Review: Der Freitag bei Bochum Total

Die Musik trotzt dem Fußball bei Bochum Total | Foto Ricardo Nunes

Musik oder Fußball – das ist hier die Frage. Zumindest überlegten sich das sicher gestern einige Besucher von Bochum Total. Die Musiker, die genau die Slots um 18 Uhr erwischt hatten, mussten also um die Gunst der Zuschauer buhlen oder darauf setzen, dass sich nun einmal nicht jeder für Hummels, Lahm und Co. interessiert. Wir waren für euch unterwegs und haben so viel mitgenommen, wie nur möglich.

Obwohl es am Donnerstag noch so gut aussah, ist bei der heutigen Wetterlage zittern angesagt. Kurz vor den ersten Acts tröpfelt es von oben. Wir ignorieren das und laufen zur 1Live-Bühne, wo um 17 Uhr MarieMarie auftritt. Schon von Weitem erblicken wir eine große Harfe, rechts daneben ein Kontrabass. „Folktronic-Pop“ hat die Sängerin, Texterin und Harfenistin ihre Musikrichtung getauft. Tatsächlich steckt ordentlich Druck hinter jedem einzelnen Stück. Es dröhnt und wummert aus den Boxen als MarieMarie den ersten Song anspielt. Dabei entfaltet sich ein Sound, der durch Mark und Bein kriecht. Eingängig ist er; sphärisch und mystisch. Die klare und facettenreiche Stimme der Sängerin wabert über die Köpfe der Zuschauer. Ziemlich zierlich wirkt die junge Dame unter ihrem gewandartigen, blassblauen Oberteil. Schuhe trägt sie keine. Dazu die wilden roten Haare. MarieMarie hat sicherlich den interessantesten Look des Tages. Na gut, erstmal abwarten, was McFitti so aus dem Schrank gekramt hat.

Wir schwitzen nicht am Ball, sondern vor der Bühne

Aufbau West/ Foto: A. Dörnemann

Um kurz vor sechs verfolgen wir noch den Anstoß zum Spiel mit. Im ganzen Bermudadreieck rotten sich die Menschenmassen zum Rudelgucken zusammen. Auch im Pressebereich wird ein Fernseher aufgebaut. Wir aber wollen uns James Hersey und Marathonmann ansehen und sind gespannt, wie viele Zuschauer die Acts vor der Bühne akquirieren können. James Hersey ist Selfmademan aus Österreich, denn neben der Texterei, spielt der Herr auch noch Gitarre und produziert alles alleine. Zumindest mit dem Wetter hat er Glück. Pünktlich zu Beginn lässt sich die Sonne blicken. Pünktlich dazu fällt auch das erste Tor. Das verlautbart zumindest der Moderator, der Hersey ankündigt. Auf wessen Konto dieses allerdings geht, erfahren wir nicht. Naja, jetzt ist sowieso Musik genießen angesagt. Groovig und sehr rhythmisch präsentiert sich der Sound von Mister Hersey (ob Parallelen zu Left Boy wohl geplant waren?!), der beweist, dass es keine Armada von Musikern bedarf, um gute Mukke abzuliefern. James Hersey, für uns eine der Entdeckungen des Tages. Vor der Ringbühne wird derweil klar, dass Fußball nicht über alles geht. Marathonmann hat keinerlei Probleme die Reihen vor der Stage zu füllen. Kein Wunder, so umtriebig wie die Jungs in den letzten Monaten waren. Da der Opener für Casper, hier Support für Itchy Poopzkid oder Jennifer Rockstock. Punk und Hardcore ist das Metier der Band: „Dann lasst uns zusammen schwitzen. Aber nicht am Ball, sondern am Mikro“ schreit Sänger Michi der Masse entgegen. Die Fans vor der Bühne lassen sich nicht zweimal bitten und eröffnen prompt einen Moshpit. Ziemlich traurig sieht es hingegen vor der Sparkassen-Bühne aus, wo ein einziger Typ mit Gitarre steht und versucht, die drei Leute zu unterhalten, die nicht mit ihren Blicken am Fernseher kleben, um das Spiel zu verfolgen. Daumen hoch für so viel Tapferkeit! Wir verschnaufen kurz in der Rotunde, wo sich derweil auch ein Teil der coolibri-Redaktion vor der Leinwand versammelt hat. Einige Anwesenden sind ziemlich unglücklich über den Verlauf des Spieles, immerhin geht’s um den ersten Platz in der Tippliste.

Coole Jungs

MC Fitti/ Foto: R. Nunes

Um kurz nach sechs stehen wir trotz Spiel wieder vor der Hauptbühne, um uns Rockstah anzusehen. Wir kannten den Musiker vorher nicht wirklich, die Masse vor der Bühne offensichtlich schon, denn mittlerweile sind die Reihen wieder gut gefüllt. Der junge Mann, der kurze Zeit später die Bühne betritt, ist weder so hager wie Röhrenjeansträger Cro, noch so gefährlich oder bullig wie „Von Salat schrumpft der Bizeps“ Big Boss Kollegah. Rockstah ist der Typ von nebenan, der auf dicke Hose macht und in die Menge ruft „Die anderen gucken lieber Fußball, ihr guckt lieber Rockstah!“. Recht hat er. Mit dicken Beats und schweren Gitarren rappt er sich über die 1Live-Bühne und feiert sich dabei selbst (wohl auch mit viel Augenzwinkern):

„Der neue deutsche Teenieschwarm. Poppe die Cola light aus dem Limousinendach. Mein Album ist so ein Jahr zu spät. Passiert, wenn man aus Coolness nur in Zeitlupe geht“.

Drüben an der Sparkassenbühne ist derweil Aufbau West am Start. Richtig sympathische Herren erwarten uns da, die gerade eine gemeinsame Drum Session anstimmen und textlich ein bisschen freeystylen. Musikalisch bewegt sich das ganze zwischen Hip Hop, Indie und Rock. In jedem Fall erfrischend. Die Leute vor der Bühne hat die Band schon längst auf ihrer Seite „Ich merk doch, dass die Chemie zwischen uns stimmt“, lässt Sänger Florian verlauten und grinst sich dabei einen ab. Die für uns letzte Grinsebacke des Tages erwartet uns auf der Hauptbühne. Dort ist der What´s Apper mal wieder zu Gast. Hat ja letztes Jahr schon so gut funktioniert, da wurde Mc Fitti gleich noch mal eingeladen. Sichtlich ausgelassen, betritt der um viertel vor neun die Bühne. Passend zum Deutschlandsieg hat er sich in ein Deutschlandtrikot geschmissen – für Farbakzente sorgt die goldene Glitzerjacke. Schon beim zweiten Song wird die Konfettikanone abgefeuert. Während der Fitti mit´m Bart über die Bühne fegt, tanzen die Fans im Schnipselregen. Wie man die Twitterer, Smartphonenutzer und Facebooker dieser Tage zum Tanzen und Feiern bewegt, weiß der Delfinreiter ganz genau. Auch wir singen bei Textzeilen wie „30 Grad - Flamingos und Flipper, Sonnenbrille auf und rein in die Slipper“ (erstaunlicherweise sehr textsicher...) mit oder cruisen durch die Gegend als „18 Zoll“ angestimmt wird. So kann man den ereignisreichen Tag doch ausklingen lassen. Wir setzten uns jetzt mal in unseren Golf und rollen auf 18 Zoll nach Hause. Bis morgen!

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