Theorie und Wahnsinn: Brecht in Oberhausen

Es beginnt wie ein theaterwissenschaftliches Seminar über Brechts Verfremdungseffekt: Aufbrechen der Theaterillusion, Heraustreten des Schauspielers aus seiner Rolle, Frauenrollen werden von Männern gespielt, der Zuschauer wird zum kritischen Beobachter des Spiels.

Später dann wird’s konkret, denn die Puppenspielerin Suse Wächter serviert dem verblüfften Publikum mit ihrem „Brecht“-Abend ein wahres Spektakel. Wie die Spielerin auf einer riesigen multimedialen Liegewiese mit ihrer rauchenden Brechtpuppe zu einer Figur verschmilzt ist erstaunlich.

Noch mehr begeistert der irrwitzige Verlauf ihrer Inszenierung, in der vier Schauspieler versuchen, den „V-Effekt“ bestmöglich zu skizzieren. Da wird mit Helge Schneider geskypt, es kommt zu einem Wiedersehen mit Mr. Spock im Weltall und zu einer abgedrehten Traumsequenz in der dritten Dimension mit Soundeffekten und einigem technischem Schnickschnack. Aus Nebelschwaden hervor windet sich der Theaterhasser Nietzsche als Puppe mit dämonisch blau strahlenden Augen in eine Zwangsjacke verschnürt. Als Gegenpart dazu schwebt Laotse über allem, als Vermittler zwischen der himmlischen und der irdischen Welt. Und was macht Brecht? Er, der zu Lebzeiten dem technischen Fortschritt stets zugetan war, verfällt der Illusion des Videospiels und katapultiert sich mittels Fahrsimulation auf den Mond. Zurück zum Schauspieler, der laut Brechts Theorie irgendwie überflüssig geworden ist.

Eine perfekte Vorlage für Torsten Bauer, der das Theater als „Hospiz der Hochkultur“ tituliert, in dem das Talent des Schauspielers allein in seiner Wiederholbarkeit liegt. Die Zuschauer kommen nur, „um dem Theater beim Sterben zusehen“. Eine Prognose, die an diesem Abend niemand wahrhaben will.