Zeit – Die erschöpfte Schnecke wirft ihr Haus weg und flippt richtig aus

| Foto: Bo Lahola

Grenzerfahrung

Eine Mutter im Haushaltsstress, eine ältere Frau auf Sinnsuche, ein Karrieremann unter Termindruck – Ingrid Lausunds Figuren kommen direkt aus dem Leben. Die Regisseurin schickt sie in eine strikt getaktete Wiederholungsschleife. In dem nach hinten spitz zulaufenden Raum treten die fünf Schauspieler konsequent von links nach rechts auf, fast immer nacheinander. Ein Wortfetzen fällt, und bevor man sich versieht, ist der Sprecher schon wieder im Bühnenschwarz verschwunden.

Die seltenen Begegnungen der Figuren wirken wie Störungen in der Monotonie eines ewigen Kreislaufs. Zu Beginn strapaziert minutenlanges Schweigen die Nerven der Zuschauer. Der Effekt ist eine gesteigerte Beobachtung: Hatte die Darstellerin vorhin schon das Tuch um den Hals? Plötzlich fällt ein ganzer Satz, es scheint sich ein textlicher Sinnzusammenhang zu ergeben, Themenkomplexe schälen sich heraus: Was bedeutet Zeit in der Arbeitswelt, in den Beziehungen zu anderen Menschen, im Familienleben? Wie verändert sich das Zeitempfinden, wenn eine tödliche Krankheit droht? Ingrid Lausund wagt mit ihrer strengen formalen Regie ein Experiment. Denn das, was auf der Bühne passiert (oder eben nicht passiert) macht mit der Zeit mürbe. Das Zusammensetzen der Sprachbruchstücke wird dem Zuschauer überlassen.

Dieses Konzept über zwei Stunden durchzuhalten, ist eine echte Anstrengung, ja fast eine Grenzerfahrung. Bedenkt man die sportliche Leistung der Darsteller, die permanent hinter der Bühne die Seite wechseln müssen, um im perfekten Timing ihren Auftritt hinzulegen, dann sind auch sie einer extremen Herausforderung ausgesetzt. Nur schade, dass der Text in der Beschreibung von Alltäglichem hängen bleibt und nur in seltenen Momenten wirklich berührt.

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