Report: Obdachlos trotz Arbeit

| Foto: Sebastian Sellhorst

Aktuell haben mehr Menschen Arbeit in Deutschland als jemals zuvor – und doch steigt die Zahl der Wohnungslosen. Hunderttausende haben keine eigenen vier Wände, mitunter sogar trotz Arbeit. Und nun verschärfen sogar Studenten das Problem.

Anfang November 2013 entdeckten Passanten einen erfrorenen Obdachlosen in einem Gebüsch in der Altstadt von Rostock. Laut Obduktion starb er an Unterkühlung in Zusammenwirkung mit Alkohol. Da war niemand mehr, der sich auf die Suche gemacht hat, weil der Papa oder der Ehemann nicht nach Hause gekommen ist. Denn der 52-Jährige hatte kein Zuhause mehr. Niemanden, der nach ihm sucht. So wie der Tote von Rostock lebte, so leben rund 24 000 Menschen in ganz Deutschland – auf der Straße. Diese Zahl stammt aus einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG). Das ist eine Arbeitsgemeinschaft verschiedener sozialer Hilfeorganisationen. Insgesamt geht die BAG von 284 000 Menschen aus, die im Jahr 2012 ohne Wohnung in ganz Deutschland lebten.

Die wenigsten davon machen „Platte“, wie das draußen Schlafen auf der Straße und von Sozialarbeitern genannt wird. Viele kommen unter – bei Bekannten oder Freunden, oft zu Bedingungen, die eigentlich nicht das Wort „Freundschaft“ verdienen. Das gilt besonders für wohnungslose Frauen. Obdachlosigkeit verändert ihr Gesicht. Der klassische Tippelbruder, der mit Rauschebart, exzentrischer Frisur und Sack und Pack im Gebüsch hinterm Supermarkt übernachtet, stirbt aus. Buchstäblich. Nachwuchs: Fehlanzeige. „Wir haben viel mit Menschen zu tun, die offiziell ,wohnen‘, das aber ohne Strom, ohne eine Tür hinter sich schließen zu können und oft in der ständigen Unsicherheit, auf der Straße zu landen“, sagt Bastian Pütter, Redaktionsleiter des Straßenmagazins „bodo“.

„Es ist schwieriger geworden, eine Wohnung zu finden.“

Wohnungslosigkeit fällt nicht vom Himmel. Selbst wer von heute auf morgen zum Beispiel vom Partner oder von den Eltern rausgeschmissen wird, könnte sofort unterkommen – bei einer der Notschlafstellen, die die Städte laut Gesetz betreiben müssen. Im Anschluss könnte eine Beratungsstelle weiterhelfen. Doch die Probleme drücken oft so stark, dass die Betroffenen keinen Ausweg mehr sehen. Hans Schneider (54, Name geändert) zum Beispiel konnte die Raten für sein Haus nicht mehr bezahlen, als seine Frau chronisch krank wurde. Gleichzeitig drückten Schulden, hinzu kamen persönliche Probleme. Die Ehe brach auseinander, seine Frau kam bei Verwandten unter, Schneider wollte niemanden mehr sehen – und packte eines Tages seinen Rucksack. Es gibt Tausende Gründe für Obdachlosigkeit, und einige Gemeinsamkeiten. Viele Probleme auf einmal, Drogen- oder Alkoholkrankheit, Verwandte und Bekannte, die wenig hilfreich sind sowie eine gewisse Hilflosigkeit sich selbst gegenüber. Oft genug stehen bei jungen Wohnungslosen auch Eltern dahinter, die eher Teil des Problems als der Lösung sind.

