"Nur mit Eigenmotivation": Diese Studis gründeten ihr eigenes Modelabel

Alles aus Eigenmotivation, denn: Sich selbst findet man nur abseits des Lehrplans | Foto: Sag's mit Schmusen

Die meisten Uniprojekte landen nach Abschluss in staubigen Schubladen oder unsortierten Aktenordnern. Nicht so das aus eigener Motivation gegründete Modelabel „Sag’s mit Schmusen“, für das die Urheber nicht mal einen einzigen müden Credit Point abgesahnt haben. Lukas Vering traf Mitgründer Tim Klingebiel zum Gespräch über Eigeninitiative im Studium, Lernen durch Selbermachen und extracurriculare Selbstverwirklichung.

Tim Klingebiel | Foto: Sag's mit Schmusen

„Marketing muss man ausprobieren“, weiß der Marketingstudent Tim Klingebiel, der derzeit seinen Master in Corporate Communication an der FOM in Essen absolviert. Die Gründung eines eigenen Modelabels war für ihn und sein zweiköpfiges, inzwischen dreiköpfiges Team daher eine logische Konsequenz. „Wir wollten einfach was Praktisches aus dem ganzen theoretischen Studieninhalt machen. Das war nicht für einen spezifischen Kurs oder ein Modul.“ Keine Selbstverständlichkeit im deutschen Unisystem, das größtenteils nur noch auf die Erbringung von Leistung und das Absolvieren von Pflichtmodulen ausgelegt ist. Das weiß auch Tim, der seinen Masterabschluss ursprünglich wie den Rest des Studiums neben dem Beruf als Projektmanager in einer Marketingagentur erwerben wollte. „Ich habe mir jetzt aber extra ein halbes Jahr Pause vom Job genommen, um die Masterarbeit richtig und fokussiert zu machen. Es ist ja so, wer nur einen Abschlusstitel für die Vita will, kann sein Studium einfach durchkloppen.“ Wer aber Interesse an einem Thema habe, für den sei alles, was quasi nur Nebenwerk ist, schwierig umzusetzen. Das hat Tim und sein Team nicht vom freiwilligen Projekt in Eigenregie abgehalten. „Was man dabei alles lernt, kann einem keine Vorlesung beibringen.“

Die richtige Message

Foto: Sag's mit Schmusen

Und warum gerade ein Modelabel? Lachend gibt Tim zu: „Man hätte auch einen Tierzuchtverein gründen können.“ Dass sich das Projekt um Kleidung dreht, kam für die Studis aus dem Alltag. „Wir waren mit unseren Klamotten irgendwie unzufrieden. Außerdem ergeben die meisten Prints überhaupt keinen Sinn, haben gar keine Geschichte. Es war unser Ansatz, zu sagen: Wir machen es anders. Wir machen es sinnvoller und gemütlicher!“ Heraus kam also ein kleines Label, das Basics wie Shirts und Hoodies mit hochwertigen Stoffen in ökologischer (und sogar veganer) Qualität anbietet. Benutzt werden nachhaltige und gemütliche Materialien wie Bio-Baumwolle, Bambus oder recyceltes Polyester. Darauf landen gemalte Prints aus Grafikfarbe oder Stoffapplikationen. Oft zu sehen ist etwa ein Löwenkopf. „Der steht stellvertretend für das, was wir mit unserer Kleidung ausdrücken wollen: Positive Motivation vermitteln.“ Dafür sorgen auch kleine, eingenähte Botschaften für den Träger, wie ein „I love you, you love me“.

