Worringer Schlachten der Gegenwart

Worringer Platz Düsseldorf | Foto: Sebastian Hoppe

Ordnung, Schönheit, Verletzung

Der Worringer Platz polarisiert. Als Verkehrsknotenpunkt, Umschlagplatz und vermeintlicher Schandfleck im Zentrum Düsseldorfs ist er Sinnbild für die Widersprüchlichkeit einer ganzen Stadt. Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat sich des Platzes angenommen und mit „Worringer Schlachten“ ein recht ungewöhnliches Projekt entworfen, das sich vor allem mit Fragen der Wahrnehmung befasst. Benjamin Doum traf Dramaturgin Marie Milbacher am Ort des Geschehens und sprach mit ihr über Menschen, Erwartungen und ungenutztes Potential am Worringer Platz.

Für die Potsdamerin Marie Milbacher ist der Worringer Platz zu einem Stück Heimat geworden. Zwischen Postämtchen, Grüner Insel und Glashaus gefällt es ihr. Ihre Erklärung ist simpel: „Hier wohne ich, hier arbeite ich und hier bin ich gern. Der Platz ist mein Kiez, ich mag ihn.“ Sie klingt aufrichtig und lächelt, sichtlich angetan vom schroffen Charme des Platzes.

Unserem Treffen geht ein offener Rechercheprozess der Berliner Autorin Anne Jelena Schulte und des Hausregisseurs Nurkan Erpulat voraus. Das Ergebnis war eine inszenierte Platzbegehung, gefolgt von einem Expertengespräch über Geschichte, Architektur und Menschen der Stadt. „Wir kannten den Platz ja nicht, nur seinen Ruf“, gibt Milbacher zu verstehen. „Unsere Perspektive ist eine vorbehaltlose und vielleicht auch ein wenig naiv. Wir sind nicht auf der Suche nach etwas Bestimmtem, sondern arbeiten mit dem, was uns entgegen getragen wird. Uns interessiert vielmehr der Blick der Leute, die sagen, der Worringer Platz sei ein Schandfleck. Warum kommen sie zu dieser Meinung? Und ist die vertretbar?“

Scherben, Spritzen, Kotze 

Aus der Flut der gesammelten Gedanken, Geschichten und Stimmen haben sich drei Themen ergeben – Ordnung, Verletzung und Schönheit – aus denen drei Kurzdramen entwickelt wurden, von denen jedes für sich ein anderes Gesicht der Stadt zeichnet. Es ist jedoch nicht der Versuch, die Stadt oder den Worringer Platz zu erklären. Dies sei Regisseur Erpulat besonders wichtig: „Wir wollen nicht die Schicksale des Platzes ausstellen. Kein gesellschaftlicher Zeigefinger, keine Betroffenheit, sondern Verfremdung. Man soll sich nicht sicher sein können, ob etwas dokumentarisch oder frei erfunden ist.“ Der Worringer Platz diene so als Reflexions- und Projektionsfläche, die Fragen aufwirft: Was wünschen und erhoffen wir uns? Was erzählt der eigene Blick über uns selbst, die Düsseldorfer Gesellschaft, unsere Wahrnehmung und die Herstellung eines Stadtbildes?

Marie Milbacher zeigt sich überrascht, wie offen man ihr und ihrem „Berliner Team“ begegnete: „Ich habe gedacht, dass wir als Außenstehende viel mehr anecken würden. So nach dem Motto ‚Ihr seid nicht aus Düsseldorf, aber glaubt es kommentieren zu können?‘ Dem war aber gar nicht so.“ Ihre Schilderungen passen hierher, an den wohl internationalsten Platz der Stadt. Es gibt kaum einen zweiten Ort in Düsseldorf, wo so viele Menschen aus so unterschiedlichen Ländern und Schichten zusammenkommen. Jeder hat seinen Platz auf dem Platz. „Viele Leute hier sprechen immer von Ordnung und wie wichtig diese ist“, gibt Milbacher zu bedenken. Man muss sich nur umschauen. Spritzen, Scherben, Kotze – man sucht all das vergebens. Und doch hat jeder zweite hier eine Bierflasche in der Hand. Treffpunkt einer „fragwürdigen“ Klientel ist der Platz aber sicher auch deshalb, weil das Drogenhilfezentrum ganz in der Nähe angesiedelt wurde. Wie bestellt, kommt just in diesem Moment ein junger, leicht seltsam anmutender Kerl um die Ecke und erzählt mit gesenktem Blick irgendwas von Ratingen und seiner verlorenen Geldbörse.

Ansichten, Außensichten und Einsichten

Um zwei Euro erleichtert, beschließen wir kurz darauf eine Joghurtsuppe zu speisen und schlendern ins Kebabhaus gleich neben dem kleinen urigen Karnevalsladen mit den vielen Pokalen im Schaufenster – eine Institution, von Veränderung unbeeindruckt. Wir setzen uns, genießen das Essen und kommen zurück zum Thema. „Kunst kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass sich der Blick auf den Platz ändert. Keine mitleidigen Blicke mehr, keine Rechtfertigungen, nur weil man hier wohnt oder sich gar wohl fühlt.“ Von ‚Ich saufe nicht, ich spiele nicht, also brauche ich den nicht‘ möchte Marie Milbacher nichts hören. Für die Dramaturgin sind die „Worringer Schlachten“ ein Herzensprojekt, das nicht behauptet Antworten zu kennen. Die Fragen rund um den Platz werden jedoch um eine weitere, eine außenstehende Perspektive bereichert.

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