TOYS R HIM: Selim Varol im Portrait

| Foto: Katja Früh

Selim Varol sieht ein bisschen aus wie ein Junge, der den Unterricht in seiner Grundschule in New York geschwänzt hat, um die Sachkunde-Lektion ins Trendviertel Williamsburg zu verlegen. Der Enddreißiger trägt eine rote Supreme-Kappe und ein Sweatshirt mit pinkfarbenem Party&Bullshit&Party&Bullshit-Aufdruck zum verschmitzt-gewinnenden Lächeln. „Sollen wir uns hier hin setzen?“ Er weist auf den größten Tisch im Toykio. Letzteres ist eine Kombination aus Galerie, Café und Toy-Laden in der Düsseldorfer Innenstadt. Und auch Varol selber ist vieles in einer Person: Kunstsammler, Kaffeehausbetreiber, Spielzeugfreund, Galerist und 9-bis-5-Finanzmann in der IT-Familienfirma. Katja Früh sprach mit dem Hans-Dampf-in-allen-Gassen über Kunst, Liebe, Batman und den perfekten Burger.

Das Toykio liegt dort, wo Immermannstraße und Oststraße aufeinander treffen, im japanischen Viertel. Es hat große Fenster und mutet so an wie sich ein gewitzter neunjähriger Junge seinen späteren Arbeitsplatz tagträumen würde. Es ist alles so schön bunt hier, und neben hervorragendem Gebäck gibt es reichlich Spielzeug: Marvel-Figuren, Trexis, Kubricks, weiße Häschen zum Selber-Anmalen. An den Wänden hängen Werke von internationalen Streetart-Größen. Die Möbel sind vielfarbig, den Namen des Ortes verrät eine rote Leuchtreklame. In einem der Kunstbücher, die zum Entdecken auf den Tischen liegen, blättert ein Mädchen. Zwei Männer, einer im sommerlichen Kurzarm die austrainierten Arme präsentierend, der Kollege im gestrickten Zopfmuster, arbeiten an Mitnahmerechnern der schicken Sorte. Schräg gegenüber sitzt Varols Gattin Eva, ins Gespräch vertieft mit einer blonden Frau, die ein auffälliges Brillenmodell trägt. Alles wirkt, als hätte Varol zum Gespräch in sein Wohnzimmer geladen. Ab und an begrüßt er Stammgäste, die nun Freunde sind oder Freunde, die zu Stammgästen wurden und bietet erst einmal einen Cappuccino gegen den grauen, kalten Wintertag an. Das Erwachsenengetränk schmeckt hervorragend. Varol ist es wichtig, dass die offerierten „Sachen gut sind“. Egal, ob es sich dabei um einen Kaffee handelt oder das neue große Ding der Kunst.

Kunst für alle

Gerade erst ist der umtriebige Herr Varol samt 3000 Stücken urbaner Kunst und Toys aus Berlin zurückgekehrt, wo seine Sammlung im „me Collectors Room“ zu sehen war. Die Schau war so erfolgreich, dass sie verlängert wurde. Die türkische Vogue hat acht Seiten über den Mann geschrieben, der aus Izmir stammt, in Duisburg groß wurde und sich „überall zuhause fühlt"; vor allem aber in Düsseldorf, Izmir, Istanbul und New York. Der Grundstein seiner Sammlung, sein erstes Toy, ist eine kleine Batman-Figur. Sie lagert noch in einer Kiste aus Berlin. Für all seine anderen Toys und die ganze Streetart, die mittlerweile am Markt der etablierten zeitgenössischen Kunst angekommen ist, würde er gerne in Düsseldorf einen adäquaten Ort finden. Zurzeit sucht er innenstädtische „2 000 qm, um der Sammlung eine Heimat zu bieten“. Gerne dürfte die Kunst zusammen mit einem Restaurant passieren, weil Varol es mag, Gastgeber zu sein. Ebenso kann er sich vorstellen, die „Affordable Art Fair“ nach Düsseldorf zu holen. Eine Messe, auf der Kunst bis zu einem Preislimit von 5 000 Euro angeboten wird und die Kunstfreunde nach Hamburg, London oder Singapur lockte. Hieß es bei Beuys noch „jeder Mensch ist ein Künstler“, gilt nun neoliberaler „jeder Mensch ist ein Kunstkäufer“.

Beste Absichten

Dass Selim Varol tief in der Streetart verwurzelt ist, zeigen nicht nur seine Kleidung, die Turnschuhe, die Waren oder das Interieur seines Ladens. Ausgerechnet bei einer Ausstellung eines seiner Lieblingskünstlers, JR, hat Varol seine Frau Eva kennen gelernt. Der Künstler, der Streetart mit Fotografie verbindet und mit seinen riesengroßformatigen Fotoinstallationen unter anderem in den Favelas von Rio de Janeiro für Furore sorgte, ist für Varol „einer der am meisten inspirierenden Menschen“. So ist es mäßig verwunderlich, dass der aktuelle TED-Preisträger JR es war, der Selim und Eva traute. Nach dem künstlerischen Segen gab es ein legendäres Fest. Es war wohl das erste und letzte Mal, dass im edlen Malkasten Döner serviert wurde. Mehr ums Essen wird sich der Toykio-Macher in Zukunft kümmern. Denn seine Frau bespricht gerade mit der Architektin die nächste Varol’sche Vision. Ein Projekt, das schon ziemlich konkrete Züge angenommen hat: Ganz in der Nähe des Toykio werden schon bald Fleischfladen gegrillt und zwischen zwei Brötchenhälften serviert werden. Burger im Toykio-Style. Klingt gut.

Toykio, Immermannstr. 18, Düsseldorf; toykio.de