Von Sugarmamas, Missionarinnen und dicken Kindern

Paradies: Glaube

Während ihre alleinerziehende Mutti nach Kenia fährt (in „Paradies: Liebe“, jetzt im Kino), um als sogenannte „Sugarmama“ die Liebesdienste junger schwarzer Beachboys in Anspruch zu nehmen, und ihr Tantchen als fanatische Katholikin Ungläubige im Namen des Erlösers Jesus Christus missioniert („Paradies: Glaube“, ab 21.3. im Kino), verbringt die übergewichtige 13-jährige Melanie die Ferien in einem streng geführten Diätcamp in der österreichischen Provinz. „Paradies: Hoffnung“, der Abschluss von Ulrich Seidls aufsehenerregender Trilogie, erreicht am 16.5. die deutschen Kinos.

Glaube

Herr Seidl, Sie haben es mit den drei „Paradies“-Filmen geschafft, innerhalb eines einzigen Jahres bei allen drei großen Filmfestivals Cannes, Venedig, Berlin im Wettbewerb vertreten zu sein. Was bedeutet das für Sie?

Es bedeutet, dass es gelungen ist, mit den drei „Paradies“-Filmen Debatten und Kontroversen um das Thema und den Filmen breiten internationalen Raum zu geben.

Paradies“: Wie kam es zu diesem Übertitel für die Trilogie?

Das Paradies ist – im biblischen Sinn – die Verheißung eines immerwährenden Glückszustandes und nicht zuletzt ein häufig strapazierter Begriff in der Tourismusbranche, der bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Sonne, Meer, Freiheit, Liebe und Sex auslöst. In diesem Sinne steht der Titel für alle drei Geschichten und Filme, weil sich darin Frauen auf den Weg machen, ihre unerfüllten Träume und Sehnsüchte Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Protagonistin des Films „Glaube“ ist die Schwester der Sextouristin aus „Liebe“ – unterschiedlicher können zwei Frauen schwerlich sein.

Die beiden Schwestern, beide über fünfzig, haben ein ähnliches Problem: Sie sind enttäuscht von der Liebe, sie sind enttäuscht von Männern, sie sind sexuell frustriert und haben große Sehnsucht in sich. Aber jede geht damit auf andere Weise um: Die eine versucht in Kenia die (körperliche) Liebe zu finden, die andere sucht in der geistigen Liebe zu Jesus ihr Glück, den sie letztendlich aber auch wie einen irdischen Mann begehrt.

Liebe

Körperlichkeit und Schönheit: Was assoziieren Sie damit?

Körperlichkeit spielt bei meinen Filmen immer eine große Rolle. Ich liebe es, hautnahe Bilder zu machen, Menschen in ihrer Physis ungeschminkt zu zeigen. Gerade darin, in dem Ungeschönten, liegt für mich so etwas wie Schönheit.

Wie lässt sich die Ästhetik der „Paradies“-Trilogie beschreiben?

Meine filmische Umsetzung, das heißt, wie und in welchen Bildern etwas erzählt wird, richtet sich zum einen nach den örtlichen Gegebenheiten, den Locations, also auch danach, was unter welchen Umständen erzählt werden soll. Dabei spielt die Atmosphäre, in der die jeweilige Geschichte spielen soll, eine große Rolle. Kenia etwa, wo es laut ist und wo durch das Meer, die Palmen, den Strand eine vordergründige exotische Freiheit vermittelt wird. Ich hatte aber im Vorfeld an verschiedenen Orten der Welt recherchiert, auch in der Karibik, wo es „Sugarmama“-Tourismus ebenfalls gibt. Letztendlich habe ich mich aber für Afrika entschieden, weil mich die aufgeladenen gesellschaftlichen Zustände, die Wunden der Vergangenheit der europäischen Kolonialgeschichte interessiert haben. Afrika hat mich in seinen Bann gezogen. In seiner Vielfalt und Zerrissenheit, Schrecklichkeit und Schönheit, Armut und Reichtum durch Tourismus, der nichts anderes ist als eine zeitgemäße Kolonialisierung. Ich finde diesen Kontinent (auch visuell) endlos inspirierend.

Hoffnung

Wie könnte man nun mit Blick auf junge Mädchen in einem Diätcamp den Begriff Paradies lesen?

Nicht der Ort der Handlung ist als Paradies zu verstehen, sondern – wie auch bei den anderen zwei Geschichten – die Sehnsucht danach. Der Film beschreibt die Träume und Wünsche von pubertierenden Mädchen, was die Liebe, das Leben und ihre Vorstellungen von Sexualität anbelangt.

Jetzt, wo die Trilogie abgeschossen ist: Kann man zumindest andeutungsweise erfahren, was ihre nächsten Pläne sind?

Ich arbeite seit geraumer Zeit an einem Filmprojekt mit dem Titel „Im Keller“, das sich mit dem Thema „Der Österreicher und sein Keller“ beschäftigt. Ausgangspunkt dafür waren Recherchen, die ich schon vor vielen Jahren im Zuge der Vorbereitungen für meinen Film „Hundstage“ gemacht habe. Ich habe damals festgestellt, dass die Kellerräumlichkeiten in Einfamilienhäusern oftmals viel großzügiger angelegt sind als die Wohnräumlichkeiten, woraus zu schließen ist, dass vor allem Männer, Ehemänner und Familienväter, ihre Freizeit am liebsten in ihren Kellern verbringen. Zunächst tut sich das Normale auf. Man bastelt, werkt, betreibt Fitness, spielt Dart, geht rauchen, fernsehen, Computerspielen. Natürlich wissen wir alle, dass der Keller als Ort der Finsternis, des Geheimen, des Versteckten, schließlich ein Ort des Doppellebens, des Grauens und Verbrechens ist. Das wird in den Köpfen der Zuschauer präsent sein, während der Film einen Blick auf das Private und Familiäre österreichischer Keller wirft.

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