Review: Der Samstag bei Bochum Total

OK Kid im Regen | Foto: Lisa Sänger

Der Samstag auf Bochum Total gestaltet sich kontrastreich. Während an einem Ende die Teenies schreiend feiern, wird am anderen Ende mit geschlossenen Augen genossen. Der besucherstärkste Tag des Stadtfestivals bietet Programm für jeden. Wir haben auf unserem Rundgang versucht, von allem etwas mitzunehmen.

Foto: Lisa Sänger

Zum „frühen“ Morgen (im festivaltechnischen Sinne bedeutet das zirka 16 Uhr) geht das Wetter erstmal in Kapitalstreik und lässt zur anlaufenden heißen Phase einen Regenschauer ab. Unbeirrt davon und mit Plastikponchos im Gepäck geht es für uns zu den Leoniden an die Sparkassen-Bühne. Besuchertechnisch ist diese eher unausgelastet. Nichtsdestotrotz beginnt pünktlich um 17 Uhr die Show. Oder? So ganz im Klaren ist man sich nicht, denn die Band versäumt es den Unterschied zwischen Soundcheck und Auftritt deutlich zu machen. Einziges Erkennungszeichen ist vielleicht, dass der Gitarrist plötzlich einen wilden Tanz mit seiner Gitarre beginnt. Musikalisch machen die Leoniden einen sehr versierten, anspruchsvollen Eindruck, schade nur, dass die Band nicht in der Lage ist das Publikum zu adressieren, wertzuschätzen oder zu begrüßen. Auch den Moment des Applauses mit Soundkritiken abzusägen, bringt stimmungstechnisch jetzt nicht so den Erwärmungseffekt. Verrücktes Tanzen, Instrumente gut bedienen können, eine ordentliche Singstimme und interessante, komplexe Indierock-Tracks schön und gut, aber nächstes Mal vielleicht in Richtung Publikum. Oder muss das bei Musik mit Indie-Avantgarde-Anspruch so?

Konkurrenz

Foto: Lukas Vering

Auf der 1Live-Bühne spielt derweil die Konkurrenz von Exclusive. Hier schallt typischer Elektroinfizierter Pop-Rock über eine überschaubare Menge aus erfreuten Teenies. In Sachen Anspruch also Kontrastprogramm. Wir werden direkt mal mit einem Tocotronic-Cover begrüßt, das uns aber nicht von der optischen Tim Bendzko-Parallele ablenken kann. Musikalisch bringen Exclusive zum Glück aber fetzigeren Pop zum Springen und Klatschen. Den Kids gefällts. Wir gehen dann mal weiter.


17:30 Uhr. Kurzer Wetterstatus: Wolkig mit Sonne. Insgesamt ist für einen Samstag noch nicht so viel los hier. Bisheriger Stimmungshochpunkt: An der Cocktailbar zieht einer blank, während die Verkäuferinnen Choreo zu Brasilienmusik tanzen. Ein Beistehender verlangt „Notschlachtung“. Für wen, bleibt ungeklärt.


Foto: Lisa Sänger

Nächster Programmpunkt sind Bilderbuch. Laut Aussage des Moderators, fordern diese „mehr Sex in der deutschen Musik“. Aha? Die Herren aus Österreich strahlen ein Selbstbewusstsein aus, dass an Anstößigkeit grenzt. Es wird gerockt, überraschend ordentlich, mit eleganten Gitarrensolis und Schweinskramtexten. Nachdem wir erfahren haben, dass des Sängers „Schwanz so lang wie ein Aal“ ist, müssen wir uns eingestehen, dass die dreiste Selbstverständlichkeit mit der Bilderbuch ihre extrem smoothe Musik abliefern, irgendwie anziehend wirkt. Ein bisschen Moves-like-Jagger, österreichischer Akzent und laszives Stöhnen hier und da machen das Bild komplett und erfüllen die anfangs erwähnte Forderung.

