Andreas Altmann: Kein bequemer Zeitgenosse

Andreas Altmann | Foto: Nathalie Bauer

„Ich will ein Grünschnabel bleiben“

Andreas Altmann hat schon vieles gemacht in seinem Leben. Er war Buchclubvertreter, Fabrikarbeiter und Dressman, hat in einem buddhistischen Zenkloster gelebt, in Mexico City und New York. Heute ist Altmann in Paris ansässig. Von dort aus bricht er regelmäßig zu abenteuerlichen Reisen auf, von denen er seinen Lesern in – zum Teil preisgekrönten – Reportagen berichtet. Einem größeren Publikum ist Altmann allerdings durch jenes Werk bekannt geworden, in dem er über sein Heranwachsen im bayrischen Altötting berichtet: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Sein neues Buch, das Mitte März erscheint, ist die Fortsetzung des Bestsellers und trägt den Titel „Dies beschissen schöne Leben“. Nadine Beneke sprach mit Andreas Altmann.

Ein bisschen mulmig war mir ja schon ob des Interviews. In deinem neuen Buch wird so mancher Redakteur abgewatscht… Was stört dich an den Kollegen?

An Kollegen stört mich gar nichts, nur an manchen. Sagen wir an jenen, die Redakteure geworden sind, weil sie die Anmeldefrist für die Bäckerlehre versäumt haben. Und die glauben, mit ihrer rabiaten Unbegabung über meine Texte herfallen zu dürfen, sprich, mir beim Redigieren ihre scheußlichen Duftnoten reindrücken zu müssen.

Du eröffnest „Dies beschissen schöne Leben“ mit zwei Zitaten. „Ich bin ein begeisterter Habenichts“ von Peter Handke und „Etwas vom Anker losgerissenes und frei Treibendes“ von Walt Whitman. In deinen Büchern schimmert durch, dass Materielles und starre Bindungen dich nicht glücklich machen. Wie darf man sich deine Bleibe in Paris vorstellen?

Seltsam, was man alles in meine Bücher hineinlesen kann. Materielles stört mich überhaupt nicht, ich kann nicht genug Euro auf meinem Bankkonto liegen haben. Aber die rastlose Gier nervt, dieses Zumüllen des Lebens mit Plunder, diese aberwitzige Lust, sich mit noch mehr Gerümpel zu umzingeln. Und wen starre Bindungen nicht hindern, dem ist eh auf Erden nicht zu helfen. Ich will den Flow, keine Beziehungskiste, die von den beiden Kistenbewohnern jeden Tag mit Vehemenz noch verbissener zugenagelt wird.

Im Vorwort versuchst du, einem bestimmten Lesertyp vorzubeugen („der zartnervige, der genitalzonenfreie, der von aller kriminellen Energie erlöste, jener eben, der gern zum ‚guten Buch’ greift“). Was versprichst du dir davon?

Dass sich die moralisch Hochgerüsteten, jene, die gern mit dem erigierten Zeigefinger auf das deuten, was sie überfordert, dass diese Dünnfrauen und Dünnmänner die Finger von dem Buch lassen. Es könnte sie zu Tode erschrecken.

In „Gebrauchsanweisung für die Welt“ plädierst du für mehr Freundlichkeit. Gleichzeitig regst du dich gerne über „Schafe“, besonders einfältige Zeitgenossen, auf. Wie passt das zusammen?

Ich verstehe die Frage nicht. Soll das heißen, dass Freundlichkeit bedeutet, Schafe nicht mehr „Schafe“ nennen zu dürfen? Soll ich einen Blödmann/eine Blödfrau als „Wunder der Menschheit“ ausrufen? Oder soll ich sie bei dem Namen rufen, den sie verdienen, sich verdient haben? Tun wir das nicht mehr, landen wir im Weltreich der Gutmenschen, sprich, wir lügen uns gegenseitig die Hucke voll. Tagtäglich, eisern. Weil wir feig sind, konfliktscheu, ohne Mumm, uns auseinanderzusetzen. Eine heile Welt soll her, aber die haben wir augenblicklich nicht.

Wie kommt es, dass du derart offen über deine Erlebnisse, z. B. über deine zeitweilige Impotenz, berichtest?

