Reportage: Unterwegs mit den Besuchsponys

Pferde, die im Aufzug stehen | Fotos: Irmine Estermann

Lucky und Sputnik sind etwas ganz Besonderes: Dass Pflegeeinrichtungen Hunde oder sogar Alpakas halten, um dementen oder beeinträchtigten Bewohnern eine Freude zu machen, ist sogar schon fast üblich. Dass Minishettys auf dem Gelände einer Einrichtung wohnen, Aufzug fahren und regelmäßig zu Besuch in den Gemeinschaftsräumen sind, nicht. Das Essener Haus Berge der Contilia Gruppe hat das Experiment vor einigen Jahren gewagt, mittlerweile haben die beiden Miniponys „Mitarbeiterstatus“.

Lucky und Sputnik dösen auf ihrer Koppel vor sich hin. Die kalte Luft an diesem Herbstmittag macht den beiden Minishettys nichts aus. „Sie sehen gerade aus wie kleine weiche Fellbälle“, sagt Marita Neumann. Das Winterfell ist super, denn dann fühlen sich die schäferhundgroßen Pferdchen für die dementen Bewohner des Seniorenstifts Haus Berge besonders toll an. Die machen allerdings heute keinen Ausflug zur Koppel. Ganz im Gegenteil: Die beiden Ponys werden nun fein gemacht, um gleich durch die Flure der Einrichtung zu tapsen und sich Streicheleinheiten und Apfelstückchen bei den Bewohnern abzuholen. Weit haben sie es da nicht: Die Koppel liegt nur wenige Schritte vom Seniorenstift entfernt. Einige der momentan rund 100 Bewohner können sogar von ihrem Fenster aus die Pferde sehen.

Eine „spinnerte“ Idee hat Erfolg

Begonnen hat das alles 2008 mit einer „ so ein bisschen spinnerten Idee“, erinnert sich die Einrichtungsleiterin Marita Neumann. Das Haus hatte sich auf Menschen mit Demenz spezialisiert und wollte auch etwas mit Tieren machen. Denn die Begegnung mit Tieren ist eine der Säulen bei der Arbeit mit dementen Patienten.

„Ich wollte allerdings keine Tiere im Haus haben“, sagt Marita Neumann. Denn was hätte sie machen sollen, wenn ein Patient seinen Wellensittich mitbringt und ein Mitarbeiter hochallergisch darauf reagiert? Es sollte ein Tier sein, das ganzjährig draußen lebt und robust ist. Und mit Ponys kennt die Pferdehalterin sich aus. Ein Jahr lang wamberte die Idee vor sich hin, bis zufällig eine Stiftung anbot ein besonderes Projekt zu fördern, falls die Einrichtung eins habe. Und ja, die Idee von Besuchsponys ist eine ganz besondere. Besuchshunde gibt‘s oft, Lamas und Alpakas oder Minischweine werden auch gerne von Pflegeeinrichtungen gehalten. „Bei denen sehe ich aber nicht so schnell, wenn ihnen etwas fehlt“, sagt Neumann. „Bei Ponys sehe ich es direkt.“ Jedenfalls war die Stiftung angetan, und die Mitarbeiter des Haus Berge legten los. Ein Stück Wildgarten wurde gerodet, um das Paddock und den kleinen Stall zu bauen, samt Wasserleitung und Zaun. Zufällig erfuhr Marita Neumann, dass jemand wegen eines Umzugs zwei Minishettys verschenken wollte. Gemeinsam mit einer Bekannten, die auch Zirkustrainerin war, guckte sie sich die Tierchen an.

Und es passte: Lucky und Sputnik waren zwar etwas verwahrlost aber aufgeschlossen, friedlich und nach kurzer Zeit zutraulich, außerdem reagierten sie auf Stimme und ihre Namen. „Sie liefen zwar anfangs vor uns weg, kamen aber auch direkt wieder, ein gutes Zeichen“, erklärt Neumann. Der braun-weiß gescheckte Sputnik und der kleine Rappen Lucky erfüllten damit die Grundvoraussetzungen, um ins Seniorenstift zu dürfen – natürlich nicht ohne vorher alle Situationen, in die ein Pony bei der Arbeit mit dementen Menschen geraten kann, zu üben.

