Konzeptuelle Mittelmäßigkeit: Alle im Wunderland

| Foto: Birgit Hupfeld

Nur dabei statt mittendrin

Träume, Selbstverwirklichung und Entspannung. So positiv ein Wort oder Konzept auch erscheinen mag, es gibt nichts, was nicht schon im Netz der Wirtschaft gelandet und für ihre Zwecke eingespannt worden wäre. Auch in Lewis Carrols Wunderland entdeckt Schorsch Kamerun viel Potential zur Vermarktung und lässt das weiße Kaninchen zum Zeitpresser und Wunschverkäufer werden.

Alice ist ausgebrannt. Sie wird zu Brandy oder Brandaus. Ins Wunderland taumelt sie mehr so hinein, weil sie mal eine Auszeit braucht von höher, schneller, weiter, von ihrem perfekten Leben, vom Erfolg. Doch so sehr sich der Zeitpresser und der Könner auch bemühen, Brandy mag auf den faulen Zauber nicht reinfallen und bleibt eine Außenstehende im Wunderland.

Geschäftig und ambitioniert gehen hingegen die übrigen Kunden und Kundinnen des Wunderlands ihren Tätigkeiten nach. Pflanzen werden geliefert, gelistet und gerückt, ein Gewächshaus gebaut und Waffeln gebacken, an denen sich alle bedienen dürfen. Minutenlang gerät der Zuschauer zur Nebensache, das Treiben auf der Bühne scheint nicht für ihn bestimmt, sondern geschieht nur um des Treibens Willen. Vielleicht ist das der Grund, warum bei der Premiere des Stückes am Ende auch Buhrufe folgten, vielleicht war es so mancher Theatergänger nicht gewohnt, so wenig im Zentrum der Inszenierung zu stehen.

Tante Herta siegt über das Publikum

Ausgerechnet die von Kamerun ausgesuchten Laiendarsteller scheinen sich für das Publikum so gar nicht zu interessieren. Ruhig und routiniert gehen sie ihren Aufgaben nach, Aufgaben die so simpel sind wie Kaffee kochen und jedem Zauber entbehren. Lediglich die an Top-Model oder DSDS erinnernde Tanzstunde der jungen beschwingten Mädchen im Ganzkörper-Gymnastikanzug, sorgt für etwas Glamour und Wunderliches.

Auch die berühmte Gerichtsszene wird halbherzig über die Bühne gebracht, wie im Original rollen keine Köpfe und ohne Sinn und Zweck geht sie vorüber, um dann im 3. Akt die bodenständigen Wünsche der braven Bürgerinnen und Bürger zu erfüllen: Geburtstag mit Tante Herta feiern, den RWO trainieren oder noch einmal im Labor arbeiten als Chef vom Dienst.

Leere Worthülsen

Was bleibt also an Mehrwert von diesem Abend? Bei Kamerun wird die Mittelmäßigkeit zum Konzept. Worte sind oft leere Hüllen, so wie der Text des Stückes, der mit Phrasen á la "Das Glas ist halbvoll" nur so um sich schmeißt. Doch das Wort ist in diesem Falle auch nicht das Medium. Stattdessen zeichnet das Stück uns ein Bild und zwar ein interessantes und echtes: Den Laien wurden ihr Wunsch und ihre Rolle nicht aufgedrückt und zugewiesen, sondern zuvor in Interviews und Gesprächen erarbeitet. Angebot mag also Nachfrage schaffen, doch die meisten erkennen den Schwindel darin. Auch wenn Medien und Marketing uns eine reiche Glitzerwelt verkaufen wollen, liegt das Glück oft in den kleinen Handlungen, eben im Waffeln Backen und Blumen Gießen oder in einem Theaterabend, an dem man mal nicht im Mittelpunkt stehen muss.