Museen und Metropolen: Ein Kulturhauptstadt-Flashback in Berlin

Podiumsdiskussion über die RuhrKunstMuseen | Foto: David von Becker

Nachdem ich im Ruhrgebiet mehrere Jahre lang als Journalist unterwegs war und die Debatten um die Kunst- und Kulturszene vor, während und nach der Kulturhauptstadt verfolgt und mit geführt hatte, konnte ich sie irgendwann einfach nicht mehr hören: die Frage, warum es so schleppend vorangeht mit der Ruhrkultur; die Klagen über klamme Kassen und fehlende Förderungen; und vor allem das Mantra von der Metropole, die man sein will und doch nicht ist. Anfang 2012 habe ich mich schließlich entschlossen, dem Ruhrgebiet, meiner alten Heimat, den Rücken zuzukehren und nach Berlin zu gehen.

Umso mehr mutete es wie eine Zeitreise an, als ich vergangenen Mittwoch der Einladung der Ruhrkunstmuseen zum Neujahrsempfang in der Neuen Nationalgalerie folgte. Plötzlich waren sie alle wieder da, die Diskurse des Kulturhauptstadtjahres: über fehlende Kulturförderung, über Relevanz und über Strategien, aus einer Arbeiter- eine Kulturregion zu machen. Knapp ein Jahr hatte ich davon kaum etwas gehört, weil ich hier in der Hauptstadt mit anderen Themen beschäftigt war. Umso interessanter, als Ruhrgebiets-Expat im fernen Preussen mal von Außen auf das ganze Geschehen zu blicken.

Also ab nach Mitte. Es war voll in der Neuen Nationalgalerie – unter dem Mies van der Rohe-Glasbau unweit des Potsdamer Platzes tummelten sich etwa 300 Gäste. Darunter waren allerhand wichtige Leute, Polit-Prominenz und die Ruhrgebiets-Kultur-Elite. Die Getränke gingen aufs Haus, es wurden Hände geschüttelt und vor einer Fotowand posierten Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Ich bestellte einen Rotwein und ging ins untere Foyer, wo die eigentliche Veranstaltung stattfinden sollte.

Ringen um Aufmerksamkeit

Während die Gäste an ihren Stehtischen bei Sekt und Häppchen munter plauderten, begann auf dem Podium der Programmteil des Abends, der inhaltlich wenig Neues ergab. Kulturstaatsminister Neumann lobte die Initiative der RKM und prangerte an, dass die Finanzkrise sich so verheerend auf die Kunst und Kultur auswirke. Der Bochumer Museumschef und Sprecher der RKM, Hans Günter Golinski, betonte, es gebe ja eigentlich nur zwei Metropolen in Deutschland, Berlin und das Ruhrgebiet. Der Kellner schenkte mir Wein nach.

Bisher also keine Antwort auf die Frage, warum die RKM sich ausgerechnet in Berlin präsentierten. Vielleicht, um ein bisschen Glamour der Hauptstadt abzubekommen? Um die Berliner von sich zu überzeugen und einige der Touristenströme umzuleiten, die die Hauptstadt täglich überschwemmen? Mit ihren Sammlungen müssen sich die Museen an der Ruhr wahrlich nicht hinter den Berliner Häusern verstecken. Dennoch drängte sich mir die ganze Zeit der Eindruck auf, dass diese Veranstaltung vor allem ein Ringen um Aufmerksamkeit war.

Während sich in der anschließenden Talkrunde Experten und Kulturschaffende über die Frage „Wer braucht wen?“ unterhielten, brauchte das Publikum, soviel war klar, die Talkrunde nicht, um sich bestens zu amüsieren. Die Redenden mussten sich wiederholt Gehör verschaffen und das laute Publikum rügen. Das Desinteresse mag auch daran gelegen haben, dass die Debatte anfangs eher seicht dümpelte und bekannte Einsichten und Ansichten reproduzierte. Ja, man habe einiges zu bieten im Ruhrgebiet; Kultur sei generell unerlässlich für die Gesellschaft; mit den Ruhrkunstmuseen schaffe man eine wichtige Lobby für die Kunst in der Region.

„Eine völlig verzogene Bande von Jungkünstlern“

Ein wenig Stimmung kam in die Runde, als der Künstler Markus Lüpertz, dessen monumentaler Herkules seit 2010 den Förderturm der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen ziert, sich gegen die vorherrschende Förderungsmentalität aussprach: „Wir haben eine völlig verzogene Bande von Jungkünstlern die irgendeine Scheisse macht, die keinen Menschen interessiert und die nur existiert, weil sie gefördert wird!“ Walter Smerling, der Direktor des Duisburger Museums Küppersmühle, widersprach entschieden.

Wirklich interessant war aber vor allem die abschließende Frage in die Runde: wo muss die Ruhrgebiets-Kunst hin, wenn sie zukunftsfähig bleiben will? Monopol-Chefredakteur Holger Liebs wusste es zwar nicht genau, bemerkte aber, dass die „Selbstsuggestion, Metropolregion zu sein“ jedenfalls nicht das Optimum sei. Seinen Vorschlag, stattdessen lieber die kleinen, feinen Orte zu stärken, unterstützten denn auch die anderen Talk-Teilnehmer.

Nach etwa zwei Stunden war das Programm vorbei und ich stand mit meinem vierten Glas Wein und vielen Fragen im Kopf zwischen den Stehtischen im sich leerenden Foyer. Ob bei den Berlinern das Interesse am Ruhrgebiet geweckt wurde? Um ehrlich zu sein, ich hatte nicht den Eindruck. In der Hauptstadt erlebt die Kunst ganz ähnliche Probleme wie in NRW – auch hier sind die Kassen leer, auch hier werden Institutionen dichtgemacht und Gelder in idiotische Repräsentationsbauten wie den BER-Flughafen gesteckt. Man wird hier also kaum auf Anteilnahme hoffen dürfen. Aber dafür konnte ich in dieser „Retrospektive“ auf den Ruhrpott und seine Probleme die Betriebsblindheit ganz deutlich erkennen, die sich in den Argumenten seit jeher zeigt: Es reicht eben nicht, sich Metropole zu nennen und tolle Museen zu haben – die Probleme liegen an ganz anderen Stellen, etwa beim Selbstverständnis.

Weniger Metropole, mehr Selbstbewusstsein

Und so zeigte der Versuch, hier in Berlin, das so oft als Referenz dienen muss, eine Debatte über die Kultur im Ruhrgebiet zu führen vor allem eines: dass man auch woanders nicht ernst genommen wird, wenn man auf sich selbst nichts hält. Statt auf die Partnerschaft mit der Hauptstadt zu setzen, sollte man sich an der Ruhr lieber auf die eigenen Stärken besinnen und vom ewigen Metropolentraum abrücken.

Ich bin gespannt, wie die Kunstszene im Ruhrgebiet sich in den nächsten Jahren entwickeln wird. Vorerst bleibe ich aber lieber erstmal hier, in Berlin.

 

Kommentare

  1. von Jens Kobler 06.02.13 (16:50 Uhr)

    Disclaimer: Trotz gewisser Ähnlichkeiten bin ich das ganz bestimmt nicht, der dritte v.l. auf dem Foto.

  2. von Arnold Voss 06.02.13 (8:47 Uhr)

    Mir geht es ähnlich mit dem Ruhrgebiet und seinem Metropolentraum:

    http://www.ruhrbarone.de/was-das-ruhrgebiet-von-woody-allen-lernen-konnt/

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