Späte Sternstunden: Nordstern Videokunstzentrum

| Foto: Nordsternturm GmbH / Dirk Bannert

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, weiß der weise Volksmund. Und wenn der Glaube daran zu schwinden droht, raunt er tröstend: Gut Ding will Weile haben. Wie recht er doch hat. Denn im Falle des Nordstern Videokunstzentrums in Gelsenkirchen, von dessen geplanter bis zur tatsächlichen Eröffnung im Oktober 2012 ganze zwei Jahre ins Land gingen, wird die Geduld nun belohnt.

Als einer von sieben „Hochpunkten“ des Ruhrgebiets galt der Nordsternturm in Gelsenkirchen den Verantwortlichen der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 als „Kategorie erster Priorität“. Der Erweiterung um einen vierstöckigen Glasaufbau sollte im Herbst 2010 die Eröffnung des Videokunstzentrums und einer Aussichtsplattform folgen, ebenso die Krönung durch die Monumentalskulptur „Herkules“. Lediglich der Koloss von Künstlerfürst Markus Lüpertz konnte rechtzeitig zur kulturhauptstädtischen Abschlussparty nach oben gehievt werden, der Rest des Projekts hatte mit allerlei Unwegsamkeiten zu kämpfen.

Foto: renaga

Die Idee aber hielt sich wacker: Eine auf drei Jahre angelegte Kooperation mit der bekannten Münchner Sammlerin Ingvild Goetz und dem n.b.k. (neuer.kunstverein.berlin.), die den ehemaligen, denkmalgeschützten Förderturm im Halbjahresturnus mit Arbeiten aus ihren jeweiligen Beständen gemeinsam bespielen.

Letzten Oktober wurde dieser Plan endlich Realität und die mit Werken von Lichtgestalten der internationalen Kunstszene gespickte Schau „Schichtwechsel“ eröffnet. Sie zu sehen heißt: Rein in den Lift des Erschließungsturms, rauf in die 11. Etage und rüber in das restaurierte Relikt der Montanindustrie. Dort empfängt eine imposante Fördermaschine und ein freundlicher junger Herr, der die Modalitäten der Turmbegehung erklärt: Von oben nach unten und wieder retour (Ausgang gleich Eingang), wahlweise via Eisentreppe oder internem Aufzug.

Die auf den nun folgenden zwei Etagen zu sehende Videokunst stammt aus dem Fundus des n.b.k., der eine der weltweit ältesten Sammlungen dieser Art unterhält.

Ellen und die 17 Monitore

Während Hito Steyerls „In Free Fall“ solitär in Etage 10 läuft, lädt Etage 9 zwischen Förderrad und Stahlträgern zu einem historischen Streifzug durch die noch recht junge Kunstgattung. Rund 40 Streifen u. a von Bruce Nauman, Nam June Paik, Heimo Zobernig und Tobias Zielony flimmern über 17 Monitore, wohlfeil arrangiert in Silke Wagners Präsentationsdisplay „Ellen“. Dankenswerterweise liegt hier ein kostenloses Begleitheft aus, in dem die einzelnen Filme kurz erläutert werden. Sie alle, so ist darin zu erfahren, setzen sich mit dem Thema „Raum“ im weitesten Sinne auseinander. Das zeitigt manch amüsantes Ergebnis wie „Das eiskalte Auge“ des gebürtigen Gelsenkircheners Heiner Mühlenbrock, für das er Material aus den Überwachungskameras eines Kongresscenters mit Musik und Dialogen aus Gangsterfilmen kombinierte.

Foto: Nordsternturm GmbH / Dirk Bannert

Arbeit und schlafende Hunde

In der Werkauswahl der Sammlung Goetz (Etage 8 bis 6), die man sich ohne Prospekt erschließen muss, bildet weitestgehend „Arbeit“ das zentrale Motiv, z. B. „Zeno Writing“ von William Kentridge, Harun Farockis 12-Kanal-Installation „Arbeiter verlassen die Fabrik in 11 Jahrzehnten“, Jochen Kuhns wunderbarer Trickfilm „Robert Langner, Biografie“, Tony Ouslers „Son of Oil“ oder die Dia-Projektion „Sleepers III“ – Aufnahmen von ruhenden Menschen und Hunden – von Francis Alÿs, mit der gleichzeitig der Begriff des Bewegtbildes deutlich erweitert wird.

Herkules und schöne Aussichten

Das komplette Film-Konvolut zu verarbeiten, ist schon eine rechte Herkules-Aufgabe und natürlich nicht auf einmal zu schaffen. Doch der schmale Eintrittspreis von drei Euro und die noch bis in den Sommer hineinreichende Ausstellungsdauer erlauben wenigstens einen zweiten Besuch. Im Ticket inbegriffen ist übrigens auch die Fahrt weiter himmelwärts. Namentlich in die 18. Etage, wo sich die zeitgleich mit dem Videokunstzentrum eröffnete Aussichtsplattform befindet. Hier kann das Auge über die unendlichen Weiten des Reviers schweifen, um anschließend auf dem Allerwertesten der Lüpertzschen Monstranz zu landen. Aber lieber so als andersrum, denn das Gemächt des Götterlieblings ist wenig schmeichelhaft.

 

nordsternturm.de

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