Mit dem 780er nach Haan – Christian Petzold zu Besuch in Düsseldorf

Petzold und Hoss am Set zu Barbara

Nina Hoss sieht fantastisch aus. Auch von hinten. Ihr gelocktes blondes Haar ist im Nacken zusammengesteckt. An einigen zarten Strähnen zerrt der Wind. Hoss trägt blauen Grobstrick.

Leider ist sie nicht im Original erschienen an diesem Donnerstagmorgen im Studio FX des Düsseldorfer Filmmuseums. Allein das Plakat von „Barbara“; jenem bravourösen Film, der es im vergangenen Jahr fast in die Oscar-Auswahl geschafft hätte, steht gerahmt auf einer Staffelei. Der Macher von „Barbara“ und Protagonist des Tages hingegen hat es noch nicht geschafft. „Christian Petzold ist unterwegs“, sagt jemand. Habe sich aus dem Taxi gemeldet. Witze über den „schwebenden Tausendfüßler“ und die problematische Verkehrssituation in der Landeshauptstadt sollen die allgemeine Aufregung überspielen. Vor der Tür wartet ein Kamerateam. Dann ist er da, endlich, Christian Petzold, lächelnd. Händeschütteln. Vorstellungen. „Möchten Sie gleich zu Beginn ein Statement abgeben?“, raunt jemand Petzold zu. Möchte er nicht. „Ich wüsste gar nicht, was ich sagen sollte“, entgegnet er freundlich, nimmt auf dem Podium Platz und gießt sich erst mal einen Orangensaft ein. Statt eines Statements fasst er seine problematische Anreise aus Berlin zusammen. 6:05 aufgestanden, anderthalb Stunden in der Air Berlin-Maschine gesessen, die erst noch enteist werden musste. In Düsseldorf gelandet, kannte der Taxifahrer weder Filmmuseum noch Schulstraße. „Noch nicht gefrühstückt, noch nicht geraucht, ich bin in Super-Stimmung“, gibt Petzold zu Protokoll – und strahlt doch das genaue Gegenteil aus. Der Mann, der in Hilden geboren wurde und in Haan aufwuchs, schafft es in kürzester Zeit, die klassische Atmosphäre einer Pressekonferenz in die eines Treffens unter Bekannten zu verwandeln. Ein Sympath, wie er im Buche steht.

„Meine Kinder haben immer Adolf-Hitler-Preis gesagt“

Petzold ist nach Düsseldorf gekommen, um den Wilhelm-Käutner-Preis der Stadt entgegenzunehmen. Das wird er morgen tun. Im Rathaus. Heute steht er der Presse für Fragen zur Verfügung. Zunächst muss er aber die Lobhudeleien über sich ergehen lassen. Erst Kulturdezernent Lohe. Dann kommt Bernd Desinger, Direktor des Filmmuseums. Er jongliert mit Superlativen, nennt Petzold „einen der größten lebenden deutschen Regisseure“, bezeichnet Julia Hummer in „Die innere Sicherheit“ als „einen richtigen Knaller“ und bescheinigt Nina Hoss „eine atemberaubende Präsenz, im Film und auf der Bühne“. Dann werden die Ehrungen verlesen, die Petzold in der Vergangenheit bereits einheimsen konnte. Max-Ophüls-Preis, Preis der deutschen Filmkritik, Deutscher Fernsehpreis, Adolf-Grimme-Preis. „Meine Kinder haben immer Adolf-Hitler-Preis gesagt“, lacht Petzold, „aber da waren sie ja erst vier.“ Der Regisseur läuft jetzt langsam aber sicher zu großer Form auf – der Orangensaft zeigt offenbar Wirkung. Er erinnert sich an seine Jugend in Haan. Aus dem bergischen Örtchen brach er zu Konzerten nach Düsseldorf auf. Emerson, Lake & Palmer in der Philipshalle, wo die Vorgruppe so lange spielte, dass er seine Helden nicht mehr erleben konnte. „Ich musste den letzten Bus nach Haan nehmen.“ Beim Gig von Malaria und Wirtschaftswunder an der Düsseldorfer Uni fuhr der letzte Bus hingegen ohne ihn – zu gut war das Konzert. „Ich bin dann die 14 Kilometer nach Haan zu Fuß gegangen, mitten in der Nacht, immer an der A46 entlang.“ Mindestens drei Drehbücher seien ihm dabei eingefallen. Großes Gelächter.

Trailer zu Barbara

Pipi im Taka-Tuka-Land

Welcher denn der erste Film gewesen sei, den er als Kind im Kino gesehen hat, möchte ein Journalist wissen. „’Pipi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land’ war das.“ Drei Kinos habe es allein in Haan damals noch gegeben. Später sei er dann eher nach Düsseldorf gefahren zum Lichtspielhausbesuch. Bambi, Souterrain im Café Muggel. Er erinnert sich genau. Auch an jene Vorstellung, die er wegen einer aufkommenden Lungenentzündung vorzeitig verlassen musste. Im berühmten 780er Bus von Düsseldorf nach Haan legte er sich, von Schweißausbrüchen gequält, auf die letzte Bank. Vor ihm saß ein Mädchen mit seiner Mutter, das immer wieder in seine Richtung schaute. „Nicht umdrehen, da ist ein Drogenabhängiger“, befahl die Mutter.

„Das amerikanische Fernsehen ist der letzte Dreck“

Dann kommt Petzold auf das Thema seines Lebens. Und das ist nun mal Film. Er schwärmt von Godards „Weekend“, von „Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder. Von Micheal Ciminos Vietnamkrieg-Streifen „The Deer Hunter“ und US-Serien wie „The Sopranos“, „The Wire“ oder auch dem zuletzt so gehypeten „Homeland“. Zwischendurch bezieht er immer wieder klar und deutlich Position zu unterschiedlichen Themen. „Das amerikanische Fernsehen ist der letzte Dreck“, findet er. Oder: „Auto interessiert unter jungen Leuten überhaupt keinen mehr.“ Der Autoindustrie könne er nur dringend raten, sich umzuorientieren. Was er denn mit dem Preisgeld von 10.000 Euro machen werde, wissbegiert jemand. Da muss er überlegen. Weltreise? Nein. Haus? Nein. Auto? Auf keinen Fall. Die drei Dinge, die bei „Wer wird Millionär“ todsicher angegeben werden, scheiden also schon mal aus. „Ich werd’s verschwenden“, entscheidet er letztendlich, „ich muss dem Protestantismus mal eins auswischen.“

Morgen wird wieder ein anstrengender Tag für Christian Petzold. Vormittags die Feierstunde im Düsseldorfer Rathaus, in deren Rahmen ihm der Preis übergeben wird. Abends steht er beim ersten „FilmTalk“ in der Black Box Rede und Antwort. Im Anschluss wird seine umfangreiche Retrospektive mit „Die Innere Sicherheit“ aus dem Jahr 2000 eröffnet. Bis Mitte Mai sind in der Black Box dann elf weitere Machwerke des Manns, der zur „Berliner Schule“ gerechnet wird, zu sehen. „Barbara“ ist natürlich dabei. Und auch ein neuer Streifen, verrät er vor der heiß ersehnten Raucherpause, ist bereits in Arbeit. Nina Hoss gehört wieder zur Besetzung. Halbe Miete sozusagen.