Pixel(Ruhr)pott: Wiege der Videogames

Ruhrpott-Fantasy bei Risen 3 | © Deep Silver, a division of Koch Media GmbH, Austria

Der lange Kampf gegen das Schmuddel-Image eint das Ruhrgebiet und die Videospielindustrie. Beide sind mittlerweile auf einem guten Weg. Games gelten als positiver wirtschaftlicher Faktor mit gelegentlichem „Kulturgut-Zertifikat“, die „Metropole Ruhr“ baut an ihrem Image als Kulturlandschaft. Die frühere Schmiede Europas bietet auch den Gameschmieden eine Heimat – und das schon seit mehr als 20 Jahren.

Aufbaustrategie

„Das Ruhrgebiet ist eine Geburtsstätte von Spielen. Die Siedler kommen aus Mülheim, und es gibt viele andere Publisher, die in den Achtzigern hier ihre Niederlassung gegründet haben.“ Odile Limpach arbeitet als Strategical Consultant. Sieben Jahre lang hat sie das Studio des Spieleentwicklers Blue Byte geleitet. Ende der Achtziger gründete sich die Firma in Mülheim und landete mit der Wirtschaftssimulation  Die Siedler und dem Rundenstragiespiel Battle Isle Verkaufshits. 2001 kaufte Ubisoft, einer der weltweit größten Publisher, Blue Byte und machte sich aus dem Kohlenstaub: Firmensitz ist heute Düsseldorf.

Der andere große Entwickler war Phenomedia aus Wattenscheid, der 2000 mit den Moorhuhn-Shootern bekannt wurde. Zwei Jahre später hat die Gameschmiede dichtgemacht. Ein Finanzskandal führte in die Insolvenz. Doch Phenomedia und Blue Byte hatten zum Wachstum von kleineren Anbietern geführt, erläutert Thomas Müller vom Kompetenzzentrum Games Factory Ruhr: „Aus den beiden erfolgreichen Studios sind eben viele kleinere entstanden, von Dienstleistern über Graphik- bis zu Sounddesign.“ Ein Beispiel ist Funatics Software aus Oberhausen aus dem Blue Byte-Umfeld, die sich einen Namen mit digitalen Umsetzungen der Catan-Brettspiele gemacht haben.

Das Bochumer Entwicklerteam Piranha Bytes hat sich vor dem Phenomedia-Untergang retten können. Das Management kaufte sich bei der Insolvenz frei. Heute ist Essen der Standort. „Wir sind keine klassische Firma mit Bürokomplex, wir haben uns in einem Mehrfamilienhaus einquartiert. Sehr familiär“, beschreibt Björn Pankratz, Project Director Game-Design den Firmensitz. Das Spezialgebiet von Piranha Bytes sind Fantasy-Rollenspiele. Nach der beliebten Gothic-Reihe haben sie das Konzept erfolgreich in der Risen-Trilogie weiterentwickelt. Risen 2 hat 2012 den Deutschen Entwicklerpreis in der Kategorie „Bestes Rollenspiel“ gewonnen, Teil 3 hat 2014 den Gamescom-Award zum Best Role Playing Game errungen. Die Dialoge ohne gestelzte Pseudo-Mittelaltersprache haben den Piranha Byte-Games den Ruf von Ruhrpott-Fantasy eingebracht. Nicht zu Unrecht, findet Björn Pankratz: „Das ist typisch Ruhrgebiet. Viele Charaktere haben eine flapsige Art und Weise mit dir umzugehen, sind sehr direkt und legen eine sehr raue Sprache an den Tag.“

