Berührendes Armuts-Zeugnis

| Foto: Arno Declair

Davon geht die Welt nicht unter. Nein, sie dreht sich mit allerlei Luxusgütern und Wohlstandsmüll im Bühnenhintergrund, während es sich Pinneberg und sein Lämmchen vorne in den letzten Resten einer Kohlenhalde einrichten. Hans Falladas Roman spielt zwar in Berlin, aber natürlich auch dort, wo keine Kohle zum existenziellen Problem wird. Also überall.

Der „Bericht zur Regionalen Armutsentwicklung 2011“ war vielleicht noch nicht im Druck, aber angesichts der aktuellen Krisen spürte das Bochumer Theater bei der Spielplanplanung wohl Handlungsbedarf. Großes Haus, was tun? Die Antwort – und die Handlung – fand sich in Hans Falladas nun 80-jährigem Roman. Der zeigt dezidiert keinen Weg aus der Krise, das wäre zu optimistisch. Er zeigt aber einen Weg durch die Krise hindurch, denn der Weg von Johannes Pinneberg (Raiko Küster) und seinem braven Lämmchen (Maja Beckmann) ist bei aller Tragik nicht der Schlimmstmögliche. Die beiden mögen sich nämlich, bleiben beieinander in den wenigen guten und den vielen schlechten Tagen. Das ist einfach gestrickt, aber auch in David Böschs Inszenierung der eigens erstellten Bühnenfassung (Sabine Reich/D. Bösch) sehr wahrhaftig.

Das Bühnen-(Welt)bild und vielleicht sogar die von Henriette Thimig und Nicola Mastroberardino ungleich greller gespielte Halb- und Arbeitswelt hätten dabei sicherlich auch noch Platz in den mal reflektierenden, mal handlungsbeschreibenden Monologen und Wortwechseln des angenehm unterkandidelten Ehepaares Pinneberg gefunden. Doch der Fokus auf das Ganzkörper-schulterzuckende Lämmchen und den nicht immer klugen Johannes ist auch so schon ein berührendes Theatervergnügen.

Andreas Lammers

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