Im Reich des Ritter Rost: Besuch bei Jörg Hilbert

Jörg Hilbert und sein Ritter Rost. | Foto: Dominika Bonk

Sein Gesicht kennt kaum jemand, seinen Ritter Rost aber jedes Kind. Im Schatten seiner Fantasiefigur zu stehen, ist Jörg Hilbert jedoch ganz recht.

Er ist ein wandelnder Schrotthaufen. Sein Körper besteht aus einer alten Registrierkasse, dem Kühler eines Peugeot 404 samt einem windschiefen Wetterhahn, und er hat immer ein paar Schrauben locker. Dennoch sieht er sich selbst als Helden und übersieht dabei großzügig, dass das Heldenhafteste an ihm sein ständiges Scheitern ist. „Ritter Rost ist ein typischer Mann – er hält sich für unwiderstehlich, ist aber alles andere“, charakterisiert Jörg Hilbert seinen Helden, der inzwischen Millionen Kindern ans Herz gewachsen ist. Sie lassen sich liebend gern in eine Welt entführen, in der das Burgfräulein die Hosen anhat, der Hausdrachen für jeden Schabernack zu haben ist und den König niemand ernst nimmt.

„Es ist die Fantasiewelt meiner Kindheit. Ein Kosmos, der gemeinsam mit meinen Brüdern entstanden ist, wenn wir uns Geschichten zum Einschlafen erzählt haben“, berichtet Jörg Hilbert. Es ist ein Universum, das sich ausdehnt und aus dem der Essener seit 30 Jahren immer neue Abenteuer hervorzaubert. „Und ich bin selbst neugierig auf das nächste“, sagt der Autor mit einem verschmitzten Lachen, das seine braunen Augen blitzen lässt. Für einen Moment wirkt er sehr jungenhaft und lässt erahnen, wie er das Reich seiner Vorstellungskraft vor dem Erwachsenwerden bewahrt hat.

Suche nach dem Glück

„Eigentlich mache ich keine Kinderbücher, sondern die Bücher, die ich machen will. Dabei kann ich unverstellt und frei sein. Die Liebesgeschichte, die bei Erwachsenen Pflicht ist, kann ich mir sparen und mich auf das wirklich Wichtige konzentrieren.“ Das ist für den 52-Jährigen zum Beispiel die Suche nach dem Glück oder die Frage nach wahrer Freundschaft. „Das interessiert Kinder viel mehr.“ Die philosophischen Gedanken legt er dem sprechenden Hut mit seiner dadaistischen Haltung in den Mund. Ihn hat Jörg Hilbert in seine Welt gesetzt, lange bevor Harry Potter aufgetaucht ist. Als Meister der spitzen Bemerkung nennt der den Ritter ungeniert eine feige Nuss und beschränkt sich ansonsten auf scheinbar unsinnige Kommentare. Ihm und den vielen anderen verschrobenen Figuren haucht der Autor jedoch nicht nur mit gewitzten Worten seinen Geist ein, er lässt sie mit ein paar Federstrichen auch auf dem Papier lebendig werden. „Die Texte entstehen immer nur in Verbindung mit den Bildern. Beide gehören untrennbar zusammen.“

Dazu kommt die Musik als weiteres entscheidendes Element des Gesamtkunstwerks. Die Lieder von Felix Janosa sind keineswegs nur begleitendes Beiwerk, sondern dramaturgisch in die Handlung eingebunden. „Sie sind ein ganz wichtiger Teil, weil sie die Kinder ernst nehmen und auch bei den Eltern beliebt sind. Das ist sicher auch ein stückweit das Geheimnis des Erfolges“, sagt Jörg Hilbert. Ritter Rost hat ihn nicht nur zu den bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands gemacht, sondern ihm sogar eine goldene Schallplatte eingebracht. „Das ist ein hübsches Maß dafür, etwas geschafft zu haben, mehr aber auch nicht“, sagt sein Schöpfer bescheiden. Er kann sich gut vorstellen, aus Band 20 eine Oper zu machen, doch das ist vorerst noch Zukunftsmusik. „Zunächst folgen vier neue Geschichten, die in den kommenden Jahren erscheinen.“

Schrotttorte und kandierte Büroklammern

Die Lust am Erzählen und Zeichnen treibt Jörg Hilbert an, beides ist ihm ein Bedürfnis. „Das würde ich auch tun, wenn meine Bücher nicht erfolgreich wären.“ Er sagt das ohne Koketterie, denn sein rostiger Ritter wäre fast für immer in der Versenkung verschwunden. Kein Verlag scherte sich um ihn. Die Sprache sei zu flapsig, der Zeichenstil zu unmodern, hieß es zur Begründung. „Ende der 80er Jahre war es einfach nicht angesagt, alles gegen den Strich zu bürsten.“ Damals hatte Jörg Hibert gerade sein Grafikdesign-Studium an der Folkwang-Hochschule begonnen. Dort lernte er wenig später auch Felix Janosa kennen. „Er wollte so unbedingt ein Musical schreiben, wie ich Kinderbücher. Also haben wir uns zusammen getan.“ Gemeinsam fanden sie 1994 einen kleinen Musikverlag, der die Geschichten und Lieder vom Ritter mit einer Vorliebe für Schrotttorte und kandierte Büroklammern drucken wollte. Es folgten eine Theaterversion und unzählige Aufführungen an Schulen und Kindergärten, die den Siegeszug des rostigen Helden begründeten.

Der bewohnt zwar eine blecherne Burg und sitzt samt Lanze auf einem viel zu hohen Ross, doch vom Mittelalter ist er Lichtjahre entfernt, so dass er in seinem neusten Abenteuer sogar nach den Sternen greifen kann. „Es ist eine verfremdete moderne Welt, in der die Probleme jedoch ganz alltäglich sind“, sagt Jörg Hilbert. Er bediente sich zuweilen so authentisch aus den eigenen Familienzwistigkeiten, dass seine Söhne kaum darüber lachen konnten. Einen Skizzenblock hat er immer in der Tasche, die besten Ideen kommen ihm beim Wandern oder abends im Restaurant. „Manchmal muss man den Ort wechseln, um eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen und den Gedanken eine Chance geben, sich zu entfalten.“

Ein Jahr auf einer Burg

In Worte fasst er sie am liebsten direkt nach dem Aufstehen, manchmal noch im Schlafanzug. „Mein Leben ist viel normaler, als viele glauben, es ist geradezu langweilig. Ich arbeite regelmäßig und bin eher ruhig.“ Zur Abwechslung greift er zwischendurch höchstens mal zur Laute. Die alte Musik fasziniert ihn heute so, wie die Rittergeschichten in seiner Kindheit. Mehr Anklänge an das Mittelalter gestattet er sich aber nicht. „Als junger Mann habe ich mal ein Jahr auf einer Burg gewohnt, das hat mir genügt.“ Die zugigen Gemäuer überlässt er lieber seinem selbstgeschaffenen Ritter, dem versehentlichen Helden aus Schrott und lockeren Schrauben. Dominique Schroller