Salongespräch: "Gutes Theater ist auch abseits der Hochburgen möglich"

Goldenes Zeitalter für Dortmund | Foto: Birgit Hupfeld

Mangelnder Mut bei den einen, Traumbesetzungen bei den anderen. Die Theaterszene im Ruhrgebiet galt auch schon vor der Ernennung zur „Kultur-Metropole“ als besonders hochwertig, innovativ und vielfältig. Dem rennomierten Riesen aus Bochum haben die kleinen Häuser den Rang abgelaufen. Auch die Essener Oper hat starke Konkurrenz bekommen. Musiker Tommy Finke, Theaterjournalist Honke Rambow und Regisseur Udo Höppner trafen sich in unserem virtuellen Salon, um über das Erfolgsgeheimnis von Dortmund, mangelnde Gelder und die Personalpolitik der Theater im Ruhrgebiet zu sprechen.

Udo Höppner: Unglaublich, fast jahrzehntelang dümpelte das Schauspiel in Dortmund ohne Profil nur mit seltenen Highlights aufzuckend vor sich hin – und jetzt höre ich, noch absehbare Zeit von außerhalb des Potts draufguckend, nur noch Dortmund, Voges, Bochum fade, Essen auch wieder in Tiefschlaf verfallen, Oberhausen wacker ... Was ist denn eigentlich kulturpolitisch und zuschauertechnisch in Dortmund passiert, dass so eine Theaterwunder möglich macht? Dass Kay Voges ein Ausnahmeregisseur ist, weiß ich schon seit seinen Oberhausener Inszenierungen, aber wie kam der in Dortmund ans Ruder, und was macht er sonst noch richtig, neben seiner künstlerischen Arbeit?

"Die Einladung freier Produktionen straft so eine Aussage Lügen."

Honke Rambow: Ich denke, in Dortmund wie Oberhausen ist der Grund für den Erfolg ein ähnlicher. In beiden Städten haben wir Intendanten, die eine sehr dezidierte Vision von Theater haben und diese unbeirrt verfolgen. Weder Kay Voges noch Peter Carp ließen jemals erkennen, dass man irgendetwas nicht machen könne, weil man halt "nur" in Dortmund oder Oberhausen sei und nicht in Berlin oder Hamburg. Beide Intendanten hatten zunächst mit heftigen Widerständen zu kämpfen, haben das aber durchgestanden und darauf vertraut, dass gutes Theater überall möglich ist und dass das Theater, das sie machen, gut genug ist, um sich auch jenseits der Theaterhochburgen durchzusetzen. Das erklärt umgekehrt auch das Problem in Bochum, wo immer wieder versucht wird, einer (imaginierten) Publikumserwartung gerecht zu werden. Zudem haben Voges und Carp trotz widrigster finanzieller Voraussetzungen diese nie als Entschuldigung gebraucht, während in Bochum (behauptete oder tatsächliche) finanzielle Schwierigkeiten ständig ins Feld geführt wurden, um zu begründen, dass man nicht mehr das Level halten könne, das das Haus einmal hatte. Ich erinnere mich noch gut an das Jahr, in dem Anselm Weber bei einer Veranstaltung in Bochum verkündete, mit diesem Etat könne man nicht erwarten, zum Berliner Theatertreffen eingeladen zu werden. Es war das Jahr, in dem Oberhausen mit Fritschs "Nora" auf dem Berliner Theatertreffen war.

Übrigens (und es ist wohl kein Geheimnis mehr) bin ich der Meinung, dass die Oper Dortmund das nächste Theaterwunder ist und gerade ganz heftig Essen den Rang abzulaufen droht – oder schon abgelaufen hat. Auch hier ist vor allem Mut die wichtigste Qualität.

Tommy Finke: Als Mitmischender in Dortmund kann ich sagen: Das Zusammenspiel der künstlerischen Kräfte, der Respekt vor jedem einzelnen, sei er/sie Künstler oder Crew, und der Blick über den Tellerrand (wie wäre ich sonst dort gelandet?) schaffen eine Arbeitsumgebung, in der man gerne bereit ist, alles in ein Stück zu stecken, was man hat, und mit der Hilfe der anderen Involvierten sogar noch mehr. Ich freue mich, nach meinem Debüt bei "Das goldene Zeitalter", aktuell auf die Arbeit an einem zweiten Stück "unter" Kay Voges. Das "unter" steht in Anführungszeichen, denn Arbeit in Dortmund erfolgt stets auf Augenhöhe. Und wer direkt begreifen möchte, was in Dortmund so speziell ist, kann sich "Das Fest" angucken.

