The Killing of a Sacred Deer: Unbehagliche Poesie

| Foto: Alamode Film

Vergangenes Jahr sorgte der griechische Filmemacher Yórgos Lánthimos mit dem so schrulligen wie düsteren Sci-Fi-Streifen „The Lobster“ für einigen Wirbel, jetzt dreht er diesen Strudel mit dem genauso faszinierend merkwürdigen Drama „The Killing of a Sacred Deer“ noch ein Stück weiter über die Grenze.

Herzchirurg Steven trifft auf den Sohn eines Patienten, der auf seinem OP-Tisch starb. Während er den etwas simpel erscheinenden Jungen in seine Obhut nimmt, ahnt er nicht, dass jener mit einem fiesen Rachespielchen für etwas, was er für Gerechtigkeit hält, sorgen will.

Foto: Alamode Film

Lánthimos beweist hier erneut, dass er ein fanatischer Meister seines Faches ist. 120 Minuten lang versetzt er seine Zuschauer mit manischer Energie in Unbehagen und erschafft eine frenetische Kinetik, deren Gesetze man ständig versucht zu ergründen, ohne sich je mit einer Lösung zufriedengeben zu können. In Lánthimos Realität einzutauchen, ist wie ein Bild anzustarren, auf dem irgendein Detail verkehrt ist, ohne dass man je wirklich herausfindet, welches es ist. Helfen könnte ein Blick in die griechische Mythologie, aus deren Gedankengut Lánthimos sich hier bedient. Dabei verrät der Filmtitel schon, was den Zuschauer erwartet: Hier hat jemand einen heiligen Hirsch getötet und muss dafür bestraft werden. In der Mythologie ist es König Agamemnon, der zur Sühne seine Tochter Iphigenie den Göttern opfern soll. Lánthimos baut aus dieser Grundlage ein verzwicktes Dilemma für seine Protagonisten, dass zwar ein abstraktes Konstrukt ist, aber sich dennoch in der emotionalen Ader festbeißt.

Foto: Alamode Film

Getragen wird der Film auch von seinen beachtlichen Darstellern, die immer etwas entrückt und fremd wirken, die eine perfekt zum Film passende Aura der unergründlichen Merkwürdigkeit ausstrahlen. Die Irritation lauert hier hinter jeder Ecke. Und an der Hand hält sie einen fiesen kleinen Teufel, der sich pechschwarzer Humor nennt. Dass diese absurde Komik immer nur einen Fingerbreit vom nächsten Horror entfernt ist, ist genau das, was „The Killing of a Sacred Deer“ zu so einem perfiden Genuss macht. Aufgeladen bis über beide Ohren, ist „The Killing of a Sacred Deer“ ein verdrehtes Gedicht, das Zuschauer mit dem unheimlichen Gefühl zurücklässt, einen Begleitlektüreband verspeisen zu wollen. Lukas Vering

Start: 28.12.
BR, IRL 2017
R: Yórgos Lánthimos
D: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic
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