Und es werden mehr. Im Jahr 2012 haben sich 328 Menschen an Rolf Ellmer gewandt, Leiter der Beratungsstelle für Wohnungslose in Witten. Die Hilfesuchenden waren wohnungslos oder von akuter Wohnungslosigkeit bedroht, wie es auf Sozialarbeiterdeutsch heißt. Ende 2013 verzeichnete Ellmer bereits 360 Hilfesuchende, ein Drittel davon Frauen. „Der Trend setzt sich fort“, stellt Ellmer fest. Denn: „Es ist schwieriger geworden, eine Wohnung zu finden.“ Das liegt zum Beispiel am Sozialen Wohnungsbau, der zurzeit abnimmt. Dieser sieht vor, dass private Investoren Wohnungen bauen und der Staat ihnen dafür Geld gibt, durch unterschiedliche Arten der Subventionierung. Im Gegenzug gibt es hinterher eine Höchstgrenze für die Miete, und einziehen darf nur, wer nachweisen kann, wenig Geld zu haben. Nach einigen Jahren enden die Laufzeiten der Verträge, und die Sozialwohnung wird zur normalen Wohnung. Die Mieten steigen.

„Studenten verschärfen die Situation“

Dies deckt sich mit dem aktuellen Datenreport 2013, der unter anderem vom Statistischen Bundesamt herausgegeben wird. 41,6 Millionen Menschen hatten demnach im Jahr 2012 einen Job. Noch nie gab es so viele Erwerbstätige in Deutschland. Gleichzeitig lag der Anteil armutsgefährdeter Menschen im Jahr 2011 in Deutschland bei 16,1 Prozent – ein Anstieg um 0,9 Prozentpunkte im Vergleich zum Jahr 2007. Besonders armutsgefährdet: Junge zwischen 18 und 24 sowie Ältere zwischen 55 und 64. Armut trotz Beschäftigungsrekord, durch Zeitarbeit, Teilzeit, Aufstocker. Und: Im Jahr 2011 hatten die reichsten 20 Prozent der Gesellschaft rund 37 Prozent des Einkommens, die ärmsten 20 Prozent dagegen nur neun Prozent davon.

Der doppelte Abiturjahrgang sorgt zurzeit in fast allen Regionen in Deutschland zusätzlich für knappen Wohnraum für Studenten. Und das sind nicht immer nur hippe Gegenden, sondern auch mal Dortmund-Nordstadt – klassischer bezahlbarer Wohnraum. Werena Rosenke von der BAG stellt „Konkurrenz um preiswerten Wohnraum“ fest; „Studenten verschärfen die Situation“, sagt auch Julia von Lindern, Sozialpädagogin des Vereins „Asphalt“ in Düsseldorf, der das Straßenmagazin „fiftyfifty“ herausgibt. Hinzu kommen viele Einwanderer aus südosteuropäischen Staaten, die legal einreisen, aber oft nicht arbeiten dürfen. „Die fehlende Arbeitserlaubnis bedeutet auch einen Ausschluss von den meisten Sozialleistungen“, beschreibt Bastian Pütter.

„Obdachlosigkeit ist aus unserer Sicht eher das Symptom für ein ganzes Bündel von Problemen – persönliche Krisen, soziale Isolation, Sucht, Schulden, psychische Erkrankungen“, sagt Pütter. Diese Probleme könnten zum Verlust der Wohnung führen, wenn das Umfeld fehle, den Problemen früh zu begegnen. „Jeder kennt es, den unangenehmen Brief erst einmal ungeöffnet zu lassen.“

Wenn dann zusätzlich diejenigen wegschauen, die vielleicht noch am ehesten helfen könnten, dann ist der Abstieg so gut wie sicher. Die Deutsche Bahn zum Beispiel hängte im November einen Zettel in die Wartehäuschen am Hauptbahnhof in Duisburg, in denen Obdachlose oft vor Temperaturen um den Gefrierpunkt Schutz suchen. Auf dem Zettel verwies die Bahn auf eine Notschlafstelle, rund 1 500 Meter westlich vom Hauptbahnhof. Doch die Adresse gab es bereits seit einem Jahr nicht mehr – das Haus war abgerissen worden.

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