Udo Höppner: Vielen Dank – alles einleuchtend. Wenn Weber so was sagt, muss man zwar verstehen, dass er dann versucht, Politik zu machen – aber die Einladung freier Produktionen straft so eine Aussage Lügen.

"Das schafft ein Klima, das bestenfalls in einer Sparkasse gut funktioniert."

Honke Rambow: Danke an Tommy für diesen Einwurf, der natürlich völlig richtig ist. Kay Voges sagte mal (ich glaube, es war noch in Oberhausen), es ginge immer darum, eine Bande aus dem Ensemble zu machen. Gerade an kleinen Häusern wie Dortmund und Oberhausen ist es unerlässlich, dass alle Mitarbeiter voll hinter dem Haus (und dem Intendanten) stehen, denn sonst wären solche Spielpläne mit so kleinen Ensembles überhaupt nicht realisierbar. Auch hier zeigt sich der Unterschied zu Bochum, wo Weber bei seiner ersten Ensembleversammlang verkündete, dass er von den Mitarbeitern gesiezt werden möchte. Das schafft ein Klima, das bestenfalls in einer Sparkasse gut funktioniert.

Udo Höppner: Merkwürdig eigentlich – in Essen hatte Weber das Theater aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Ich hielt ihn seinerzeit für eine relativ gute Wahl. (Ich meine, wer soll in Bochum schon auf ’nen Voges kommen?;-)

Tommy Finke: Honke, ich habe ja in der Zwischenzeit auch viel Klatsch aus anderen Häusern aufgesogen und weiß die Situation in Dortmund daher umso mehr zu schätzen. Und mit der Oper gebe ich dir recht, da scheint sich gerade ebenfalls einiges zu bewegen, und es ist eine Schande, dass ich letztes Jahr noch einen Post auf Kosten der Oper gemacht habe, nur um jetzt meine eigene Engstirnigkeit zu bemerken. Ja: auch die Oper öffnet sich scheinbar, aus meiner Sicht, positiven Wandlungen.

"Petras wäre natürlich ein ganz anderes Kaliber als Weber gewesen."

Honke Rambow: Essen war natürlich eine ganz andere Situation: Das Haus ist so groß wie die Bochumer Kammerspiele und lag wirklich völlig am Boden. Goerden war zwar in Bochum auch gescheitert, aber er hatte zumindest ein exzellentes Ensemble. Da gab es bei Weber immer schon Defizite, er hatte auch schon in Essen keine gute Hand für Schauspieler. Übrigens standen ja für Bochum Christoph Schlingensief und Armin Petras als Intendantenteam auf der Liste. Dazu hatte die Stadt nur nicht den Mut. Schlingensief ist ja tragischerweise dann auch verstorben, aber Petras wäre natürlich (sieht man ja an Gorki und jetzt Stuttgart) ein ganz anderes Kaliber als Weber gewesen.

Udo Höppner Nun ja, nicht dass der Eindruck entsteht, dass einer der Beteiligten sich mit Kürzungen der Theateretats einverstanden erklärt und darin sogar eine Chance zur Qualitätssteigerung sieht! Auch wünscht sich jeder wohl auch ein starkes Schauspielhaus Bochum – und niemand spricht Webers Team wohl die Möglichkeit ab, die nachbarschaftliche Konkurrenz als positiven Ansporn zu nutzen. Eine Einladung nach Berlin ist ja nun beileibe nicht der einzige Maßstab.

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Udo Höppner ist Regisseur, Dramaturg und Künstler, der nach einigen Jahren Dresden, Bremen und Berlin wieder ins heimische Ruhrgebiet zurückgekehrt ist. Dort widmet sich vor allem der Bühnenperformance, literarisch-musikalischen Programmen und dem Brückenschlag zur bildenden Kunst. udo-hoeppner.de

Honke Rambow ist der ehemalige Pressesprecher des Rottstraßen Theaters und freier Journalist (u.a. coolibri), Musiker und Autor.

Tommy Finke ist ein Bochumer Sänger und Songwriter. Für Alexander Kerlins und Kay Voges Das Goldene Zeitalter – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen komponiert er zum erstem mal Theatermusik – und steht live mit dem Ensemble auf der Bühne. tommy-finke.de