Weltenbau in der Games Factory Ruhr
Team Piranha Bytes auf der Gamescom'14

Micromanagement

Auch das Ruhr-Klischee von den harten Malochern findet in der Gamesentwicklung seine Fortführung. Björn Pankratz: „Für jedes Projekt müssen wir Kohle zusammenkriegen, um 27 Leute zu finanzieren.“ Damit junge Entwicklerteams das gut hinkriegen, bietet die Games Factory in Mülheim Hilfe an. Die Gamesbranche hatte angeregt, Dienstleister und Zulieferer zusammen mit Spieleentwicklern unter ein Dach zu bringen. „Aus dieser Idee heraus haben wir 2009 die Games Factory als Kompetenzzentrum gegründet.“ erinnert sich Thomas Müller, Projektleiter Games in der Factory. Entwicklerteams können sich um „Gründerlabore“ bewerben und mietfrei Arbeitsplätze sowie Hard- und Software für ein paar Monate nutzen. Ohne eine solche Starthilfe wäre eine Unternehmensgründung nicht drin, so Müller: „Viele Teams kommen frisch von der Hochschule und spielen mit dem Gedanken, sich selbständig zu machen. Da beraten wir auch für die Förderprogramme der Film- und Medienstiftung NRW.“ Die Stiftung hat 2014 zwölf Projekte für innovative audiovisuelle Inhalte mit 789 400 Euro unterstützt. Thomas Müller sieht aber auch im Umfeld einen Anreiz, in die Games Factory einzuziehen. Die Firmen reichen unter Umständen Aufträge weiter, die Programmierer treffen sich auf dem Flur und helfen sich bei Problemen oder machen gemeinsam Projekte. „Die kurzen Wege machen den Charme der Games Factory aus.“ Aber gerade in einer Branche, in der schnell gegründet wird, kann auch viel schief gehen. „Wenn man da nicht auf dem neuesten Stand bleibt, ist man schneller weg als man gucken kann.“ Ein Beispiel dafür waren die Novacore Studios, die bei der Gründung in die Games Factory eingezogen sind. Nach zwei Jahren kam das Aus. Müller: „Das war ein absolut fähiges Team. Die haben sich aber direkt ein Riesenprojekt ans Bein gehangen. Das ist gefährlich, weil man abhängig ist von dem einen Auftrag.“ Die Weltraumstrategie Legends of Pegasus kam unfertig auf den Markt, um auf der Gamescom präsentiert zu werden. Bugs und Abstürze vermiesten den Spielspaß, das Game hat sich nicht verkauft. Ein anderes Beispiel war Fat Guy Entertainment. Aus der Sicht des Projektleiters ist die Firma zu schnell gewachsen. Hat eine solche Firma viele Mitarbeiter und es bleiben mal Aufträge aus, dann führen die hohen Fixkosten zu Engpässen. „Die betriebswirtschaftliche Seite wird manchmal unterschätzt.“ Langsam und mit Bedacht wachsen sei am besten. Oder Anwendungen außerhalb der selbst gesteckten Grenzen suchen. „Grey Rook Entertainment ist eine junge Gründung in der Games Factory. Die haben sich breit aufgestellt, ihr Spieleprojekt beiseitegelegt und machen fast nur noch Businessanwendungen.“ Denn die Technologie für Spiele wird auch in anderen Branchen geschätzt. Jörg Niesenhaus ist der Standortleiter von Centigrade Nordwest, auch in der Games Factory vertreten: „Wir nutzen Spieletechnologie unter anderem, um Benutzerschnittstellen oder Interfaces zu bauen. Das heißt, wir versuchen eine möglichst optimale Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zu entwerfen.“

Ruhrpott-Fantasy bei Risen 3 © Deep Silver
a division of Koch Media GmbH

Looten und Leveln

Die Branche wird im Ruhrgebiet weiter wachsen, denkt Odile Limpach: „Ich sehe diese positive Entwicklung mit Medienzentren. Es gibt mehr Unis, die auch die richtigen Studiengänge anbieten.“ Die starken Hochschulen schätzt auch Jörg Niesenhaus von Centigrade: „Sowohl die technischen Ausprägungen als auch Design. Wir finden da potentielle Mitarbeiter.“ An der Ruhr-Uni Bochum bietet die Initiative Game Studies (IGS) seit fast vier Jahren Veranstaltungen an. Ihr Ziel ist es, digitale Spiele in der Forschung zu etablieren. Über gameaffine Studiengänge im Ruhrgebiet sagt Peter Kozyra von der IGS: „An der Universität Duisburg Essen gibt es den Studiengang Angewandte Kognitions- und Medienwissenschaft, der Kenntnisse zu Medien, Psychologie und in Informatik vermittelt. Auch die FH Dortmund bietet im Rahmen ihres Studiengangs Kommunikationsdesign Veranstaltungen, in denen die Studierenden ein eigenes Spiel entwickeln müssen.“ Björn Pankratz von Piranha Bytes dagegen wird eher nachdenklich, wenn er an die Zukunft der Spielebranche im Ruhrgebiet denkt: „Wir sind einer der letzten Mohikaner. Große Firmen sammeln Arbeitskräfte, die kleinen gehen sehr schnell kaputt. Wenn mich jemand fragt: ‚Soll ich Gamedesign studieren?‘ kann ich nicht so recht drauf antworten.“  Peter Kozyra von der IGS schätzt das Potential der Region hoch ein: „Lokale Netzwerke von Entwicklern, Designern und Kreativen, wie die Games Factory Ruhr, können Synergien nutzen. Eigeninitiative, Netzwerke und Förderung müssen ineinandergreifen, damit die Gamesbranche im Ruhrgebiet wachsen kann.“

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