Gerecht gekleidet: Faire Ware im Fairhavn

Anja Mahnken verkauft Kleidung, die fair und modisch ist. | Foto: Dominique Schroller

Anja Mahnken studierte Elektrotechnik und arbeitete als Entwicklerin. Bis Bilder aus Bangladesch und eine Reise nach Afrika ihren Lebensweg veränderten. Heute handelt sie in Essen mit fairen Waren in ihrem Geschäft Fairhavn an der Berliner Straße 51.

Die Bilder von den Trümmern der eingestürzten Fabrik und den verzweifelten Gesichtern der Textilarbeiterinnen in Bagladesch haben den Globus umrundet, sind bald wieder vom Bildschirm verschwunden und haben auf den ersten Blick wenig bewirkt. Doch das Leben von Anja Mahnken haben sie für immer verändert. „Als ich das gesehen habe, war mir klar, dass ich nicht so weiter machen kann wie bisher“, betont die Essenerin. Sie suchte ganz bewusst nach neuen Kleidern. Nachhaltig sollten sie sein und unter menschenwürdigen Bedingungen gefertigt. Die Auswahl im Netz war überraschend groß. „Es hat mich erstaunt, wie viele schöne Sachen ich dort gefunden habe. Das hatte ich nicht erwartet.“ Längst zieht Anja Mahnken nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kunden gerecht an. In ihrem kleinen Laden in Frohnhausen kommen nur Hosen, Shirts und Schuhe ins Regal und auf die Stange, die eine saubere Herkunft haben.

Anja Mahnken sucht die Kleidung nach persönlichen Vorlieben aus. | Foto: Dominique Schroller

Keine großen Namen

„Beim Einkauf achte ich auf die entsprechenden Zertifikate und nehme nur Marken, denen ich auch wirklich vertraue.“ Das sind nicht die großen Namen der Modebranche, vielmehr arbeitet die 30-Jährige mit vielen kleinen Designern zusammen. „Manche kommen sogar persönlich und bringen ihre Produkte vorbei. Sie haben es wirklich verdient, entdeckt zu werden.“ Denn mit dem verfilzten Öko-Schick der ersten Nachhaltigkeits-Generation oder dem Ethno-Look beseelter Ashram-Reisender haben diese Kollektionen nichts zu tun. Den lässigen Jeans ist nicht anzusehen, dass sie von Knopf bis Bund recycelbar sind, und bei den bunt bedruckten Shirts zählt die Bio-Baumwolle auch eher zu den inneren Werten. „Wenn ich die Ware auspacke, riecht sie niemals nach Chemie“, betont Anja Mahnken. Sie sucht die Kleidung nach persönlichen Vorlieben aus und trifft damit auch den Geschmack ihrer Kunden.

Umdenken erkennbar

Das sind vor allem junge Leute aus dem Viertel, Studenten, Veganer, Familien. „Die meisten haben sich schon länger mit Nachhaltigkeit und fairem Handel beschäftigt.“ Gerade in dieser Generation sei ein Umdenken deutlich erkennbar, betont die Geschäftsfrau. Vielen Älteren fehle dagegen das Verständnis für ihr Sortiment. „Sie sehen die Preise, schütteln den Kopf und gehen weiter. Sie begreifen gar nicht, was ich mit meinem Laden bezwecken möchte.“ Die Essenerin will mit ihren Waren ein ganz klein bisschen die Welt verändern. Dafür zu sorgen, dass die Menschen Schuhe und Shirts unter fairen Arbeitsbedingungen und zu einem gerechten Lohn herstellen, ist für sie ein Wert an sich. „Jeder Tag, an dem ein Kind in Nyamirima zur Schule gehen kann, jedes fair gehandelte T-Shirt, das einem Arbeiter ermöglicht, seine Kinder zu ernähren, sind für mich kleine Träume, die in Erfüllung gehen.“ Die gesamte Produktion nach Deutschland zu verlagern, sei keine Lösung, denn die Menschen in Indien oder Bangladesch seien auf die Einkünfte angewiesen. „Wir müssen unser Kaufverhalten überdenken.“

Die Einrichtung hat Anja Mahnken nach eigenen Vorstellungen gebaut. | Foto: Dominique Schroller

Neben den fairen Textilien gehören auch Ohrringe aus Briefmarken, Schalen aus alten Schallplatten oder Uhren aus Altmetall zur Produktpalette. „Straßenkinder sammeln den Schrott und bekommen dafür von der Firma eine Ausbildung und später auch eine Anstellung“, sagt Anja Mahnken mit Blick auf die dekorativen Zeitanzeiger in Eulen- oder Hühnerform. Die bunten Flechtkörbe hat sie selbst gerade aus Uganda mitgebracht. Dort hat sie ihr Patenkind besucht und sich nach dem Schulbau erkundigt, den sie mit ihrem Verein Abaana unterstützt. „Bei meiner ersten Reise 2015 habe ich Geschenke von Menschen bekommen, die selbst nichts haben und trotzdem mit mir teilen wollten. Familien haben mich in ihre ärmlichen Hütten eingeladen und einen Moment an ihrem Leben teilhaben lassen.“ Diese Begegnungen haben den Blick der Essenerin auf die Konsumgesellschaft nachhaltig verändert. Der ganz normale Überfluss war für sie nach ihrer Rückkehr nicht mehr selbstverständlich und sie beschloss, auch ihrem Weg eine neue Richtung zu geben.

Einrichtung aus Obstkisten

„Die Entscheidung, meinen Beruf aufzugeben und den Laden zu eröffnen habe ich ganz spontan gefällt und umgesetzt.“ Zwei Monate lang renovierte sie die Räume in Fronhausen und baute gemeinsam mit ihrem Partner die gesamte Einrichtung nach eigenen Vorstellungen. Aus Obstkisten und Europaletten entstanden Regale, Kupferrohre verwandelten sich in Kleiderstangen. „Wir haben viel gesammelt und dann geschaut, was wir daraus machen können“, berichtet Anja Mahnken. Ihr war wichtig, dass die Menschen sich wohlfühlen, wenn sie zur Tür hereinkommen. Sie sollen sich ohne Kaufhaus-Hektik umschauen. „Mit manchen entwickeln sich interessante Gespräche, die auch mal länger dauern.“ Den Kundenkontakt empfindet die 30-Jährige als die größte Bereicherung in ihrem neuen Beruf. „Das kannte ich vorher gar nicht, und es macht unglaublich viel Spaß.“ Obwohl sie neben Leidenschaft und Energie auch sehr viel Zeit in ihr Geschäft investiert, hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit noch keine Sekunde bereut. Für sie ist der Traum, ihr eigener Chef zu sein, in Erfüllung gegangen. Sie ist in ihrem Fair-Hafen angekommen. Dominique Schroller

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