Spacken Deluxe – Der Film „Fraktus“ holt die Wirklichkeit ein

Grundsätzlich gilt das Melt! Festival, das alljährlich in Gräfenhainichen stattfindet, als eine Bastion des guten Geschmacks. Seit einigen Jahren verantworten die Macher der Musikzeitschrift Intro das Booking. Größen wie Björk, The Streets, Phoenix oder The Notwist musizierten bereits in der „Stadt aus Eisen“, einem ehemaligen Braunkohle-Tagebau tief im Osten der Republik. Bei der 2007er Ausgabe des Festivals sorgte ein Trio für Aufsehen, das selbst den in der Regel gut informierten Besuchern des Melt! vorab kein Begriff war: Fraktus. Untermalt von wildem Stroboskop-Flackern gaben die drei Männer, die man getrost als „Spacken“ titulieren kann, Eigenkompositionen wie „Affe sucht Liebe“ zum Besten. Mit stumpfer Stimmungsmache à la „Are you ready to rock?“ oder „Ich kann euch nicht hören“ irritieren sie das Publikum und wurden schließlich von der Bühne gepfiffen. Was damals die Gemüter erregte, hat sich mittlerweile als Spaß entpuppt. Hinter Fraktus verbergen sich – bis zur Unkenntlichkeit verkleidet – keine Geringeren als Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger. Am Donnerstag kommt die komplett fiktive Geschichte von Fraktus in die Kinos.

Vier Jahre währte, so will es das Drehbuch, die Bandgeschichte der Elektropopper aus Brunsbüttel. 1979 gegründet, blieben sie in der Folge chronisch erfolglos. Bis auf eine Ausnahme. „Affe sucht Liebe“ enterte 1983 die Charts. Kurz darauf löst bei einem Konzert in Hamburg ein Kurzschluss ein Feuer aus, bei dem das komplette Equipment verbrennt. Kurz darauf trennt sich die Band, jenseits der Bühne hatte man sich ohnehin nicht mehr viel zu sagen. 25 Jahre später begibt sich der Musikmanager Roger Dettner, gespielt von Devid Striesow, auf die Suche nach den drei Fraktus-Mitgliedern. Dirk Eberhard „Dickie“ Schubert (glaubhaft grenzdebil dargestellt von Rocko Schamoni) betreibt ein Internetcafé. Bernd Wand (Jacques Palminger) ist – ein nicht ganz ungängiges Muster im Zirkus Rock - in den Schoß der Familie zurückgekehrt. Gemeinsam mit seinen Erzeugern macht er als Fraktus II bizarre Hausmusik, wenn er nicht gerade im elterlichen Optikergeschäft aushilft. Die beiden sind also schnell gefunden. Und ihr Wiedersehen fällt gewöhnungsbedürftig aus: „Na du Fotze“, begrüßt Dickie Schubert seinen ehemaligen Mitstreiter Wand und greift ihm dabei beherzt in die Weichteile.



Dann geht es – gemeinsam mit Musikmanager Dettner, der Fraktus zur Reunion bewegen möchte, nach Ibiza. Auf der Mittelmeer-Insel residiert Torsten Bage (Heinz Strunk), der mittlerweile als Eurodisco-Produzent das Geld in der Schubkarre nach Hause fährt. Wie Strunk in seiner Villa mit Meerblick breitbeinig auf einem weißen Sitzmöbel hängt und im Anschluss sein überdimensionales Arschgeweih in die Kamera hält, das ist ganz großes Kino und lässt erkennen, dass die Herren Schamoni, Palminger und Strunk das Musikgeschäft in- und auswendig kennen. Manches Mitglied der musikindustriellen Upper Class dürfte sich in „Fraktus“ wiedererkennen – oder auch nicht.

Wie dem auch sei: Die Wiedervereinigung wird beschlossen und alles kommt, wie es kommen muss inklusive House-Version von „Affe sucht Liebe“, Studio Sessions bei einem schmierigen Producer und grotesken Eifersüchteleien. Bei all dem verwebt Regisseur Lars Jessen („Am Tag als Bobby Ewing starb“, „Hochzeitspolka“, „Dorfpunks“) geschickt Fiktion und wirkliche Elemente wie den Auftritt auf dem Melt!. Zudem konnte man namhafte Größen aus der Wirklichkeit für die filmische Lüge gewinnen. Dieter Meier (Yello), Jan Delay, Blixa Bargeld oder H.P. Baxxter geben euphorische Statements zu ihren frei erfundenen Kollegen ab und schwören vor laufender Kamera, wie sehr Fraktus ihr eigenes musikalisches Tun geprägt haben. 

Ganz neu ist diese Idee übrigens nicht. Bereits 1984 zeichnete die US-amerikanische Pseudo-Dokumentation „This is Spinal Tap“ die Karriere einer fiktiven Heavy Metal-Band nach. Die Macher von „Fraktus“ treiben das Spiel allerdings noch wesentlich weiter. Auf der Website zu Film und Band gibt es neben diversen Videos auch das Album zum „Comeback des Jahres“ sowie Klingeltöne zum Download. Und live sind Fraktus auch zu erleben: Am 9.11. konzertieren sie im Kölner Gebäude 9. In Düsseldorf, wo die drei Protagonisten gemeinsam mit Regisseur Lars Jessen am 7.11. ab 21:15 Uhr ihr Machwerk im Cinema präsentieren, bleiben die Instrumente hingegen außen vor. Glücklicherweise, möchte man sagen.