Über die Alpen: Gabriele Reiß erzählt von Abenteuern

Gabriele Reiß hat die Alpen bezwungen. | Foto: Heike Krüger

Als Flachlandtirolerin hat Gabriele Reiß Europas größtes Gebirge bezwungen. Gemeinsam mit einer Freundin ist die Dorstenerin zu Fuß von Starnberg zum Gardasee gelaufen.  Über die Abenteuer am Wegesrand erzählt sie in ihrem Buch.

Die Alpen üben auf Gabriele Reiß eine magische Anziehungskraft aus. Das Gefühl, dem Alltag ganz zu entfliehen, ganz bei sich und mit der Natur verbunden zu sein, findet sie nur dort. „Das Bergwandern nimmt inzwischen einen breiten Raum in meinem Leben ein und erfüllt mich. Es ist ein unglaublich intensives Erlebnis und macht süchtig“, sagt die Dorstenerin.

Ihre Liebe zu steilen Anstiegen und schneebedeckten Gipfeln entdeckte sie spät. Bis zu ihrem 40. Lebensjahr war sie überzeugte Flachlandtirolerin. „Wenn ich die Alpen vom Auto aus gesehen habe, hat mir das vollkommen gereicht“, sagt Gabriele Reiß rückblickend. Damals wäre es für sie ein Alptraum gewesen, dieses Massiv überqueren zu müssen. Die Berge zu Fuß zu bezwingen, erschien ihr ganz und gar undenkbar. „Damals war ich häufig bronchialkrank, Sport habe ich gemieden und bergauf zu gehen, war mir viel zu anstrengend.“ Doch der begeisterte Bericht eines leidenschaftlichen Alpinisten bewegte sie schließlich doch, selbst auf Wanderschaft zu gehen. „Es war sofort die ganz große Liebe. Die Freiheit, die ich dort gespürt habe, hat mich überwältigt.“

In Heike Krüger (r.) hat Gabriele Reiß die perfekte Wanderfreundin gefunden. | Foto: Gabriele Reiß

Sehr viel falsch gemacht

Dabei war ihre erste Tour alles andere als ein Spaziergang:  Die Füße taten ihr weh, der Kopf schmerzte und der Rucksack schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. „Beim ersten Mal habe ich auch so ziemlich alles falsch gemacht. Ich hatte keine Kopfbedeckung, zu wenig zu trinken, zu viel im Rucksack und die falschen Schuhe. Trotzdem war es ein Erlebnis.“ Seitdem nimmt sich Gabriele Reiß zweimal im Jahr die Freiheit, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und nach Süden aufzubrechen. Unterwegs zwischen Berg und Tal fühlt sie sich zu Hause. „Anschließend brauche ich immer ein paar Tage, um wieder in mein gewohntes Leben zurückzufinden und der Wehmut folgt ganz schnell wieder die Sehnsucht.“

Je länger die Routen und umso höher die Berge, desto mehr wuchs der Wunsch, vom Diesseits das Jenseits der Alpen zu entdecken und sie zu übersteigen. „Ich hatte einen Traum. So abgehoben er zu sein schien, so plötzlich stand er mir real vor Augen.“ Reiß machte sich auf die Suche nach einer Weggefährtin und fand Heike Krüger. Bei einem Familienfest konnte sie die Schwägerin ihrer Schwägerin von ihrem abenteuerlichen Plan überzeugen. „Es war, als hätte sie darauf gewartet und ich auch.“

Perfekte Wanderfreundin

Bei einer Testtour im Engadin stellte sich schnell heraus, dass beide die gleiche Schrittlänge haben. „In Heike habe ich die perfekte Wanderfreundin gefunden. Wir waren ungefähr im gleichen Tempo unterwegs. Außerdem sollte jeder seine Grenzen kennen und dazu stehen. Sonst gelingt so ein Vorhaben nicht“, betont Gabriele Reiß. Ihr war außerdem wichtig, einen lebensfrohen Menschen mit einem Blick für Details an ihrer Seite zu haben. „Wir sind beide Genießerinnen. Das gilt für ein Blümchen am Wegesrand ebenso wie für den Obstler auf der Hütte.“

Lange Zeit war Gabriele Reiß überzeugte Flachlandtirolerin. | Foto: Heike Krüger

Vor dem Aufbruch nahm sich die Dorstenerin ein halbes Jahr Zeit, um die Route bis ins Detail zu planen. Sie teilte die 700 Kilometer lange Strecke in fünf Etappen ein, die sie nacheinander abwandern wollten. „Wir sind jedes Jahr eine gegangen. Oft höre ich, das sei eine Mogelpackung. Doch für uns war es das Maximum, das wir neben Beruf und Familie leisten konnten. Wir hätten uns nicht 40 Tage am Stück ausklinken können.“

Am Starnberger See, ihrem Ausgangspunkt, hoben sie einen Stein auf, der sie bis an das Ende der Reise begleiten sollte. „Er ist uns mit der Zeit richtig ans Herz gewachsen“, sagt Gabriele Reiß lächelnd. Sie hat aus ihren Notizen während der Reise später ein Buch verfasst, in dem sie den Leser auch der Spur des Steins folgen lässt. „Viele sind ganz gespannt, wo es ihn hinführt.“

