MINT: Von Robotern und Stühlen

Robopokale | Foto: zdi

Wenn der Mathe- und Informatik-Lehrer Reinhard Weiß das Lehrerzimmer des Bochumer Gymnasiums Graf-Engelbert-Schule betritt, weiß er, dass er jederzeit wieder gehen kann. Er ist seit Januar im Ruhestand. Trotzdem kommt er regelmäßig in die Schule, um eine Roboter-AG zu betreuen. Damit ist er Rädchen in einem millionenschweren Getriebe, mit dem das Land NRW Interesse für Naturwissenschaften wecken will, wie Tim Müßle festgestellt hat.

Mancher Schüler meint, er sei schlecht in Mathe – dabei ist oft das Gegenteil der Fall. Mathe, Physik, Chemie und Informatik haben einen schlechten Ruf. Sperrig, schwierig, kompliziert. Einige Lehrer tun alles, um diesen Ruf aufrechtzuerhalten und verderben vielen die Freude an Zahlen und Technik. Auf der anderen Seite gibt es genug Schüler, die sich auf der Ausrede ausruhen, sie könnten halt einfach nicht mit Zahlen umgehen. Per Roboterwettbewerb und Schülerlabore soll der Nachwuchs nun außerhalb von Schule und ohne Zensurdruck für die sog. MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) begeistert werden.

Deutschland gehen jährlich Tausende von begabten Ingenieuren, Technikern und Naturwissenschaftlern durch die Lappen. Findet die Industrie, findet der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und findet auch das Land NRW, das seit Jahren naturwissenschaftliche Fächer („MINT-Fächer“) mit besonderem Aufwand bewirbt.

Robo-Kids

Foto: Reinhard Weiß

Und so trifft sich Weiß regelmäßig mit rund 15 Schülern, die sich in der Roboter-AG engagieren. Die Zeit ist knapp. Eine Regionalausscheidung im Roboterwettbewerb „Robot-Game“ findet am 27. Juni in Bochum statt. Rund 100 Schüler-Lehrer-Teams aus ganz NRW schicken ihre selbst erbauten und selbst programmierten Roboter auf ein Spielfeld. Es gilt, den Roboter eine Liste von Aufgaben erfüllen zu lassen. Etwa diese: „Der Roboter bringt den kaputten Stuhl zur Base. Das Team repariert den Stuhl per Hand. Danach bringt der Roboter den Stuhl zum Tisch.“ Dabei benutzen die Schüler einen fertigen, aber programmierbaren und umbaubaren Spielzeugroboter.

Das Robot-Game gehört zum zdi-Roboterwettbewerb 2013. Die Abkürzung „zdi“ steht für den Slogan „Zukunft durch Innovation“, ein gemeinschaftliches Projekt, an dem das Land NRW, Hochschulen, Schulen, Firmen sowie Städte und Gemeinden mitarbeiten. In NRW gibt es inzwischen 37 sogenannte „zdi-Zentren“ und 22 „zdi-Schülerlabore“. In diesen Zusammenschlüssen haben es sich Lehrer, Dozenten, Unternehmer und Experten zur Aufgabe gemacht, den Nachwuchs für Naturwissenschaften und Technik zu interessieren.

Ziel: Es geht dem Land um nicht weniger als das große Ganze. Klimawandel, Energietechnik, Gesundheit, Export – alles läuft aktuell auf Hochtechnologie hinaus. Deutschland will international mit Hightech punkten. Und dafür braucht man Spezialisten. Mathematiker. Ingenieure. Naturwissenschaftler. Techniker. Deshalb fördert das Land seit 2004 die MINT-Fächer, unter anderem per zdi. Parallel zum „Robot-Game“ läuft der Wettbewerb „Robot-Performance“, bei dem ein Roboter tanzen soll.

Das lassen sich die Beteiligten einiges kosten. Rund 15 Millionen Euro werden jährlich für zdi eingesetzt, sagt Dr. Klaus Bömken, Projektmanager im zdi. Sechs Millionen Euro kommen demnach vom Land NRW selbst. Und zwar aus den Töpfen des Wissenschaftsministeriums, das die Gesamtfederführung hat, und vom Arbeits-, Wirtschafts- und vom Schulministerium. Auch die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit gibt Geld hinzu.

Selbsttest

Foto: zdi

Um herauszufinden, wo Interessen und Begabungen liegen, nutzen immer mehr Schüler Online-Selbsttests der Universitäten. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH) etwa bietet eine ganze Reihe von Selbsttests an, „SelfAssessments“, ebenso die Ruhr-Universität Bochum. In einer guten halben Stunde lassen sich viele Tests ausfüllen, die etwa Zahlenverständnis oder Gefühl für Worte erfassen, aber auch Interessen einfließen lassen. Am Ende steht keine Empfehlung für einen konkreten Studiengang, sondern im besten Fall eher ein Spiegel, in dem Interessenten sich selbst und ihre Fähigkeiten besser erkennen können.

Wer beispielsweise ein starkes Interesse am Bau eines „Iron Man“-Anzuges hat, aber schon beim Bruchrechnen Schwierigkeiten bekommt, der ist möglicherweise in einem sozialen oder künstlerischen Beruf besser aufgehoben. Ein anderes, spezielles Orientierungsangebot richtet sich unter dem Namen „taste MINT“ an Mädchen und junge Frauen. Diese bekommen an drei Tagen verschiedene Aufgaben gestellt und werden von Fachleuten begleitet. In Anschluss steht eine individuelle Einschätzung, ob und wenn ja welche der MINT-Fächer in Frage kommen.

Entscheidet sich Deutschlands Zukunft daran, ob ein Spielzeug-Roboter den Stuhl heranholt? „Bei solchen Roboteraktivitäten lernt man ganz grundlegende Dinge“, sagt zdi-Projektmanager Klaus Bömken, „die Schüler, die sich für Mechanik interessieren, bauen den Roboter zusammen. Andere entwickeln die Softwaresteuerung.“ Doch zdi ist mehr als Roboterwettbewerb. Rund 30 technikorientierte Kurse und AGs gibt es rund um Schulen im ganzen Land. „Programmieren, Naturschutz, Biologie, Physik, Elektrotechnik“ seien nur einige der Inhalte, so Bömken.

Für Reinhard Weiß ist das der richtige Weg: „Was fehlt, sind Freiräume für kreatives Arbeiten. Da sind große Klassen keine gute Lernumgebung, da sie eine individuelle Förderung, gerade der leistungsstarken Schüler, nicht erlauben.“

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