Top Spots, Hot Shots, Short Cuts: Kurzfilmtage Oberhausen

Bobay

In der Kürze liegt die Würze, in der Schärfe liegt die Kraft, und dieses altehrwürdige Festival hat auch kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag noch furchtbar viel Saft: Die 59. Kurzfilmtage sind in diesen schnelllebigen Zeiten allgegenwärtiger Handyclips und YouTube-Videos brandaktuell, und brisanter und relevanter denn je: Kurz und knackig werden in Oberhausen auch in diesem Jahr die ganz ganz großen Themen von kleinen feinen Filmchen treffsicher auf den Punkt gebracht.

Kurz, aber oho: Präzise, prägnant, pointiert fragen hier die besten der besten Short Movies aus aller Welt nach der Zukunft des bewegten Bildes in einer Zeit des digitalen Umbruchs – und werden völlig zu Recht vom kleinen Display der Smartphones zurück auf die große Kino-Leinwand gehievt. Ausgewählt wurden die diesjährigen Beiträge aus über 6 600 Einreichungen. Damit verzeichnen die Kurzfilmtage trotz neu eingeführter Beschränkungen bei den Teilnahmebedingungen (zum Internationalen Wettbewerb sind nur noch Einreichungen aus einem Jahr, nicht mehr aus zwei Jahren zugelassen) einen erheblichen Anstieg der Einsendungen. Niemals wurden mehr Filme nach Oberhausen geschickt. „Es entstehen immer mehr Filme. Hier machen sich die digitalen Produktionsmittel bemerkbar, die immer preiswerter und hochwertiger werden. Arbeiten von erstaunlicher handwerklicher und künstlerischer Qualität suchen nach einer Öffentlichkeit“, stellt Festivalleiter Lars Henrik Gass fest. Mehr Filme für ein neues Publikum: In den fünf Wettbewerben ist somit für Spannung gesorgt.

Der Internationale Wettbewerb

Repercussions

Beim größten und ältesten Wettbewerb des Festivals sind traditionell Großbritannien (neun Beiträge) und die USA (sechs Beiträge) stark vertreten. Überrascht haben in diesem Jahr die vergleichsweise kleinen Filmländer Polen und Österreich, die mit jeweils vier Produktionen mit von der Partie sind. Ungewöhnlich zudem: Alle vier Filme aus Österreich wurden von Regisseurinnen inszeniert. Sowieso ist der Anteil der Filmemacherinnen ist in diesem Jahr größer als je zuvor: Bei über der Hälfte der Filme im Internationalen Wettbewerb (30 von 57) zeichnen Frauen für Regie oder Co-Regie verantwortlich: Der Kurzfilm ist weiblich! Aus Deutschland sind zwei Filme im Internationalen Wettbewerb vertreten: Die deutsch-türkische Koproduktion „Kirik Beyaz Laleler“ von Aykan Safoglu, der anhand von alten Fotos James Baldwins Spuren in Istanbul folgt, und Ute Aurands experimentelles Porträt der Künstlerinnen Susan Turcot und Lisbeth Burri, „Susan + Lisbeth“.

Der Deutsche Wettbewerb

Sonntag 3

Im Deutschen Wettbewerb ist der Kurzfilm in diesem Jahr deutlich länger als in den letzten Jahren. Als Folge zeigen die Kurzfilmtage hier mit 17 Filmen rund zehn Arbeiten weniger als sonst. Die vorherrschenden Genres sind Experimental- und Spielfilm, oft in Mischformen, in denen die Grenzen zwischen Erzählung und formalem Experiment verschwimmen. Neben einigen in Oberhausen schon wiederholt vertretenen Filmemachern wie Rosa von Praunheim, Bjørn Melhus oder Jochen Kuhn sind auffällig viele neue Namen zu finden. Die bekanntesten Gesichter im Deutschen Wettbewerb sind allerdings Udo Kier, der in Stefanie Schneiders „Heather’s Dream“ buchstäblich eine Traumrolle spielt, und Angela Merkel als eine der beiden Hauptfiguren in Jochen Kuhns Animation „Sonntag 3“.

Der NRW-Wettbewerb

To be a B-Girl

Für den NRW-Wettbewerb werden alle deutschen Einreichungen gesichtet, die in Nordrhein-Westfalen produziert wurden. Hier überwiegen, im Gegensatz zum Deutschen Wettbewerb, die Dokumentarfilme, und zwar solche, die sich auch mit NRW-Themen beschäftigen. Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler steuern mit „50 Jahre Oberhausener Missverständnis“ gar eine Satire auf das Oberhausener Manifest bei. Yasmin Angel porträtiert in „To Be a B-Girl“ eines der wenigen Mädels, die sich in den Battles der Kölner Breakdance-Szene behaupten können. Ganz neu in diesem Jahr: Der NRW-Wettbewerb ist eingebettet in den Oberhausener „NRW-Tag“ am 3. Mai. Sportlicher Höhepunkt dürfte dabei die Ruder-Regatta am Rhein-Herne-Kanal sein, in der vier Teams aus der nordrhein-westfälischen Filmszene gegeneinander antreten.

Der Kinder- und Jugendfilmwettbewerb

Krokodil ohne Sattel

Bei den Kinderfilmen haben sich die Einreichbeschränkungen stärker ausgewirkt als beim Internationalen Wettbewerb: Mit „nur“ 335 Einreichungen wurden deutlich weniger Filme gesichtet als in den Vorjahren. Im Wettbewerb sind 26 Länder vertreten, darunter neben vielen europäischen Ländern auch Vietnam, Marokko, Kolumbien und Indien. Enttäuschend ist diesmal die Zahl der in den letzten Jahren stets gut vertretenen Dokumentarfilme für Kinder – stattdessen prägen Animationen und Spielfilme das Bild, ebenso wie die Rekordzahl von vier Musikvideos für Jugendliche. Ein dominantes Thema sind Geschichten um Migration und Identität. Kaddi in Britta Wandaogos Doku „Krokodile ohne Sattel“ (auch im NRW-Wettbewerb) erzählt, wie sie sich als Kind einer deutschen Mutter und eines Afrikaners fühlt. Die jungen farbigen Frauen in „Yellow Fever“ (auch im Internationalen Wettbewerb) sprechen über unerreichbare Schönheitsideale und Hautbleichmittel.

Der 15. MuVi-Preis

Ich schäme mich

Last but not least lässt sich zum 15. Geburtstag des MuVi-Preises definitiv konstatieren, dass das Musikvideo das Musikfernsehen überlebt und sich im Lauf der Jahre immer wieder neue Verwertungsplattformen gesucht hat. In diesem Jahr sind überwiegend neue Regisseure dabei, mit Clips unter anderem für Brandt Brauer Frick oder CocoRosie. Der bekannteste Name ist jedoch eine Überraschung im MuVi-Kontext: Heinz Emigholz ist mit „Moth Race“ vertreten, einem Clip für Kreidler. Ebenfalls in der Auswahl dabei ist auch der mehrfache MuVi-Preisträger Markus Wambsganss mit „The Exact Colour of Doubt“, einem Clip für die Liars. Noch bis zum 3. Mai haben die Kurzfilmtage die Kandidaten für den 15. MuVi-Preis wie immer auf muvipreis.de online gestellt. Hier kann über den MuVi-Online-Publikumspreis abgestimmt werden.

Infos und komplettes Programm auf kurzfilmtage.de

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