Tim erklärt: „Die Idee kam, als ich bei einem Sportevent mal ein selbst entworfenes Shirt trug, auf dem hinten „Follow me“ stand. Später sprach mich ein anderer Läufer darauf an und sagte, dass er das die ganze Zeit gelesen hat und sich dachte, dass er mich nicht davonlaufen lässt – voll der Motivationsschub!“ Eine passende Message für ein Label, das aus Eigeninitiative entstanden ist. Seit der Gründung zu Studienbeginn im Jahr 2013 ist es für Tim und sein Team ein Experimentier- und Lernfeld. „Ich glaube, es ist generell in jedem Studium so, dass man sich einfach selber rausziehen muss, was man braucht. Da muss man selber aktiv werden, weiterrecherchieren, Leute fragen und so weiter.“ So sammelten die Labelgründer wertvolle Erfahrungen, die die bloße Theorie ihnen niemals hätte vermitteln können. „Man lernt an der Uni zum Beispiel Organisation, Aufbau oder wie man theoretisch eine Marke anmeldet… aber wie man tatsächlich in der Praxis eine Marke anmeldet, weiß man doch erst, wenn man es selber mal gemacht hat. Ähnliches gilt beim Thema Corporate Identity – man lernt, was das ist, aber wie man selber eine erstellt, weiß man nur, wenn man es in der echten Praxis getestet hat. Wir erfuhren auch, dass man sich aus rechtlichen Gründen schnellstmöglich die Website sichern soll… hat man das tatsächlich mal gemacht, steht man vor ganz neuen Fragen: Wer programmiert die, woher kommt der Inhalt, wer macht Fotos und wie organisiert man das alles?“ Eine schmerzlichere Lektion aus dem echten Leben kam in Form einer Abmahnung. „Wir hatten gerade für den Movember, also den November in dem Männer sich für den guten Zweck einen Bart wachsen lassen, ein Shirt mit Schnurrbart produziert. Das darf man, haben wir beim Patentamt gecheckt. Für den Online-Shop kürzten wir es mit zwei Buchstaben ab – und genau die Kombination war rechtlich geschützt.“ Also kam eine dicke Abmahnung ins Haus. „Um zu lernen, muss man auch mal hinfallen.“

Foto: Sag's mit Schmusen
Foto: Sag's mit Schmusen

Die wichtigste Lektion für Tim war aber eine andere: „Alleine kommt man nicht weit!“ Neben Arbeits- und Zeitteilung ist auch das Brainstormen für Tim wichtig. „Alleine findet man gar nicht all die Ideen, die man braucht. Außerdem kann man sich und sein Produkt gar nicht richtig hinterfragen. Gemeinsam hat man immer andere Impulse und Perspektiven.“ Aber auch das Miteinander mit Leuten außerhalb des eigenen Teams ist unabdingbar. „Wir haben uns an Dozenten gewandt, die uns sehr engagiert weitergeholfen haben, die für uns ihr Netzwerk aktiviert haben, Sachen vermittelt haben, und so weiter. Auch durch die Teilnahme am Bochumer Gründerwettbewerb „Senkrechtstarter“ haben wir viel Support erhalten.“ Das Zuhören und Annehmen von Feedback ist für Tim dabei eines der wichtigsten Mittel, um sich weiterzuentwickeln. „Man sollte sich Leute suchen, denen man vertraut und auf ihre Erfahrungen bauen. Und immer für deren Feedback offen bleiben und sich vor dem eigenen Tunnelblick bewahren. Nur so kommt man weiter.“

Foto: Sag's mit Schmusen

Und warum das alles? Tim meint: „Wie gesagt, wer einfach nur durchs Studium kommen will, kann sich so einen Stress auch sparen. Wer aber Spaß am Studium haben will, wer Ambitionen und Leidenschaft hat, der sollte mehr machen.“ Es geht also nicht nur ums Credit-Point-Sammeln? „Wenn man für sich selber weiter kommen und etwas schaffen will, braucht man Eigeninitiative. Und so ein bisschen Selbstverwirklichung und Selbstfindung tut einem auch echt gut.“

Und dafür ist die Studienzeit, auch wenn das deutsche Unisystem es manchmal vergisst, ja auch da. Sie bietet einen der letzten großen Freiräume, um solche Experimente wie die Gründung eines eigenen kleinen Modelabels zu wagen. Tim sagt es diesmal nicht mit Schmusen, sondern wie es ist: „Wir wollten das unbedingt ausprobieren, bevor wir später keine Zeit mehr dazu gehabt hätten.“