Antilopen Gang: "Seid nett zueinander!"

Stand Rede und Antwort: Koljah (mitte) | Foto: Robert Eikelpoth

Die Antilopen Gang kommt nach Hause. Zumindest für eine Show. Im Stahlwerk geben die Drei ihr fast schon traditionelles Weihnachtskonzert. Der gebührende Abschluss für ein sehr erfolgreiches Jahr. Wir sprachen mit Koljah über die letzten zwölf Monate, Erwartungshaltungen und was ihn mit dem coolibri verbindet.  

2017 ist fast vorbei – ein ereignisreiches Jahr für euch. Was ist hängengeblieben? Wie war es, aus deiner Sicht?
Das Jahr hat ja mit einem Paukenschlag begonnen: Am 20.1. ist „Anarchie und Alltag“ erschienen. Und auf Platz eins in die Charts eingestiegen. Das war für uns natürlich ein krasser Moment. Eine riesige symbolische Tragweite. Damit haben wir auch nicht gerechnet. Es war vielleicht abzusehen, dass wir irgendwo „oben“ platziert sein werden, die Platte davor war auf 41, aber direkt Platz eins, das hat uns schon umgehauen. Das ist auf jeden Fall das Sahnehäubchen. Und das war erst der Anfang von 2017. Wir waren auf Tour, das lief alles sehr gut. Viele Abenteuer erleben, eine Menge Festivals. Und jetzt sind wir  wieder unterwegs – 2017 war und ist also ein gutes Jahr für die Antilopen Gang! Der einzige kleine Dämpfer war, dass Panik Panzer sich im Sommer den Arm gebrochen hat, da mussten wir ein paar Festivals absagen. Aber jetzt ist er wieder genesen, und wir können das Jahr würdig zu Ende bringen.

Und der eine Moment, der das Jahr besonders gemacht hat? Habt ihr Träume erfüllt, Idole getroffen?
Tatsächlich hab ich eins meiner Idole kennengelernt: Ich bin riesiger Fehlfarben – und Family Five-Fan. Deren Sänger Peter Hein hat auf unserer Punkrock-Bonusplatte mitgemacht. Peter ist für mich ein sehr wichtiger Künstler, ihn im Studio kennenzulernen war schon toll. Und als wir  in Wien gespielt haben, wo er inzwischen lebt, ist er zum Konzert gekommen. Das war auf jeden Fall so ein Moment, der hängenbleibt. Und natürlich unser Konzert in der Berliner Olympia-Halle, unser größtes bis jetzt. Da waren 3.000 Leute. Und als wir von der Bühne gegangen sind, waren wir uns alle einig, dass das eins von unseren besten Konzerten war. Definitiv in den Top 3. Was selten vorkommt, übrigens. Meistens kommen wir runter und sind alle drei nicht zufrieden. Dass wir in Berlin alle einstimmig glücklich waren, ist für Antilopen-Standarts was sehr Besonderes! Da ist zum Jahresende nochmal was Großes passiert, was auch manifestiert, was wir alles erreicht haben in den letzten zwölf Monaten.

Hast du eigentlich einen Plan B? Falls es irgendwann nicht mehr laufen sollte?
Ich habe Soziologie studiert, hab meinen Master gemacht – ich könnte, wenn ich wollte, jederzeit promovieren. Ich weiß allerdings nicht, ob ich das jemals machen werde. Nach meinem Studium wollte ich auch eher in die journalistische Richtung. Ich hab sogar mal eine Initiativ-Bewerbung an den coolibri geschickt…  Und jetzt läuft es ja, natürlich knüpft man auch Kontakte in dieser Welt, in der wir uns gerade bewegen. Und wer weiß, vielleicht bin ich ja irgendwann mal hinter den Kulissen dieses Zirkusses tätig. Aber soweit denk ich noch gar nicht.

Video: Antilopen Gang "Baggersee"

Ihr seid ja durchaus sehr direkt in euren Texten, nehmt aktuelle politische und gesellschaftliche Stimmungen mit auf in eure Songs – wie wichtig findet ihr diesen Part? Die euch gegebene Plattform auch als eine Art Sprachrohr zu nutzen? Seht ihr euch da in der Verantwortung?
Eigentlich sehen wir uns da in keiner Verantwortung. Wir haben gar nicht den Anspruch, plötzlich andauernd zu aktuellen Themen Stellung beziehen zu müssen. Wir machen das ab und zu, aber nicht, um es zu machen, sondern weil einfach Dinge passieren, zu denen wir uns gerne äußern wollen. Ob das politischer, gesellschaftlicher oder sonstiger Natur ist, steht erst mal im Hintergrund. Und wenn wir uns äußern, dann selten mit dem Hintergedanken, etwas mitgeben zu wollen oder die Aufmerksamkeit zu nutzen. Wir sind natürlich interessiert an einer Menge Themen. Und in unsere Texte fließt ein, was uns interessiert. Aber wir fokussieren es nicht, als Polit-Band zu gelten. Wir labern uns erst mal alles ungefiltert von der Seele weg. Wir haben auch Redebedarf und wollen Dinge  für uns  klarstellen, und bei Musikern passiert das halt in dieser Form. Und das sind wir in erster Linie: Musiker, die halt Klartext sprechen.

