Freie Szene Düsseldorf: Ein abgehängtes Aushängeschild?

| Foto: Christof Wolff

Seit Beginn der Nuller Jahre sind die Vereine damenundherren e. V. und Metzgereischnitzel e. V. mit ihren bunten Veranstaltungen eine Alternative zum Düsseldorfer Kulturbetrieb. „Big in Bilk“ lautet das Motto unter dem sich die Landeshauptstadt zur „Nacht der Museen“ mit den beiden Aushängeschildern der „freien Szene“ schmückt. Nun sehen sich beide Institutionen mit Problemen konfrontiert, die ihren Fortbestand bedrohen.

Der alte Frisiersalon in der Oberbilker Allee 35 hat ungewöhnliche Öffnungszeiten. Meist beginnt das Leben hinter den großen Schaufensterscheiben erst nach Ladenschluss. Dann stellen hier internationale Künstler ohne kommerziellen Druck ihre Werke aus oder geben Musiker ein Gastspiel in heimeliger Atmosphäre und sorgen so für eine kulturelle Belebung des Stadtteils. Obwohl die alten Polstermöbel zum Entspannen einladen, will im Vorfeld der jährlichen Mitgliederversammlung bei den Vorstandsmitgliedern keine rechte Gemütlichkeit aufkommen.

Massive Probleme mit Anwohnern

„Der zentrale Punkt ist die Raumproblematik“, erklärt Ulf Tranow. „Wir sind gekündigt worden, haben aber die Option, zu anderen Bedingungen das Mietverhältnis fortzusetzen.“ Die zusätzlichen fünzig Euro im Monat wären für die fünfzig zahlenden Mitglieder des Vereins tragbar, allerdings bestehen massive Probleme mit den Anwohnern. Grund ist die Lautstärke bei Veranstaltungen. Das Bauaufsichtsamt verlangt eine Emissionsmessung, in deren Vorfeld bereits davon ausgegangen wird, dass ein Umbau erforderlich wird, um den ehemaligen Friseursalon wie gewohnt nutzen zu können. „Die Kosten der baulichen Veränderungen liegen im fünfstelligen Bereich“, weiß Vorstandsmitglied Dagmar Vennhaus. „Das Kulturamt hat deutlich gemacht, dass wir ihnen am Herzen liegen und sie wertschätzen, was wir hier leisten“, meint Susanne Koch. „Wir werden mit einem laufenden Posten bezuschusst“, ergänzt Dagmar Vennhaus. Ein nicht zu verachtender Kostenpunkt sind die GEMA-Gebühren, wie Vereinsmitglied Jürgen Stevens bestätigt: „Wir zahlen das volle Programm für DJs und Konzerte: über 1 000 Euro im Jahr.“

GEMA stellt Bußgeldbescheid im vierstelligen Bereich aus

Die Abgaben für die Verwertungsgesellschaft bereiten auch in der nahen BRAUSE, dem Vereinsheim des Metzgereischnitzel e. V., Kopf- und Magenschmerzen, wie der aktuelle Vorsitzende Sven Linnert und sein Stellvertreter Sebastian Kalitzki berichten. „Wir haben im Nachhinein ganz viele Rechnungen bekommen“, so Sven Linnert über die Bußgeldbescheide im vierstelligen Bereich, die im Gegensatz zum Eintritt der Veranstaltungen des Vereins stehen, der nur ein Lächeln beträgt. Die BRAUSE ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für die Konzertreihe „BRAUSE akustisch“, kuratiert von Singer/Songwriter Stefan Honig, und die Veranstaltung „Games People Play“, die sich Videospiel-Klassikern widmet. Seit einem Jahr liegt der Schwerpunkt der Veranstaltungen des siebzig Mitglieder starken Vereins auf dem Austausch mit der freien Kulturszene des russischen St. Petersburg, der als Zusammenarbeit mit dem Verein Bunt International e. V. und dem Jugendverband djoNRW mit Theaterperformances, Lesungen und Konzerten gepflegt wird. Das Erheben von Gebühren für den Auftritt eines Nicht-GEMA-Mitgliedes aus Russland oder für das Abspielen mittels Computer erstellter Chiptunes, die vom Urheber frei zugänglich gemacht worden sind, lassen sich schwer nachvollziehen und sind im Nachhinein schwer zu prüfen.

Die kreative Szene wird total zerschossen

Querelen mit Anwohnern und dem Ordnungsamt, die in Anzeigen wegen „zehnminütigem Lachens und Applaudierens“ mündeten, sind selten geworden. Dennoch wird – wie auch im damenundherren e. V. – ein vorzeitiges Ende des Abendprogramms um 22 Uhr diskutiert und eine Fortsetzung der Musikveranstaltungen aufgrund der prekären Gesamtsituation in Frage gestellt. Die Folge wäre ein großes Loch in der vom Mangel an Auftrittmöglichkeiten und Austauschplattformen kränkelnden Kreativszene, wie Sebastian Kalitzki zu bedenken gibt: „Sie wird total zerschossen.“ Seine Befürchtungen teilt auch Susanne Koch vom damenundherren e. V.: „Die zahlreichen Anfragen von Künstlern machen deutlich, was hier für ein Riesenbedarf besteht.“ Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Vereine finden Künstler hier äußerst günstige Konditionen. Im damenundherren e. V. gehen drei Euro Eintritt vollständig an die Künstler und, obwohl der Eintritt in der BRAUSE stets frei ist, bleibt der Spendenhut für auftretende Musiker nie leer.

Nach mehr als zehn Jahren erfolgreicher Kulturarbeit können sich beide Vereine über stabile Mitgliederzahlen freuen. Kreative aus allen Bereichen und Altersgruppen arbeiten hier ehrenamtlich, um den Menschen die Möglichkeit zu bieten, Kunst und Kultur günstig und hautnah zu erleben. Mittäter werden immer gesucht, wie Sven Linnert betont: „Das ist viel Arbeit, die beansprucht, aber auch ein gutes Gefühl erzeugt.“

damenundherren e. V.
Oberbilker Allee 35, Düsseldorf
damenundherren.de

Metzgereischnitzel e. V./Brause
Bilker Allee 233, Düsseldorf
facebook.com/Vereinsheim.Brause

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