Der Traum von der Welthunger stillenden Riesenwurst

| Foto: Sebastian Hoppe

Regisseur und Autor Kevin Rittberger, Komponist Hauschka sowie Fotograf und Musiker Stefan Schneider laden ein, mit den Identitäten unterschiedlicher Puppen zu spielen. Die Frisörin (Elena Schmidt), ein Fleischer, der Staatenlose mit krimineller Vergangenheit (Ingo Tomi) und eine von stetem Schwindel getriebene Frau bewegen sich mitreißend durch diese lyrische, heitere, schockierende, beklemmende musiktheatralische Installation. „Puppen“ ist absurd, grotesk und doch erschreckend schlüssig auf die zeitgenössische Realität bezogen.

Eine Cellistin betritt die Bühne. Die Snare wird herein getragen, es folgen Bläser und weitere Streicher. Schneider platziert sich hinter Synthesizer und Effektgeräten. Dann Hauschka von hinten am frei gelegten Klavier. Es ist eine magische, teils dezent dissonante und ätherisch hypnotisierende Ouvertüre.

Nach diesem Vorspiel übernimmt Markus Danzeisen als seltsamer Conférencier und „Chor, der die Arbeit abschafft“. Er führt uns auch zum Fleischer ohne Fleisch. Was will der ohne Ware tun, wenn er eine den Welthunger stillende Riesenwurst nur träumt? Und dann aus seinem Handwerk entlassen wird. Wie ein zur Hinrichtung Verurteilter steht er da gebrochen auf dem Podest. Furchteinflößend mächtig und zugleich zerbrechlich verkörpert so Rainer Galke in gruseligem Gummi bis zum Fäustling verpackt den Untergang alter Traditionen. Karin Pfammatter tanzt und verdreht sich und ihre Augen, als spiele sie sich wund an ihrer Rolle, so intensiv ringt sie zart und zerrissen um ihre Position als Person, die teilhaben will an kommenden Umbrüchen. Aber sich dann doch nicht traut. Sie hadert mit der Nicht-Verstehbarkeit von Welt und Wasser. Der Schwindel erfasst sie, dieser Schwindel …

Die von vorherigen Generationen geschaffenen Rollen wollen heute einfach nicht mehr passen. Zu viel ist passiert. Zu Vieles hat sich längst geändert. Rittberger fand in einem ebenso leicht- wie tiefsinnigen erfrischend unkomplizierten Umgang mit Sprache genau die richtigen Worte. Die Protagonisten quälen sich durch verunsichernde Zwischenwelten. Hin- und hergerissen von dem, was war und der Ungewissheit über das, was kommen mag. Schneiders unaufdringlicher ruhiger Vortrag, der in minutiös-nüchternen Bildbeschreibungen zum Finale Orte definiert, wirkt da regelrecht besänftigend auf die aufgebrachten Sinne.

Regina Matthes

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