"M, a reflection" am Schauspielhaus Düsseldorf

| Foto: Two Dogs Company

Gedächtnistraining für Nachkriegskinder

In seinem Projekt „M, a reflection“ widmet sich der belgische bildende Künstler, Architekt und Theaterregisseur Kris Verdonck dem deutschen Dramatiker Heiner Müller.

Der flämische Schauspieler Johan Leysen brilliert in diesem Solo trotz und gerade wegen seiner in Deutsch und somit für ihn in einer Fremdsprache präsentierten Performance. Der Gehalt der genialen und perfekt arrangierten Texte von Heiner Müller nebst Auszügen aus dessen Gesprächen mit dem Autor und Filmemacher Alexander Kluge steht damit noch intensiver im Raum. Im Dialog mit seinem digitalen Doppelgänger ist die ewige Allgegenwärtigkeit der Gewalt nicht nur während, sondern auch jenseits konventioneller Kriege überdeutlich spürbar.

Wer Väter oder Großväter kennt, die derartige Kämpfe überlebten, wird mit einem möglichen Vermächtnis dieser grauenhaften Erinnerungen konfrontiert. Das Soldatenkind verfolgt den Kriegsheimkehrer bei Tag und Nacht. Eine Frau begeht Selbstmord. Der Mann tötet seine Gattin bei der Rückkehr in die Heimat. Ein Soldat wird als Feigling erschossen. Die Russen kämpfen vor Moskau noch nicht mit den Deutschen, aber längst mit dem größten Gegner, ihrer Angst. So denken Leysen und sein virtuelles Double im trotz schonungslos brutaler Inhalte so leisen Zwiegespräch über Menschen, Kriege, Mörder, Opfer nach. Sie rekapitulieren Gehörtes, reflektieren Erlebtes, spekulieren mit Ideen.

Die Bühne ist ein schlichter dreigeteilter Raum (Produktion: A Two Dogs Company, Brüssel), auf dem sich in ruhigen Worten das Grauen breit macht. Die Requisiten: ein Plattenspieler, eine Gasmaske, Zigaretten. Die modernen technischen Mittel (Video: Vincent Pinckaers) heischen nicht nach Effekten, sondern sind Bedingung. Irgendwann vergisst der Zuschauer, was in diesem Mono- bzw. Dialog Projektion oder Realität ist. Es ist nicht bequem, was hier gesagt wird, doch man lernt endlich wieder konzentriertes Zuhören. Zum Schluss entsteht im so dezenten Bühnenbild der Mund aus einem Schrei. Es gab kaum Applaus an diesem Abend. Das Publikum verharrt gedrückt in seinen Sitzen. Man geht anders hier heraus, als man hinein gegangen ist. So wird Theater zur persönlichen Entwicklungshilfe.

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