Loving Vincent: Märtyrer der Kunst

| Foto: 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd

Mehr Kunstfilm geht nicht: „Loving Vincent“ besteht von der ersten bis zur letzten Sekunde aus sich bewegenden Ölgemälden, die im Stil von Vincent van Gogh eine Geschichte über das Leben und den Tod eben jenes niederländischen Vaters der modernen Malerei erzählen.

Die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman finden mit „Loving Vincent“ einen mehr als ungewöhnlichen Ansatz, um sich der Person Vincent van Gogh zu nähern. Nicht nur die erstaunliche technische Meisterleistung, den gesamten Film durch sich bewegende Ölmalereien zu inszenieren, sticht dabei aus den üblichen Biografiefilmen hervor, auch die erzählte Geschichte geht andere Wege. So dreht sich zwar alles um van Gogh, der Künstler selber erscheint im Film aber immer nur durch die Erinnerungen anderer Protagonisten. Erzählt wird die Geschichte des jungen Armand Roulin, Sohn von van Goghs Postmeister, der im Auftrag seines Vaters ein Jahr nach Vincent van Goghs Selbstmord einen Brief an dessen Bruder Theo aushändigen soll. Im Zuge dessen verirrt der junge Mann sich auf der Spurensuche im Leben des Künstlers. Wie in einer Detektivgeschichte klappert er Personen aus van Goghs Umfeld ab, sammelt deren Perspektiven auf den melancholischen Maler und puzzelt so für sich und den Zuschauer ein Portrait von van Gogh zusammen, das den Künstler aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet - ohne jemals Anspruch auf totale Wahrheit zu erheben.

Fotos: 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd

Inspiriert ist die Handlung durch hunderte von echten Briefen, die van Gogh an seinen Bruder und andere Menschen in seinem Umfeld schrieb. Aufbereitet ist sie wie eine Mischung aus Murder Mystery, Road Trip und Coming of Age Story. Schwächen zeigt der narrative Part von „Loving Vincent“ durch einen sehr starken Gebrauch von erzählerischen Monologen, die sich teils wie ein vorgelesenes Dokumentationsskript anhören. Statt in einem Film, der aus Gemälden besteht, die Bildsprache erzählen zu lassen, scheinen die Macher die experimentelle Form durch allzu simplifiziertes Storytelling auffangen zu wollen. Dabei steht die gewagte Machart nie im Weg – viel mehr taucht man recht unkompliziert und schnell in diese gemalte Welt ein. Vor allem auch, weil die Szenen mit agierenden Charakteren vorab von echten Schauspielern (wohlbemerkt vortrefflich) durchgespielt und anschließend nachgemalt wurden und so nie künstlich, sondern dank authentischer Mimik und Gestik verblüffend echt wirken. So mau die Erzählung stellenweise ausfällt, so ungebrochen bleibt die Verblüffung über den außerordentlichen Stil dieses Films. Nicht selten raubt es einem den Atem, wenn plötzlich ein bekanntes van Gogh Motiv im Film auftaucht und sich in Bewegung setzt, die Pinselstriche sich winden und verformen und die Szenerie zum Leben erwecken. Gerade weil es so ein einzigartiges Faszinosum von Film wohl kein zweites Mal geben wird, ist „Loving Vincent“ ein Muss für Filmliebhaber. Lukas Vering

Start: 28.12.
GBR, POL 2017
R: Dorota Kobiela, Hugh Welchman
D: Douglas Booth, Robert Gulaczyk, Jerome Flynn, Eleanor Tomlinson