Forscher der RUB fordern mehr Investitionen in den Nachwuchs

Sören Petermann und Klaus Peter Strohmeier im Gespräch mit Moderator Jürgen Zurheide | Foto: Lina Niermann

Die letzte Zeche macht 2018 dicht, der Strukturwandel ist offiziell beendet. Und jetzt? Bei einer Tagung am 1. März nahmen Bochumer Forscher des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung (Zefir) die Zukunft des Reviers kritisch in den Blick und stellen fest: Das Ruhrgebiet ist international noch keine international wettbewerbsstarke Region. Ein zentraler Faktor neben anderen: Die fehlende Investition in den Nachwuchs.

 „An die Stelle der Ressource Kohle tritt die Ressource Bildung“, sagt Dr. Jörg-Peter Schräpler. Eine Aussage, die nicht neu ist, mit der die Wissenschaftlergruppe aber eine dringliche Forderung verbindet: mehr in die nachwachsende Generation zu investieren. Damit sich das Ruhrgebiet wirtschaftlich erfolgreich entwickeln könne, müsse mehr Geld in Schulen und in die Quartiersentwicklung gesteckt werden. Auch diese Forderung ist nicht neu, neu sind allerdings die Forschungsergebnisse, mit denen die Sozialwissenschaftler ihrer Aufforderung an die Politik Nachdruck verleihen. In einer aktuellen Untersuchung betrachtete Dr. Jörg-Peter Schräpler ehemalige Arbeiterstadteile und wertete Zensusdaten aus. Das Ergebnis: In den sozial benachteiligten Regionen sind die Übergangsquoten zum Gymnasium weiterhin unterdurchschnittlich. Außerdem gebe es immer noch eine Ungleichheit zwischen Deutschen und Nichtdeutschen. Während nichtdeutsche Kinder im mittleren Bildungsbereich (Realschule, Gesamtschule) im Vergleich zu deutschen Kindern aufgeschlossen hätten, schafften noch immer zu wenige von ihnen den Sprung aufs Gymnasium. Schräpler konnte zudem nachweisen, dass Kinder, nur allein dadurch, dass sie in einem bestimmten Viertel wohnen, geringere Chancen haben, aufs Gymnasium zu kommen, ganz unabhängig von anderen Faktoren (vgl. „Wege zur Metropole Ruhr“ 2017).

 

Die A 40 als „Sozialäquator“
Laut der Bochumer Wissenschaftlergruppe zeigt sich im Ruhrgebiet weiterhin eine räumliche und soziale Segregation, also eine Trennung zwischen reichem Süden und armen Norden, bei der die Autobahn A40 als „Sozialäquator“ die Trennlinie bildet. Zugespitzt gesagt: Im Norden wohnen die Migranten und Hartz-IV-Empfänger, im Süden die Gutsituierten, die sich die hohen Mieten leisten können. Das Fatale dabei: Der Großteil der Kinder wächst im armen Norden auf. Prof. Klaus Peter Strohmeier spricht von den ehemaligen Arbeitervierteln als „Relegationszonen“ und definiert diese als „Verbannungsorte für Menschen, die keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr haben“. Aber gerade diese Relegationszonen seien die „Kinderstube der Gesellschaft“, also die Orte an denen das Humankapital für die Zukunft heranwachse. Sein Plädoyer: Die Arbeiterviertel müssen wieder zu Integrationsschleusen werden, wie sie das als Zechensiedlungen mit starker Solidargemeinschaft einst waren. Die Adresse eines Kindes dürfe nicht über dessen Lebenschancen entscheiden. Insgesamt fordern die Sozialwissenschaftler eine systematische Quartiersentwicklung mit massiven baulichen und sozialen Investitionen.

 

„Ungleiches muss ungleich behandelt werden“

Die Forscher kritisieren die bisherige Verteilung von öffentlichen Geldern. „Ungleiches muss ungleich behandelt werden“, so der allgemeine Tenor. „Konkret heißt das zum Beispiel, dass Schulen in Problembezirken mehr Ressourcen pro Schülerin oder Schüler erhalten", sagte Schräpler. Der Bedarf müsse dabei für jede Schule einzeln ermittelt werden. Der bestehende Kreissozialindex, mit dem das Schulministerium bisher die soziale Belastung in einem Kreis bzw. einer kreisfreien Stadt misst, sei dafür zu ungenau. Nötig ist nach Meinung der Sozialwissenschaftler ein schulscharfer Sozialindex, der die Situation nicht pro Stadt oder Kreis, sondern pro Schule erfasst. Ulrike Sommer, die Geschäftsführerin der Bildungsinitiative RuhrFutur, die auf der Tagung ebenfalls als Sprecherin geladen war, betonte, dass von der Schulförderung auch das Quartier insgesamt profitiere. Wer die Schule als negativen Ort erlebe, würde sein Viertel nach dem Schulabschluss – sofern möglich –  eher verlassen, um seinen Kindern woanders bessere Zukunftschancen zu bieten. Die erfolgreichen Schulabgänger zögen weg, zurück blieben die gesellschaftlichen Verlierer. Erfolgsversprechend seien auch Projekte, bei denen Quartiersangebote direkt mit Schulangeboten verknüpft würden. Als Beispiel nannte Sommer eine Gelsenkirchener Grundschule mit angeschlossenem Familienzentrum. Außerdem plädierte sie für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Grundschulen, weiterführenden Schulen und Hochschulen. Man müsse Bildungsbiografien als Gesamtheit betrachten und gemeinsam schauen, wie man erfolgreiche Laufbahnen ermöglichen könne. Lina Niermann

 

 

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