Einsatz hinter der V.ierten Wand: Viel Raum für Text

Manchmal versteht man nur Flamingo | Foto: Jerun Vahle

Wem gehört die Stadt? Den Unternehmen, den Menschen, die sie bewohnen, oder den Kreativen? Müssen immer alle kreativ sein, und können die Kreativen mit ihrer Wirtschaft überhaupt noch spannendes schaffen oder sind wir von flotten Werbesprüchen, provokanten Inszenierungen und hippen Locations nicht schon längst überflutet, abgestumpft und weichgespült worden? All diese Fragen verhandelt das Stück „Einsatz hinter der V.ierten Wand“ der Berliner Theatergruppe „copy & waste“ und überspült sich dabei selbst.

Sie haben ein Architekturstudium mit hohem kulturtheoretischen Anteil? Sind Sie vielleicht Stadtsoziologe? Wenigstens ein kulturwissenschaftliches Studium? Nein? Dann lehnen Sie sich die nächsten zwei Stunden am besten zurück und versuchen die Akustik des Frauen-Sprech-Chors in der zweiten Hälfte sowie die wirklich guten musikalischen Einlagen von Matthias Grübel zu genießen. Denn wenn bei dem Begriff „New Babylon“ bei ihnen nichts klingelt und Sie ihren Bordieu, Lefebvre oder später Koolhaas nicht gelesen haben: Viel Glück bei dem Wortgewitter, das gleich auf Sie hereinbrechen wird.

Die Handlung zu „Einsatz hinter der V.ierten Wand, ist Thomas Pynchons Erstlingsroman „V.“ entlehnt. In der „copy & waste“ Version ist Hauptfigur Benny Profane zurückgekehrt in die „Stadt am Fluss“ irgendwo im Ruhrgebiet: Er verhandelt mit seinen alten Kumpels die alten Räume und deren neue Nutzung. Kann man die alten Industriemarken dieser Stadt völlig neu nutzen oder muss sich die neue Nutzung auch immer auf deren Geschichte beziehen? Die Antwort würde auch Unternehmensberater Wolfaugen weiterhelfen. Er soll das Problem von German-Town, ein Replikat einer deutschen Stadt mitten in China, lösen: Denn trotz höchster Bauhauskunst will hier niemand leben. In Venedig hingegen sieht man sich des Kerns bereits beraubt und eine riesige Blase aus Fassaden und Kopien der Kopie hat der Stadt der Städte eine Schicht aus Masken aufgesetzt, hinter der sich nichts mehr verbirgt.

Durch viele, undurchsichtige aber irgendwie ineinander verzinkte Geschichten, die mehr erzählt als gespielt werden, versucht „Einsatz hinter der V.ierten Wand“ das Thema Raum zu verhandeln. Warum dies auf einer dermaßen theoretischen Ebene passieren muss, ist fraglich. Das Publikum soll wohl gefordert werden, sich nicht zurücklehnen und berieseln lassen. Doch die hohe Textdichte lässt weder Zeit zum Durchatmen noch zum Nachdenken und adressiert inhaltlich lediglich einen kleinen elitären Kreis. Ein bisschen weniger Pynchon "copy" und ein bisschen mehr "waste" hätte dem Stück sicherlich gut getan.

Wesentlicher gelungener ist der dramatische Aufbau: Das Stück selbst ist ein offener Raum. Die Bühne ist zu keiner Seite begrenzt, Kulisse lediglich punktuell im Saal verteilt. Auch die Handlungen verteilen sich, begonnen wird irgendwo in der hintersten Ecke, hinter einer Glaswand, die Stimmen sind verzerrt, es ist ein bisschen so, als ob man ein Gespräch in der Bahn oder am entfernten Nebentisch aufschnappen würde. Damit wird auch gleich das zweite große Thema des Stücks aufgegriffen, dass sich bereits im Titel verbirgt: Was soll Theater leisten und welche Position nehmen die Zuschauer darin ein? Stiller Beobachter oder Akteur? Konsequenterweise wird im zweiten Drittel deshalb auch ein Perspektivenwechsel verordnet, das Publikum für den Rest des Stücks von seinen Sitzplätzen verscheucht und auf die Seitenempore verbannt. Eine Raumerfahrung am eigenen Körper also, die die Theorie über Raumnutzung und Raumbesetzung zumindest für einen Moment auch praktisch nachvollziehbar macht.

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