Kontraste

Foto: Lukas Vering

Meanwhile: Matula auf der Ringbühne. Auch hier wieder Kontrastprogramm. Das Publikum ist im Schnitt 10 Jahre reifer, ganz vorne sieht man wippende und lächelnde Mittzwanziger und Studenten. Man sieht Mädchen mit geschlossenen Augen die Texte übers Leben und Leiden mitsingen und Jungs genüsslich auf der Stelle tanzen. Der Band machts Spaß, dem Publikum auch. Es geht vielleicht keine MC-Fitti-mäßige Hüpfburgparty, aber die Freude und Anerkennung ob des Auftritts liegt fühlbar in der Luft. Der Gitarrist von Matula bleibt direkt an der Ringbühne und spielt bei Captain Planet auf gleicher Position weiter. Wir tingeln aber mal zur nächsten Bühne.


19:00 Uhr. Statusupdate: Bühnenwechsel klappt inzwischen nicht mehr so einfach, es wird voller, die Frauen am Cocktailstand tanzen immer noch Choreo, die Sonne lässt sich kurz blicken. Kurzer Publikumscheck: Jungesellen/innen-Abschiede, Familien, Punker, hippe Teens, es gibt Geschmacksverirrungen in alle Richtungen und anscheinend Programm für jede Nische.


Foto: Lukas Vering

Zeit für eine kleine Verschnaufpause. Wo könnte man sich diese besser gönnen, als bei einem schönen Jaimi Faulkner Auftritt? Der knuddelwürdige Australier mit seiner holländischen Band macht eine Show, wie es sich gehört: Er erzählt den ein oder anderen Schwank aus seinem Leben (zum Beispiel wie die Band drei Stunden vor Bochum im Stau stand und erst vor 30 Minuten ankam), ist sehr kontakt- und blickfreudig, singt jedes Lied mit Herz und weiß wie man dazwischen auch ordentlich abrockt. Hier kann man sich mal zurücklehnen und in Ruhe gute, handgemachte Musik genießen. Dezenter Regenfall trübt die Stimmung nur milde. Unter den Regenschirmen wird es noch lauschiger, manch einer tanzt einfach im Regen weiter. Kurz nachdem die Band die Bühne verlässt wird dann aber aus einem Schauer ganz schnell ein ausgewachsener Regenguss. Prädikat: Ungemütlich! Wir retten uns erst einmal ins Trockene und warten ab.

Konträr

Foto: Lukas Vering

Kurz vor dem Auftritt von Jupiter Jones auf der 1LIVE-Bühne verzieht sich das miese Wetter wieder. Die Menge rückt schon an, anscheinend ist das Interesse an der neuen Bandformation groß. Jüngst wurde der neue Sänger Sven Lauer in die Band integriert, Bochum Total ist eins der ersten Konzerte in der neuen Besetzung. Als es losgeht, jubelt die Menge. Lauer betritt die Bühne und strahlt vor Energie und Spielfreude und überträgt diese Stimmung auch schnell und gekonnt auf das Publikum in den ersten Reihen. Die positive Ausstrahlung steckt an, vor allem die jüngeren Fans zeigen sich überzeugt. Aus anderen Lagern, die vor allem den Ursprung der Band im Punkgenre noch kennen, hört man konträre, eher skeptische Stimmen. Es wird gar festgestellt, das die Revolverheldisierung von Jupiter Jones ihre Vollendung gefunden hat.


22:00 Uhr. Letztes Update: Die Johnny Cash Show scheint der bestbesuchte Act auf der Sparkassenbühne zu sein, immerhin stapeln sich hier die Leute beinah. Anderswo schlurfen die immer noch regendurchnässten Jugendlichen aus der Innenstadt. Ob die Cocktaildamen immer noch tanzen? Für uns geht es jetzt ab in die Rotunde, zur heimischen Bühne, wo es noch ordentliches Ska-, Indie- und Punkprogramm gibt. Dann heißt es: Gute Nacht. Später.


Alle Tagesberichte zum Bochum Total 2014

Bochum Total 2014 Playlist

Alle Video Interviews vom Bochum Total 2013