Selbstversuch: Einkauf ohne und mit Plastik

21,04 Euro kostete der plastikfreie Einkauf (inkl. Weckglas). Es fehlen Hähnchen, Zahnpasta und Chips. | Foto: Lina Niermann

Plastik verschmutzt die Weltmeere, zersetzt sich sehr langsam und belastet das Ökosystem für Jahrhunderte. Eigentlich spricht vieles dafür, auf dieses Verpackungsmaterial zu verzichten. Aber wie einfach ist plastikfreies Einkaufen wirklich? Lina Niermann hat in Bochum den Selbstversuch gewagt und sich in das Gewirr von Zahnkreide, Bio-Binden und Weckgläsern gestürzt. Zum Vergleich ist Dominique Schroller ganz konventionell einkaufen gegangen. Die Bilanz spricht für sich.

Auf dem Einkaufszettel stehen Nudeln, Joghurt, Milch, eine Fertigsuppe, ein Tiefkühlgericht, Chips, Tampons, Zahnpasta, Äpfel und ein Hähnchenbrustfilet. Mit Jutebeuteln und Tupperdosen bewaffnet geht es los. Erster Stopp: Das Veggihaus in der Bochumer City. Der vegetarische Laden hält lose Ware wie Haferflocken, Nüsse und Cornflakes in Spendern bereit, an denen sich Kunden die gewünschte Menge in Weckgläser abfüllen können. Klassische Pasta gibt es leider nicht. Dafür aber immerhin Risoni, kleine Nudeln in Reisform. „Ich würde das Angebot auch gerne noch erweitern“, erklärt Inhaber Uwe Klimansky, „allerdings liegt die bisherige Nachfrage weit unter den Erwartungen.“ Seinen gepufften Bio-Quinoa hat er schon heruntersetzen müssen, weil bald die Haltbarkeit abläuft.

Der Inhaber sieht eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis: Theoretisch wünschten sich Kunden unverpackte Ware, in der Praxis griffen viele aber dennoch auf die verpackte Alternative zurück, die oft günstiger ist. „Wir beziehen unsere Nüsse von Bode Naturkost aus Hamburg in 20-Kilo-Säcken. Da können wir einfach nicht den gleichen Kilopreis anbieten wie andere Firmen, die ganze Güterzüge ordern“, sagt Klimansky. So sehr er die Idee von Nachhaltigkeit und Müllvermeidung unterstützt, als Kaufmann müsse er eben auch wirtschaftlich denken. „Es geht nur, wenn alle mitmachen“ lautet sein Resümee.

Der erste Verstoß

Neben den Risoni wandern noch Joghurt, Milch und eine Fertigsuppe in den Einkaufskorb. Die Milchprodukte sind in Mehrweg-Gläsern bzw. -Flaschen erhältlich, die Fertigsuppe in einer recycelbaren Glasverpackung mit Schraubdeckel. Die geplanten Chips fallen weg, die gibt es nur in Kunststoff-Tüten. Der erste Fehler passiert am Tiefkühlregal: Die Wok-Gemüse-Pfanne kommt in einer Faltschachtel aus Pappe daher und wird eingepackt. Später stelle ich fest, dass sie mit Polyethylen (PE) beschichtet ist, einem Kunststoff, der das Durchweichen der Verpackung verhindert.

Die nächste Herausforderung sind die Tampons. Da ist selbst die Bio-Variante noch mal einzeln in Plastik verpackt. Warum das so ist? Auf Nachfrage beim Hersteller Natracare kommt die Antwort: Als medizinisches Produkt müssten Tampons einen mikrobiologischen Standard erfüllen. Die Schutzhülle aus Polypropylen verhindere das Eindringen von Bakterien, was mit einer biologisch abbaubaren Folie nicht gewährleistet werden könne. Also besser keine Tampons, stattdessen Binden, auf denen explizit die Anmerkung „plastic free“ steht.

Der Kilopreis der Bio-Äpfel beträgt im Veggiehaus stolze 4,49 Euro. Also lieber weitersuchen. Im Edeka Burkowski ist die Bio-Ware allerdings auch nicht günstiger und dazu noch in Folie eingeschweißt. Ein Gewissenskonflikt macht sich breit: Bio in Folie oder Nicht-Bio ohne Folie? Kurzerhand stopfe ich sechs konventionelle Äpfel, die immerhin aus der Region stammen, in den mitgebrachten Jutebeutel und wiege sie ab. An der Fleischtheke reagiert man auf meine Tupperdose mit Ablehnung. Aus hygienischen Gründen könne das gewünschte Hähnchenfilet leider nicht darin platziert werden. Schade, also nur mit den Äpfeln zur Kasse. Der Jutebeutel mit dem aufgeklebten Preisetikett stellt indes kein Problem dar. Die Kassiererin zieht ihn ohne Kommentar übers Band und wünscht noch einen schönen Tag.

Zahnkreide statt Zahnpasta

Im Reformhaus Bacher habe ich die Wahl zwischen Zahncremes in Plastik-Tuben oder welchen in Alu, mit einem Deckel aus Plastik. „Wir hatten auch mal Zahnkreide in einer Papiertüte“, erzählt Verkäuferin Heidi Rüter, „aber die haben wir mangels Nachfrage aus dem Sortiment genommen.“ Die britische Kosmetik-Kette Lush verkauft Zahnputzpulver und -tabs. Leider haben sie in Bochum keine Filiale. Ein letzter Versuch bei der Fleischerei Hirsch doch noch ein Hähnchenfilet zu bekommen, scheitert ebenfalls. „Alles was von draußen kommt, darf ich nicht über die Theke nehmen“, sagt Fleischerei-Fachverkäuferin Tanja Malecki. Da lässt sie auch nicht mit sich handeln. „So sind leider die Hygienevorschriften.“

Nach zweistündiger Einkaufstour lautet das Fazit: Von jetzt auf gleich sein Einkaufsverhalten auf plastikfrei umzustellen, ist nicht ganz einfach. Man muss Infos über Produkte, Verpackungsmaterialien sowie Geschäfte einholen und sich mit Recycling-Kreisläufen beschäftigen. In Bochum sind zurzeit noch lange Laufwege und viel Zeit nötig. Zudem ist nicht jedes Produkt in einer plastikfreien Variante zu haben. Hinzukommt, dass unverpackte Ware oft teurer ist als verpackte. Trotz aller Hindernisse findet die Zero-Waste-Bewegung auch in Bochum immer mehr Anhänger. Bald soll an der Ruhr Universität der erste Bochumer Unverpacktladen eröffnen, dann dürfte es mit dem plastikfreien Einkauf leichter werden. Lina Niermann

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