Mehrfach nahmen die beiden an einem Zirkustraining teil, um auf alles vorbereitet zu sein. Es war mit viel Arbeit verbunden, die Ponys auszubilden. „Solche Tiere dürfen nicht schnappen oder treten. Auch nicht, wenn Bewohner plötzlich laut werden oder etwas fester zugreifen“, erklärt Neumann. Darauf muss sie sich verlassen können, denn das kann bei der Arbeit mit dementen Menschen immer mal passieren. Außerdem sind Ponys Fluchttiere, sie brauchen einen Alphamenschen, an dem sie sich orientieren können und in kritischen Situationen ruhig stehen bleiben.

Da steht ein Pferd auf dem Flur

Bei Luky und Sputnik ist das kein Problem: Mit frisch gebürstetem Fell und ausgekratzten Hufen trippeln sie Marita Neumann brav hinterher durch den Hintereingang ins Seniorenstift. Es dauert nicht lang, bis die ersten Bewohner die beiden Minishettys in den Fluren entdecken. Einige freuen sich, begleiten die beiden Pferdchen ein Stück und streicheln über das Fell. Andere wollen mit den Tieren nichts zu tun haben. „Da bleiben wir dann natürlich nicht länger“, sagt Marita Neumann und schimpft mit Lucky: „Sei nicht immer so verfressen!“ Der kleine Rappen hat gerade zwei Apfelstückchen von einer Bewohnerin erhalten und sucht unauffällig nach mehr. In der Falte des Pullis könnte sich doch noch ein Krümel verstecken. Oder vielleicht unter dem Rollstuhl? Egal, nach dem Rüffel ist der Ponykopf direkt wieder da, wo er hingehört: Lucky hört brav aufs Wort.

n den Gemeinschaftsräumen kommen die Pferdchen den Bewohnern ganz nah. Es wird gestreichelt, angefasst und über das Fell gestrichen. Viele Senioren lächeln dabei und kommen ins Erzählen – dabei geht es nicht immer direkt um die Pferde, aber sie lösen etwas aus. „Auch wenn wir wenig Menschen aus dem ländlichen Umfeld hier haben, erinnern sich einige Männer noch an die Zeit als Gespanne fuhren, einige der Frauen sind geritten wiederum andere erinnern sich an ihre Haustiere.“

Und das ist auch Sinn der Besuche: „Es geht hierbei nicht um Therapie“, betont Neumann. Denn Demenz ist nicht therapierbar. Es geht eher ums Wohlfühlen und um Glücksempfindungen, die die Vierbeiner auslösen. „Gerade diese kleinen Ponys erfüllen das Kindchenschema“, sagt Marita Neumann. Die Pferde haben einfach niedliche Gesichter und das spricht die Menschen an. Generell ist basale Stimulation das Zauberwort – also eine ganzheitliche Erfahrung. Die Pferdchen sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern sie schnauben und klappern mit den Hufen, sie haben einen Eigengeruch und ihr Fell und die Nüstern sind wunderbar weich und warm. „Sie sind kleine Fellkugeln auf Beinen, das erreicht die Menschen.“

Und die Mitarbeiter sind auch stolz. Wer kann denn schon von seiner Arbeit behaupten „ Wir haben Ponys“? Für Neumanns Kollegen gehören Lucky und Sputnik zum Alltag. Berührungsängste gibt es nicht. Immer wieder schnappt sich eine Mitarbeiterin einen Zügel und geht mit einem der Ponys zu einem bettlägerigen Bewohner, von dem sie weiß, dass er die beiden gern hat. Die Mitarbeiter helfen auch bei der Versorgung der Tiere.

Mit der Kutsche über das Gelände

Eine Gruppe aus acht Leuten wechselt sich abends beim Füttern ab – morgens schaut der Haustechniker als erstes nach den Tieren. Beim Durchzählen kommt er dann allerdings nicht auf zwei sondern auf vier Pferde. Denn neben den beiden Minis sind auch noch Max und Moritz da – zwei „echte“ Shettys, die etwas größer, aber genauso zutraulich sind. Sie kamen ein Jahr nach Lucky und Sputnik an und ziehen regelmäßig eine seniorengerecht umgebaute Kutsche über das Gelände. Bis zu vier Personen haben darin Platz. Natürlich ist es aufwendig, Kutsche und Mitfahrer fertig zu machen, aber es macht auch Spaß – nicht nur den Senioren. „Fünf Mitarbeiter haben sogar einen Fahrschein dafür gemacht“, sagt Marita Neumann. Sie dürften damit die Kutsche theoretisch sogar durch den Straßenverkehr steuern. Ganz freiwillig besuchten sie über drei Monate hinweg einen entsprechenden Kurs und legten sogar eine Fahrprüfung ab. „Viele hier haben keine Ahnung von Pferden, aber sie gucken trotzdem gerne mal vorbei.“