Abseits bekannter Strecken

Auf dem Weg nach Bardolino am Gardasee nutzten die beiden Frauen hauptsächlich Steige abseits der bekannten Fernwanderrouten. Häufig waren sie ganz allein in der Bergwelt und fanden abends kein überfülltes Quartier vor. „Das hat uns sehr überrascht, weil die Strecke an sich sehr bekannt ist.“

Obwohl  die Überquerung für sie ein Gesamterlebnis war, blieben ihr doch einige Momente besonders im Gedächtnis. Wie der kraftraubende Aufstieg über ein Geröllfeld zum Karwendel, ein nächtlicher Schneefall, der sie zu einem Umweg zwang, ein plötzliches Wolkenloch am Mendelkamm und der Blick aus 2000 Metern Höhe auf den Gardasee. Geblieben sind auch die vielen Begegnungen mit den Menschen vor Ort. „Viele haben uns von ihren Sehnsüchten und Träumen erzählt und wären am liebsten mit uns mitgegangen. Im Etschtal haben wir beispielsweise Gertrud getroffen, die uns erzählt hat, dass sie ihr ganzes Leben mit anderen Dingen beschäftigt gewesen sei und nun, mit 74 zwar Zeit habe, aber den Aufstieg nicht mehr schaffe.“

Heike Krüger und Gabriele Reiß haben etappenweise die Alpen bezwungen. | Foto: Gabriele Reiß

Tipps zum Gepäck

Mit ihren vielen Vorträgen, die Gabriele Reiß im gesamten Ruhrgebiet hält, möchte sie die Menschen ermutigen, ihre Wünsche auch wahr zu machen. Allen, die aufbrechen möchten, empfiehlt sie, mit leichtem Gepäck zu reisen. „Mein eigener Rucksack ist im Laufe der Jahre immer leichter geworden. Zuletzt hat er inklusive Trinkflasche sechs Kilo gewogen.“ Sie hat in den Bergen gelernt, mit wenig auszukommen. Beim Packen konzentriert sie sich auf das Wesentliche. Das ist für sie neben Schlafsack, Kleidung für jedes Wetter, Karte, Kompass oder GPS zur Orientierung, einer Lampe, Sonnenschutz und Kopfbedeckung, Handy und Ladekabel, Pflaster und Proviant. „Wichtig ist, dass alles leicht ist. Daher wiege ich vorher jedes einzelne Teil, denn zehn Gramm sind auch Gewicht.“ Der Proviant sollte ebenfalls leicht sein. Denn mit vollem Magen läuft es sich nicht gut. „Wir bevorzugen Nussriegel, ein bisschen Brot und Käse sowie Obst.“

Regelmäßiges Training

Der Rucksack selbst sollte auch nicht zu groß sein und gut sitzen, ebenso wie die Schuhe. „Das ist das Wichtigste überhaupt. Die müssen passen. Ich empfehle, sie zu Hause einzulaufen und trotzdem Blasenpflaster mitzunehmen.“ Damit ihr unterwegs nicht die Puste ausgeht, trainiert Gabriele Reiß regelmäßig Kraft und Kondition. Im Fitnessstudio stellt sie sich das Laufband so ein, dass sie das Bergan-Steigen imitiert. „Da genügt es nicht, zwei Wochen vorher anzufangen. Da muss ich dranbleiben.“ Auf ihren Wanderschaften hat sie auch gelernt, mit den eigenen Kräften zu haushalten, ihr eigenes Tempo zu finden und das Optimum aus sich selbst herauszuholen. „Anfangs musste ich ständig eine Pause machen, heute laufe ich locker eine Stunde durch.“ Die leidenschaftliche Alpinistin rüstet sich bereits für ihr nächstes Abenteuer: Sie möchte den Inn von der Mündung bis zur Quelle zurückverfolgen. Dabei möchte sie den Fluss in seiner Funktion erfassen  und mit den Menschen, die an seinem Ufer wohnen, ins Gespräch kommen. Gleichzeitig möchte sie sich auch intensiv mit sich selbst auseinander setzen und ist bewusst allein unterwegs. Sieben Wochen nimmt sie sich Zeit, um ihr Ziel zu erreichen. Dominique Schroller


In einer bebilderten Lesung zitiert Gabriele Reiß aus ihrem Buch "Steinreich, vogelfrei"  und erzählt von ihren Alpenabenteuern. Termine:  3. Mai , 19 Uhr, VHS Lippstadt, Fleischhauerstr. 2 Lippstadt; 4.Mai, 19Uhr, Volkshochschule Lünen, Dammwiese 9, Lünen, 10. Mai, 19 Uhr Buchhandlung Lemkul, Marktstr. 5, Witten;  11. Mai, 19 Uhr, Volkshochschule Dortmund, Max-von-der-Grün-Platz 1–3, Dortmund.

Konsumartikel nach Städten sortiert