Theater-Highlights 2018: Gipfelstürmer und Visionäre

Regisseur Ed. Hauswirth inszeniert wieder am Dortmunder Schauspiel (Foto aus „Liebe in Zeiten der Glasfaser“)

Das jeweilige Weihnachtsstück sorgte für kurzweilige Unterhaltung zum Jahresübergang, insbesondere bei den kleinen Zuschauern. Aber in der zweiten Spielzeithälfte kündigen sich weitere Highlights an: Eine Oper über den Mount-Everest in Hagen, ein Weltraumdrama von Stanislaw Lem in Oberhausen oder eine Punkrevue am Schauspiel Dortmund. Und am Essener Ballett gibt es noch ein Bühnenjubiläum zu feiern.

Zwischen Lust und Laster

Das Dortmunder Schauspiel hat nun endlich wieder ein Zuhause. Im renovierten Theatersaal erschafft Regiestar Ersan Mondtag das Gegenwartsstück „Internat“ und arbeitet sich dafür durch einschlägige Literaturvorlagen. Exzesse, Geheimbünde, Rituale spielen eine Rolle. Um Lust und Laster geht es auch in „Orlando“, die Titelfigur durchlebt die Umwandlung vom Mann zur Frau. Passend zur neuerlichen Gesetzgebung zum dritten Geschlecht kommt Virginia Woolfs Stück zur richtigen Zeit. Zum zweiten Mal inszeniert Ed. Hauswirth am Schauspiel („Memory Alpha“) und der Musicalhit „Linie 1“ bringt den Theaternachwuchs ganz groß raus. Ganz andere Töne erklingen in der Punk-Operette von den Kassierern, „Die Drei von der Punkstelle“ musste wegen der Umbaumaßnahmen verschoben werden. Ab Mai lockt die Kultband wieder ihre zahlreichen Fans nach Dortmund. Ein Gesamtkunstwerk anderer Art kommt mit der „Schöpfung“ nach Joseph Haydn, dort wirken Schauspieler, Opernsolisten und Musiker mit. Den großen Komponisten und Zeitgenossen Mozarts gibt es auch am Theater Hagen, dort feiert Haydns Heldenkomödie „Ritter Roland“ Premiere. Neugierde erregt aber vor allem die Uraufführung der Oper „Mount Everest“ von Joby Talbot. Man kann sich wohl vorstellen, dass es Spaß macht, Musik für Windstürme und dramatische Abseilaktionen zu komponieren. Allerdings werden sich Sänger wohl kaum über Daunenoveralls und Atemmasken freuen.

Andere Naturgewalten

Von einer eher kosmischen Naturgewalt erzählt Lars von Triers Film „Melancholia“, der am Bochumer Schauspielhaus szenisch aufbereitet wird. Die Geschichte der depressiven Justine passt prima zum Titel „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ von Daniel Paul Schreber, das Fabian Gerhardt ab April für die Kammerspiele inszeniert. Aus der Filmbranche kommt Nesrin Samdereli, Drehbuchautorin von „Almanya“. Sie ist für eine humorvolle Analyse der Multi-Kulti-Gesellschaft bekannt und schreibt mit „Träum weiter“ ihr erstes Theaterstück für Bochum. Die Ein-Jahres-Intendanz von Olaf Kröck endet mit einer Performance über Europa: „Western Dreams and Eastern Promises“ inszeniert vom kainkollektiv. Politische Themen bearbeitet auch das Essener Grillo-Theater. „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ bezieht sich auf ein Märchen von Mark Twain über einen Rollentausch zwischen arm und reich. Regisseur Volker Lösch bezieht dies auf die Lebenswelt von ansässigen Jugendlichen und aktualisiert die Vorlage. In der „Proletenpassion“ steht ein großer Laienchor auf der Grillo-Bühne und gibt ein Oratorium über die Geschichte der Arbeiterkultur. Raus auf die Straße gehen die beiden Game-Designer Chrstiane Hütter und Sebastian Quack. Drei Wochen erleben in „Der Spalt“ verschiedene Spieler eine komplexe Story zwischen Fiktion und Realität im Stadtraum.

Zukunftsvisionen

Am Theater Oberhausen lässt der Hausautor Dirk Laucke von sich hören. In seiner Stückentwicklung („Nur die Harten“) untersucht er den Freiheitsbegriff, er experimentiert dazu vorab in zwei so genannten radiophonen Shows. In dem „futurologischen Kongress“ kommen Ideen des brillanten Visionärs Stanislaw Lem auf die Bühne. Raumfahrer Ijon Tichy, Hauptakteur der weltberühmten „Sterntagebücher“, halluziniert in einer fernen Zukunft fröhlich vor sich hin. Parallel dazu reist das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel mit Skandalautor Michel Houellebecq in das Jahr 2022 und offeriert in „Unterwerfung“ eine bitterböse Gesellschaftsvision. Mit Heinrich von Kleist bekommen es die Mülheimer zu tun, wenn Regisseurin Esther Hattenbach ihr Debüt im Theater an der Ruhr gibt. Sie durchleuchtet in „Marquise von O.“ Strukturen von Macht und Ohnmacht. Intendant Roberto Ciulli widmet sich in der zweiten Spielzeithälfte Heiner Müllers „Quartett“ und Shakespeares „Othello“. Künstlerische Jugendförderung gibt’s in „Helden“, wenn dort ein Schülerchor im zweiten Teil der Trilogie vom Kollektiv „Subbotnik“ den Ton angibt.

Ein Bühnenjubiläum

Die Gelsenkirchener Ballettchefin Bridget Breiner arbeitet zu „Romeo und Julia“, am Aalto-Theater ist „Schwanensee“ geplant. Anschließend folgt in Essen ein visuell besonders gestalteter Tanzabend mit dem Titel „Moving Colours“. Zeit zum Innehalten bietet die Feier zum 10-jährigen Jubiläum, wenn Choreograf Ben Van Cauwenbergh im Juni auf seine überaus erfolgreiche Karriere zurückblickt. So schnell vergeht die Zeit. Ariane Schön