"Ein riesengroßer, reicher Schatz": Robert Gerloff im Interview

Regisseur Robert Gerloff | Foto: Thomas Dashuber

"Die Mitte der Welt" befindet sich aktuell im Jungen Schauspiel Düsseldorf. Dort inszeniert Robert Gerloff das Coming-of-Age-Stück nach der Romanvorlage von Andreas Steinhöfel. Uns hat er erklärt, was ihn an dem Stoff reizt, den aufklärerischen Part seiner Arbeit und die erste große Liebe.

Warum haben Sie „Die Mitte der Welt“ ausgesucht?
Ich bin Andreas Steinhöfel-Fan, die Sprache mit der er in seinen Romanen die Orte und die Stimmungen entstehen lässt, ist großartig. Aber vor allem liebe ich die Figuren in seinen Büchern. Egal ob Protagonist oder kleine Nebenfigur, alle haben ihre eigene verquere Geschichte und irgendeine Besonderheit, die sie einzigartig macht. Die 500 Seiten des Romans waren für die Inszenierung ein riesengroßer, reicher Schatz, aus dem wir uns bedienen konnten.

Also kannten Sie das Buch?
Ja, ich habe es ein Jahr nach seinem Erscheinen gelesen, damals war ich siebzehn, genauso alt wie die Hauptfigur Phil.

Was reizt Sie an der Geschichte?
Zuerst einmal die pure Geschichte: die erste große Liebe mit ihrer ganzen Leidenschaft, den Neuentdeckungen, die man als junger Mensch macht und mit diesem riesengroßen Schmerz, mit dem die erste große Liebe zu Ende geht. Wenn man Phil durch diese Ausschnitte seines Lebens, die im Buch und bei uns auf der Bühne gezeigt werden, begleitet, trifft man auf die verschiedensten Menschen aus seinem Umfeld, die ihn geprägt haben, die ihm wichtig sind. Seine Schwester, seine Mutter, sein nicht vorhandener Vater, seine beste Freundin, sein Mathelehrer und viele mehr. Und dann fängt man selber an über Freundschaften, Familie, Liebe und Hass nachzudenken und über den Titel des Buches: „Die Mitte der Welt“ – wo ist die eigentlich für mich?

Das Thema kann für einige Jugendliche und junge Erwachsene durchaus problematisch sein – sei es, weil sie selber homosexuell sind und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, oder weil sie in ihrem Umfeld nur in negativer Konnotation damit in Berührung kommen – war ihnen das bei der Auswahl des Themas bewusst? Genau wie bei der Inszenierung, in der es ja deutlich zu sehen ist, das zwei Männer sich verlieben und körperlich werden. Haben sie erlebt, dass es in Aufführungen unruhig wurde deshalb? Wie deuten sie dies?
Der Roman überzeugt, weil Steinhöfel es schafft in seinem ihm eigenen magischen Realismus das pralle Leben mit allen Facetten darzustellen. Einzelne Themen herausgegriffen stellen gesellschaftlich noch ein Problem dar. Dass ist nie das Problem eines Individuums, sondern fordert von uns als  Gesellschaft eine Auseinandersetzung. Phil hat kein Problem damit, dass er schwul ist. Wohl aber, dass seine beste Freundin ihm Fragen stellt, die er noch nicht beantworten kann, da er noch nie einen festen Freund hatte – und danach sehnt er sich, nach Liebe. Als dann „der Neue‘ in die Schule kommt macht es bäm!

Denken  Sie auch an einen gewissen aufklärerischen Auftrag in ihrer Arbeit?
Die Stärke des Romans ist, dass die Geschichte zwischen Phil und Nicholas von der großen ersten Liebe erzählen. So reich, so überwältigend mit allen Höhen und Tiefen. In den Vorstellungen abends wie vormittags erleben wir, wie das Publikum diesem Phil durch sein Leben, seine liebevolle und leicht chaotische Familie, Freundschaften und Liebesgeschichten folgt. Neulich erst sprachen die Zuschauer die Schauspieler im Anschluss an. Mit rosigen Wangen bedankten sie sich, sie waren ganz beseelt.

Zum Artikel "Die Mitte der Welt": Bittersüße Liebe

Die Mitte der Welt: 11./ 12./ 15.1., 11 Uhr, 13.1. 19 Uhr, Junges Schauspiel, Münsterstraße 446, Düsseldorf

Die Mitte der Welt: Bittersüße Liebe

Ein Sommer irgendwo in einem Kaff in Deutschland. Die erste große Liebe, Schmerz, Geheimnisse, Trennungen: Andreas Steinhöfels 1998 erschienener Roman „Die Mitte der Welt“ hat alles, was ein gutes Jugendbuch braucht. Im Jungen Schauspielhaus Düsseldorf bringt Robert Gerloff den zeitlosen Stoff auf die Bühne [mehr...]