, die vor Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte.

Nur wenige Tage lang war Stephens Heldin auf der Flucht, die nur eine scheinbare war. Denn so kam sie sich näher als je zuvor. Sie kehrt zurück in ihr altes Leben. Aber sie ist auf diesem Weg zu sich selbst eine andere geworden.