Chance auf den Grimme-Preis: Sascha Bisley im Interview

Sascha Bisley ist für den Grimme-Preis nominiert. | Foto: Chokografie

Seine Metamorphose vom Gewalttäter zum Jugendsozialarbeiter hat Sascha Bisley in seinem Buch Zurück aus der Hölle beschrieben. Diese schonungslose Autobiografie hat ihn weit über die Dortmunder Nordstadt bekannt gemacht. Für seine Fernseh-Dokumentation Szene Deutschland ist er für den Grimme-Preis nominiert. Was das für ihn bedeutet und wie sein zweites Buch entstanden ist, hat er im Gespräch mit Dominique Schroller erzählt.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Grimme-Preis erfahren haben?

Oh Gott. Natürlich war ich mehr als überrascht und habe erst gedacht, das sei ein Scherz. Ein Kollege aus der Spiegel-Redaktion hat angerufen und mich gefragt, ob ich sitze. Wir haben untereinander immer aus Spaß gesagt, dass wir entweder in der Gosse landen oder den Grimme-Preis gewinnen. Doch das hat im Ernst ja keiner geglaubt. Es ist eine unglaubliche Ehre und ich weiß, dass die Nominierung schon wirklich viel bedeutet.

Für die Reihe Szene Deutschland sind sie in die Welt der Junkies und Hooligans abgetaucht. Warum?

Mich interessieren Grenzbereiche – vielleicht weil ich mich selbst lange in diesem Bereich bewegt habe. Mir war es bei dem Projekt besonders wichtig, einen anderen Blick auf die Szene zu vermitteln und zu zeigen, dass das nicht alles Freaks sind, die sich den ganzen Tag nur berauschen. Vielmehr gehören Schicksale dazu, so einen Lebensweg einzuschlagen. Auch unter Hooligans finden sich durchaus gebildete Menschen, die ein Ventil suchen. Es ist untypisch, ohne journalistische Ausbildung an solche Themen heranzugehen, doch möglicherweise macht es gerade das so authentisch.

Sascha Bisley möchte mit den Leuten reden. | Foto: Sascha Bisley

Sie wirken dabei wie ein Vermittler zwischen den Welten. Wie sehen Sie sich selbst?

Das ist eine gute Umschreibung. Denn ich habe selbst eine Drogen- und Gewaltvergangenheit. Ich war selbst Täter und versuche nun, als Brücke zum Zuschauer zu fungieren. Denn ich möchte nichts präsentieren, vielmehr möchte ich mit den Leuten reden und nicht über sie. Für mich war es eine große Chance,  etwas tun zu dürfen, das einen Wert hat. In meinem früheren Leben habe ich selten etwas gemacht, das gut war und sich auch gut angefühlt hat.

Was unterscheidet Sie heute vom Sascha Bisley damals?

Zunächst glaube ich, dass der Sascha von damals ein ganz anderes Lebensmodell hatte – schon aufgrund seines Alters. Mit 44 Jahren habe ich heute ganz andere Möglichkeiten, Konflikte zu lösen, als mit 13. Damals habe ich mich viel an anderen orientiert und mich verbogen. Für einen Zwölfjährigen war das okay, heute kommt das in Frage. Während der Zeit im Gefängnis habe ich angefangen, mir selbst ein Bild von der Welt zu machen.

Für welche Erfahrung sind Sie dankbar?

Huh, das ist schwierig. Ich glaube, für die zweite Chance. Das klingt abgedroschen, aber wenn es wirklich darauf ankommt, sie auch einzufordern, dann passiert oft nicht viel. Nach meinen vielen Fehltritten bin ich daher dankbar für das, was ich heute machen darf. Durch die Möglichkeiten, die andere mir gegeben haben, bin ich ein besserer Mensch geworden. Das kann ich wirklich so sagen.

Was hat Sie dazu bewegt, ein zweites Buch zu schreiben?

Eigentlich ist das mein erstes Buch. Es war schon so gut wie fertig, als das Angebot des Verlages kam, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Da habe ich nicht lange überlegt. Eigentlich wollte ich aber etwas Witziges machen. Angefangen hat alles 2011 mit einem Reiseblog. Die Leute sollten wissen, was ich in New York so mache. Darauf bekam ich viel Resonanz und als ich zurück war, hatte ein Freund mir schon eine Internetseite angelegt. Er sagte, ich könne das irgendwann als Klo-Lektüre veröffentlichen. Und da der Trubel um mein erstes Buch etwas abgeebbt ist, habe ich die Chance genutzt und es rausgehauen.

Sascha Bisley wollte seine Lebensgeschichte eigentlich nie an die Öffentlichkeit bringen. | Foto: Chokografie

Was bedeutet Bisleyland für Sie?

Das ist ein Sammelsurium von Erlebnissen, die lustig und ein bisschen verrückt sind. Im Prinzip ist es die aufgehübschte Form des Tagebuchs. Eigentlich hatte ich nie vor, meine Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit zu bringen, weil das immer noch etwas ist, für das ich mich schäme. Tatsächlich hatte es für mich aber eine therapeutische Wirkung und nun bin ich weniger angreifbar, weil ich mich nackt gemacht habe.

Wie tief ist der Einblick in Ihr Universum?

Es sind schon wahre Geschichten, die so passiert sind und lesbar gemacht wurden. Manches ist komprimiert und die Freiheit ist größer als bei Zurück aus der Hölle, was eine sehr detailgetreue Biografie war. Diesmal sind es mehr Lesebühnen-Geschichten.

Wie soll Ihre Welt sich weiter drehen?

Mir ist erst einmal wichtig, dass sie sich überhaupt weiter dreht. Einen Weg, den ich einschlagen möchte, gibt es nicht. Erst einmal mache ich das, was ich bisher auch getan habe: Ich schreibe, produziere und mache Anti-Gewalttraining mit straffälligen Jugendlichen. Doch ich kann mir auch vorstellen, morgen wieder in einen ganz normalen Job zu gehen. Wichtig ist es mir, dass ich Freude daran habe und wenn ein drittes Buch dabei herauskommt, ist es mir auch recht.

Was werden Sie sagen, falls Sie den Grimme-Preis bekommen sollten?

Wie oft ich mir diese Frage schon gestellt habe – und die Antwort weiß ich immer noch nicht. Wahrscheinlich werde ich denen danken, die daran beteiligt waren. Vielleicht bekomme ich aber auch kein Wort heraus.

Weiterlesen

Premierenlesung: 5.3. Schauspielhaus, Dortmund

Sascha Bisley: Im Knast habe ich Seelen zerbrechen sehen

Vom Gewalttäter zum Sozialarbeiter - so lautet der Untertitel von Sascha Bisleys Buch, in dem er offen über seine Vergangenheit im Gefängnis und seinen Weg zurück in die Gesellschaft schreibt. Im Interview sprach er mit uns über Früher, Heute und sein erstes Buch. [mehr...]