Politischer als vermutet: Toni Erdmann Hauptdarsteller Simonischek im Interview

Fiese Frise: Winfried (Peter Simonischek) als Toni Erdmann | Foto: © Komplizen Film

In Maren Ades Film „Toni Erdmann“ bringt Winfried, ein pensionierter Musiklehrer und Alt-68er als Toni Erdmann mit falschen Zähnen und Zottelperücke das Leben seiner Tochter, der Businessfrau Ines, durcheinander. In Cannes war die Komödie der Publikumsliebling, diesen Monat kommt sie in die Kinos. Peter Simonischek spielt Winfried alias Toni und hat Fabian Mauruschat ein paar Fragen zum Film beantwortet.

Wie kommt man an so eine Rolle? Kriegt man da einen Anruf, oder wird einem das Drehbuch zugespielt?

Eines Tages bekam ich das Drehbuch zugeschickt. Mit der Anfrage, ob mich das interessiert. Das Buch ging aber auch an viele Schauspieler und ich hatte gleich nach dem Lesen mit einigen telefoniert, da hieß es dann gleich ‚Wahnsinn, Hammer, was für ein Buch.‘ Trotz aller Begeisterung konnte ich mir nur nicht gleich vorstellen, wie sich dieser Winfried, der Musiklehrer, als Toni Erdmann verkleidet. Aber das war dann auch genau das Ding, dass es eben kein Klamauk ist, sondern eine realistische Komödie.

Wie ging es dann weiter?

Das Casting war in Berlin, da haben Maren Ade und ich uns dann zum ersten Mal gesehen. Die Atmosphäre war gut, wir haben uns auf Anhieb verstanden. Nach ein paar Wochen war klar, dass ich die Rolle bekam. Die Dreharbeiten waren sehr anstrengend, im Sommer in Bukarest war es sehr heiß und es gab viele Szenen in Autos und wir haben auf Ölfeldern gedreht. Trotzdem war es einfach schön.

Simonischek in Cannes | Foto: Kurt Krieger, NFP Marketing & Distribution

Winfried und sein Alter Ego Toni sind Vertreter der 68er-Generation, der heute immer wieder vorgeworfen wird, schuld an einem gesellschaftlichen Werteverlust zu sein. Ist Toni Erdmann eine Ehrenrettung der 68er?

Der Film ist viel politischer, als man vermutet, ohne dass er dabei ideologisch wird. Ines’ Vater wird Zeuge der Abhängigkeiten in dieser strikten Hierarchie, in der sie arbeitet, die dann auch noch durch persönliche Beziehungen und Verhältnisse kompliziert wird. Ines ist abhängig von ihrem Vorgesetzten und muss immer Feedback kriegen und mit ihrer Sekretärin ist das genau so. Dem Zuschauer werden keine Meinungen aufgezwungen. Die Haltung der Figuren und die Dialoge sprechen für sich.

Sie spielen Winfried, der Toni spielt, obwohl Winfried nicht gut schauspielern kann, oder?

Der ist ja gar kein Schauspieler, sondern ein pensionierter Lehrer, der einen mutigen Entschluss fasst und ihn durchzieht. Er verkleidet sich, um an die Tochter wieder heranzukommen. Ganz anders als bei einem echten Schauspieler, der immer auch ein Pflaumenaugust ist.

Wenn ihre Söhne Unternehmensberater geworden wären, würden sie denen auch so einen Besuch abstatten?

Ich fürchte, ich bin kein so kühner Vater wie Winfried. Ich würde mir das wünschen. Mein Sohn Max ist als Schauspieler erfolgreich und wenn er als Unternehmensberater so erfolgreich wäre, würde ich mir schon einmal angucken, ob er sein Geld mit dreckigen Geschäften verdient. Ich habe Vertrauen in meine Söhne, dass sie das Richtige tun. Sie haben auch bei der historischen Präsidentenwahl in Österreich richtig gewählt, ohne das ihnen das jemand sagen musste.

"Ich bin kein so kühner Vater wie Winfried"

„Toni Erdmann“ war der Publikumsliebling in Cannes, hat aber keine Palme gewonnen. Ist das leicht zu verschmerzen?

Das ist schade. Das ist wie mit fünf Richtigen im Lotto. Da kann man sagen ‚Scheiße, warum nicht sechs Richtige?‘ oder man sagt ‚Wow, fünf Richtige!‘ Rein mathematisch haben wir ja schon gewonnen. Wir waren in der Auswahl und bei den 1800 Bewerbern unter den 21 Auswahlfilmen zu landen, ist mathematisch viel beeindruckender, als zur Nummer Eins unter den 21 gewählt zu werden.

Deutsche Komödien sind oft zum Fremdschämen. Bei Toni Erdmann geht es doch auch um das Fremdschämen, das man von den eigenen Eltern kennt, oder?

In einem gewissen Alter ist jeder dritte Satz: ‚Ist das peinlich, Papa.‘ 

Maren Ade soll Winfried an ihren eigenen Vater angelehnt haben – konnten sie ihn kennenlernen?

Ja, das ist ein wichtiger Mann. In Maren Ades Kindheit muss sehr viel richtig gelaufen sein, dass seine Tochter so viel Kraft hat und an ihre Träume glaubt. Und er spielt ja auch mit, als der Herr Dudinger. Der ist der Schuldirektor, der in Pension geht. Da kommen die ganzen Schulkinder mit Totenmasken auf die Bühne und sagen im Chor: „Wir sind todtraurig, dass sie uns verlassen, Herr Dudinger.“

Toni Erdmann | Start: 14.7.

Deutschlandpremiere in Anwesenheit der Regisseurin, der Darsteller und des Teams: 5.7. (20.00 Uhr), Lichtburg, Essen