Trotzdem ist es ja nicht zu leugnen, dass Musik und Kunst schon immer die Strömungen einer Zeit dokumentiert haben – viele Menschen identifizieren sich ja durchaus auch mit ihren Lieblingskünstlern, also ist ein gewisser aufklärerischer Part doch gegeben, oder?
Klar, dass kenne ich auch von früher – ich hab viel Punk gehört, Wizo zum Beispiel, die haben mich mit ihren Aussagen bestimmt auch beeinflusst, klar. Aber das macht die und uns ja nicht zu Experten. Manchmal finde ich es befremdlich, wenn Leute erwarten, dass wir einen pädagogischen Auftrag verfolgen. Wenn wir zum Beispiel gefragt werden, wie wir den Ausgang der Wahl sehen, oder wie wir die aktuelle Lage einschätzen. Wir sind ja keine Politikwissenschaftler geworden, sondern Künstler, die absurden Kram machen. Und bei solchen Themen ist doch jeder gefragt, warum sollten wir da unsere Meinung und unseren Einfluss wichtiger nehmen als alle anderen?

Seid ihr euch bewusst, dass es, wenn ihr etwas äußert, egal welcher Natur, sehr viele Menschen erreicht? Und dass ihr vielleicht auch missverstanden werden könnt?
Wir sind uns da nicht immer bewusst, haben uns bis heute nicht  richtig daran gewöhnt. Auch wenn wir irgendeinen Blödsinn bei Facebook posten, was „Brisantes“, dass es durchaus passieren kann dass das in irgendwelchen Nachrichten landet. Das ist für mich bis heute total absurd. Und ich glaube auch, dass wir, also unsere Texte, immer am besten sind, wenn wir uns frei von genau diesen Gedanken machen. Wenn wir einfach drauflosschreiben. Auch wenn wir natürlich wissen, dass sich die Platte dann vielleicht schon eine Menge Leute anhören. Trotzdem versuchen wir, da keine Rücksicht drauf zu nehmen. Es gibt erstmal keine Tabus, keine Regeln. Das kann man später immer noch sortieren. Alles andere hemmt den kreativen Prozess.

Foto: Robert Eikelpoth

Jetzt das Konzert in Düsseldorf, ihr kommt an Weihnachten „nach Hause“ – habt ihr euch das Datum extra ausgesucht?
Das war schon die Idee, die haben wir ein bisschen von den Toten Hosen geklaut – die haben ja früher auch in Düsseldorf  ihre Weihnachtsshows gespielt. Und für uns ist es auch immer was Besonderes, hier zu sein. Als dann bei der Tourplanung klar war, dass der 23. frei ist und im Stahlwerk klappt, war das wie ein Wink des Schicksals, dass es das „Fest der Liebe“, was Besonderes wird. Mit ein paar Überraschungen: Zum Beispiel haben wir eine unserer Lieblingsbands, „Knochenfabrik“, als Gäste am Start. Und ich bin guter Dinge, dass dieses Konzert nochmal einen draufsetzt. Wir arbeiten dran, dass es eine unvergessliche Sache wird.

Du wohnst noch hier in Düsseldorf, die anderen beiden sind in Berlin: Wie lebt es sich hier? Du bist ja viel unterwegs – hat das deine Sicht auf die Stadt verändert?
Ich wohne sehr gern hier, habe auch nicht vor, wegzugehen. Ich hab schon mitbekommen, wie sich die Stadt gewandelt hat, oft aber zum Guten. Ich finde Düsseldorf optimal. Berlin wär mir zum Beispiel zu trubelig, da ist zu viel los. Ich brauch es ein bisschen entspannter. Göttingen andererseits, wo ich während meines Studiums ein paar Jahre gewohnt hab, war mir zu klein – Düsseldorf hat die perfekte Größe für mich. Es tut sich immer noch was, es gibt zum Beispiel viele Untergrund-HipHop-Sachen, zwar bin ich da nicht mehr so oft wie früher, aber man bekommt das doch mit. Es gibt auch immer wieder gute Konzerte. Also ich kann nicht klagen. Das gemächliche von Düsseldorf kommt mir sehr gelegen. Und natürlich hab ich auch noch meine Leute hier, Freunde, die ich schon seit 10, 20 Jahren kenne, meine Familie. Das war für mich auch ein Grund, wieder zurückzukommen. Ich fühle mich hier einfach wohl.

Und hast du einen Lieblingsort in der Stadt?
Was Konzerte und andere Veranstaltungen angeht, bin ich Stammgast im zakk. Ansonsten habe ich Flehe wiederentdeckt– ich bin da auch aufgewachsen, als ich fünf war, sind wir von Bilk dahin gezogen. Mit 17, 18 fand ich das nicht so cool, weil das so ab vom Schuss ist. Aber mittlerweile bin ich echt Fan, gehe da total gern spazieren, an der Fleher brücke, runter nach Volmerswerth. Da fühl ich mich auch geborgen, das ist ja meine Heimat. Und Samstags verbinde ich das manchmal mit einer Runde über dem Trödelmarkt am Aachener Platz.

Zu guter Letzt: Deine Weihnachtsmessage?
Seid nett zueinander. Und kauft euch vielleicht ein Antilopen-T-Shirt.

Fest der Liebe

Antilopen Gang: 23.12., Stahlwerk, Düsseldorf

Heimspiel: Antilopen Gang

Spätestens seit dem Song „Beate Zschäpe hört U2“ kennt sie die ganze Republik. Gerne werden die Antilopen als linkspolitische Stimme des deutschen Rap gehandelt, doch auf die Rolle als Gewissen der Nation wollen sie sich nicht festnageln lassen: Musik darf auch mal sinnfrei und rein unterhaltsam sein. [mehr...]