Sputnik geht auf Wanderschaft

Auch das eine Mal als Sputnik des nachts auf Wanderschaft ging (irgendeine „Dösbacke“ hatte den Stromzaun nicht angeschaltet) und wohl die Menschen im anliegenden Krankenhaus besuchen wollte, war alles entspannt. Die Kollegen an der Info des Krankenhauses entdeckten den Minihengst im Eingangsbereich, riefen kurz im Seniorenstift an und brachten den kleinen Ausreißer zurück. „Wenn er nicht so friedlich wäre, hätte das auch anders ausgehen können“, so Neumann.

Doch nicht nur die Besuche von den Ponys sind Alltag, sondern auch Besuche bei den Ponys. Wenn Patienten unruhig sind, gehen wir mit ihnen zu den Pferden. Schon alleine der Weg kann sie beruhigen, ebenso das Beobachten der friedlichen Tiere. Viele Senioreneinrichtungen haben eine Bushaltestelle im Garten für demente Menschen, die unruhig sind, weil sie nach Hause wollen. „Manchmal geht es einfach nicht anders“, sagt Marita Neumann. Man könnte die Senioren ja nicht nach Hause schicken, dann würden die Mitarbeiter sie kurz an die Bushaltestelle setzen, bis sie sich wieder beruhigen.Die Einrichtungsleiterin ist allerdings kein großer Freund dieser Bushaltestellen-Taktik. Und mit den Ponys geht es schließlich auch. Manchmal brauchen unruhige Bewohner nur eine kurze Ablenkung, wie die etwa 200 Meter bis zu der kleinen Herde. „Es ist wichtig, dass es ein Weg mit einem Ziel ist“, sagt Marita Neumann. Und die ruhigen, niedlichen Ponys sind ein tolles Ziel.

Der Renner bei Enkeln

Übrigens nicht nur für die Senioren: „Was wir überhaupt nicht bedacht hatten, als wir die Ponys angeschafft haben, war, welche Wirkung die Tiere auf Enkelkinder haben würden“, sagt Marita Neumann und freut sich. Denn die Besuche von Enkeln im Haus Berge sind seitdem merklich gestiegen. „Für ein Kind kann es sehr beängstigend sein, wenn die Oma einen nicht mehr erkennt.“ Da kann ein Besuch bei den Ponys für kleinere Kinder alles wieder entspannen. Sie kommen auch gerne wieder, um die Pferdchen zu besuchen. Der heutige etwa einstündige Besuch der Ponys im Haus Berge neigt sich langsam wieder dem Ende. Übrigens samt zwei Aufzugfahrten. „Das haben wir mit den beiden einfach irgendwann ausprobiert, irgendwie müssen wir ja zu den Bewohnern in den oberen Etagen kommen“, sagt Marita Neumann. Lucky und Sputnik ist die Fahrt im Aufzug ziemlich schnuppe. Sie gehen rein, warten und gehen wieder raus – ihr Alphamensch macht es ja schließlich auch so.

Auf dem Rückweg zur Koppel zeigt Marita Neumann, wozu das Zirkustraining der Ponys noch gut war: Lucky und Sputnik steigen aufs Kommando und Sputnik legt sich sogar hin, wenn man es möchte. Diese Tricks bekommen allerdings nicht nur die Bewohner im Haus Berge zu sehen. Marita Neumann nimmt die Ponys, auch Max und Moritz samt Kutsche, gerne mit in die anderen Häuser der Contilia Gruppe. Bei Sommerfesten und Tagen der offenen Tür sind die Ponys der Renner. Im Grunde muss sie nur einen Parkplatz finden für das 13 Meter lange Gespann samt Pferdehänger, dann stehen Lucky und Sputnik alle Türen offen. Und das noch vermutlich für ziemlich lange Zeit: Denn die Pferdchen sind jetzt mit knapp 20 im besten Ponyalter. Bis zu 40 Jahre alt können sie werden, ihre Rente haben sie sich bis dahin aber mehr als gesichert..

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