Weil sie Teil unserer Wirklichkeit sind: Wäre ich der einzige (zeitweilige) Impotente, niemand würde es interessieren. Aber ich schreibe von etwas, das viele betrifft. Und ich schreibe die Geschichte dazu, wie es zu dieser Funkstille kam, was an Wirklichkeit auf mich einstürmte, um es soweit kommen zu lassen. Impotenz allein ist nicht abendfüllend, erst die „story behind the story“ erzählt uns etwas von der Welt. Dazu kommt die Art des Schreibens. Es darf nie vulgär, nie Prolo werden. Es muss elegant dastehen.

Du schreibst, Klauen sei sexy. Wieso?

Auch hier muss der Zusammenhang her, sonst ist Klauen nicht sexy. Zuerst einmal, es handelt sich um einen Akt antibürgerlicher Wohlanständigkeit. Er erfordert Chuzpe, Schnelligkeit und die Bereitschaft, für die Konsequenzen einzustehen. Denn endlos viele wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Mehrheit nicht klaut, weil sie Tag und Nacht das Hab und Gut des Nachbarn wertschätzen, sondern weil sie Angst haben, erwischt zu werden. Müssen sie keine Angst haben, bedienen sich auch jene Zeitgenossen, die ansonsten mit der Maske der Scheinheiligkeit durch die Welt gehen. Zudem habe ich ja nie arme Muttis bestohlen, sondern Leute und Institutionen, die vor Geld stanken.

Erstmals hat sich ein Verlag bereit erklärt, die Geschichte „Die Vergewaltigung“ abzudrucken, in der du – ohne zu viel vorweg zu nehmen - vehement für deine eigene Freiheit kämpfst. Woher, meinst du, rührt die Angst der Verlage?

Ich vermute mal, dass sie die Angst jagte, die Geschichte könnte missverstanden werden, sprich, die Leser und Leserinnen mit der Moralkeule auf sie zugehen, statt sie genau zu lesen. Dass wieder die Gesitteten, die Reinlichen, die Fleckenlosen das erhaben hehre Wort führen. Weil die delikate Geschichte sie in ihrer Komplexität überfordert. Ja, die Furcht der Verlage, dass sich das gesunde Volksempfinden, das noch nie gesund war, über „Die Vergewaltigung“ hermacht. Gut, dass die Story nun veröffentlicht wird, Sie ist eine unglaublich wahre Geschichte, die viele, viele andere angeht.

Deine Beziehung zu Büchern ist eine sehr innige. Wie kam es dazu?

Sicher die Schuld meines Unbewussten. Ich suchte etwas, was mir helfen könnte, um mit den schwierigsten Phasen meines Lebens fertig zu werden. Die einen finden Liebe, die anderen den Alkohol, die dritten eine erlösende Begabung. Ich, mein Unbewusstes eben, fand Bücher.

Du flechtest immer wieder gerne die „Bonsaiprosa“ Paolo Coelhos in deine Bücher ein. Welche drei Bücher haben dich am meisten inspiriert?

Sicher nicht das Gesülze des Bonsai-Schamanen Coelho. Hm, drei Bücher sollen mich am meisten inspiriert haben? Das geht nicht, dreihundert, nein, dreitausend – mindestens – haben mich überwältigt. Ach, so viele beunruhigend begabte Männer und Frauen gibt es, die etwas zum Schreiben haben. Ich beute jeden aus, ich bin jedermanns Schuldner.

Wie hast du dir, trotz negativer Erlebnisse, die Liebe zum Leben bewahrt?

Die ist genetisch, ich habe sie nicht trainiert, mich nicht hingesetzt und stundenlang gerufen „Ich liebe das Leben!“ Sie war immer da, von Anfang an. Auch in den dreckigsten Zeiten. Sie ist ein Gen, ziemlich resistent.

Du hast eine Menge von der Welt gesehen, lebst nun in Paris. Bist Du dort „angekommen“?

Hoffentlich nicht. Ankommen erinnert mich an einen grünen Apfel, der endlich reif wird. Das heißt, am nächsten Tag fängt er an zu faulen. Das will ich nicht, ich will lieber Grünschnabel bleiben.

„Dies beschissen schöne Leben. Geschichten eines Davongekommenen“ von Andreas Altmann erscheint am 12. März im Piper Verlag.
andreas-altmann.com