Mit Sicherheit Verliebt: Studenten klären Schüler auf

Carolin Frost ist Mitglied von MSV Bochum. | Foto: Julia Kunz

Carolin Frost ist Mitglied der Bochumer Lokalgruppe des „MSV“. Das hat nichts mit Fußball zu tun, sondern mit dem Projekt „Mit Sicherheit Verliebt“. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland betreibt es an mittlerweile 35 Standorten. Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich für eine bessere Sexualaufklärung, indem sie einen Vormittag mit einer Schulklasse an einer weiterführenden Schule verbringen. Im Stil der „Peer-Education“, also jung lehrt jung, beantworten sie auch solche Fragen, die Schüler ihrem Lehrer nicht stellen wollen. Julia Kunz sprach mit der 21-jährigen Medizinstudentin über neugierige Kinder, altersgerechtes Wissen und besorgte Eltern.

Wie bereitet ihr euch und die Schüler auf eure Schulbesuche vor?

Neumitglieder absolvieren einen achtstündigen Workshop, bei dem die medizinischen Themen und Methoden eingeführt und erklärt werden. Außerdem bilden wir uns kontinuierlich in unseren Lokalgruppen weiter. Zwei Wochen vor dem Schulbesuch schalten wir mit einem Schulcode einen anonymen Fragebogen für die Kinder frei. Sie sollen Selbsteinschätzungen auf Skalen abgeben oder Multiple-Choice-Fragen beantworten. Dadurch wollen wir erfahren, wo sie stehen und welches Thema wichtig sein könnte. Wenn sie zu einem Thema viel, zu einem anderen aber wenig wissen, dann behandeln wir das weniger bekannte Thema intensiver. Am Ende haben wir auch einen Evaluationsbogen für sie.

Der Lehrer soll nicht mit im Raum sein, um die Atmosphäre aufzulockern. Wieso sprecht ihr euch trotzdem noch mit ihm ab?

So haben wir zwei Quellen: einmal die Antworten der Kinder aus den Fragebögen und die Einschätzung der Lehrkräfte andererseits. Oft ist es so, dass sie den Eindruck haben, dass die Schülerinnen und Schüler ihnen manche Fragen nicht stellen wollen. Dann melden sie sich bei uns. Außerdem soll die Lehrkraft sich ja im Umfeld aufhalten, damit sie ansprechbar ist. Wir betonen aber auch immer, dass wir nicht anstelle des Biologieunterrichts kommen, sondern in Ergänzung dazu.

Wie läuft so ein Schulbesuch denn ab?

Die Lehrkraft stellt uns am Morgen kurz vor und erklärt dann, wo sie zu finden sein wird. Am Anfang sind die Kinder meistens ziemlich still, aber sie tauen schnell auf. Die Spiele, die wir mit ihnen spielen, aktivieren sie und machen Spaß. Wir sind mit ihnen auf Augenhöhe, vor allem weil wir uns alle duzen und Namensschilder tragen. Wir stellen immer zuerst unsere Blackbox auf. Da soll jeder im Laufe des Tages einen Zettel reinschmeißen, auf dem eine Frage steht. Wer keine Frage hat, schmeißt einen leeren Zettel ein. Nach dem Aufwärmen machen wir ein Tafelbild mit allen Buchstaben des Alphabets. Die Kinder sollen dann alphabetisch sortiert Wörter aufschreiben, die mit Sexualität zu tun haben. Wir besprechen alle Begriffe und erklären sie. Anschließend beschäftigen wir uns mit Anatomie. Danach trennen wir die Geschlechter. Spätestens dann kommen Fragen auf, die ich vielleicht auch keinem Lehrer gestellt hätte (lacht). Zuletzt führen wir die beiden Gruppen wieder zusammen. Manche Kinder bleiben ruhig, kommen dann aber am Ende mit Fragen persönlich zu einem. Das ist immer schön, weil man das Vertrauen merkt.

Die MSV-Mitglieder kommen gut vorbereitet in die Schulen. | Foto: Julia Kunz

Das Konzept ist für die sechste bis zur zehnten Klasse angelegt. Wie macht ihr eure Besuche altersgerecht?

In Bochum haben wir bis jetzt nur sechste bis achte Klassen besucht. Aber selbst da gibt es schon Unterschiede. Während Sechstklässler eher Fragen zur Pubertät, Beziehungen, Küssen und Liebe haben, geht es in der achten schon um Verhütung, weil sie näher am ersten Mal dran sind.  Das Thema ist bei denen viel aktueller als bei den Sechstklässlern. Mit den älteren Jungs sprechen wir zum Beispiel über die Anwendung von Kondomen. Wir diskutieren außerdem das Männerbild, das in unserer Gesellschaft vorherrscht. Pornografie sprechen sie öfter an als die Mädchen. Dann reden wir mit ihnen darüber, dass Pornos nicht realistisch sind. Wir versuchen dabei so neutral wie möglich zu bleiben, aber wir erinnern sie daran, dass Pornografie für sie illegal ist.
Um bei den Mädchen das Eis zu brechen haben wir zusätzlich einen Jutebeutel voll mit verschiedenen Gegenständen rund um das Thema. Jede zieht dann etwas heraus und wir reden kurz im Stuhlkreis darüber. Das passen wir natürlich dem Alter an: Wir lassen in der sechsten Klasse das Plastikspekulum und den Schwangerschaftstest raus, aber in der achten Klasse sprechen wir auch über den ersten Frauenarztbesuch. Wenn es zeitlich passt, besprechen wir die geschlechterspezifischen Themen am Ende auch noch mit dem anderen Geschlecht.

Eure Organisation spricht sich gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen aus. Wie setzt ihr das in den Klassenzimmern um?  

Wir erklären Begriffe, die zu anderen Sexualitäten dazugehören und versuchen so, Offenheit zu erreichen. Kinder haben oft schon von Homosexualität, Intersexualität und Asexualtität gehört und wir fundieren das dann mit Wissen. Unsere Message ist: ‚Es gibt das und das ist auch in Ordnung. Macht, womit ihr euch gut fühlt und worauf ihr Lust habt.‘

Im Leitbild schreibt ihr, der inhaltliche Schwerpunkt sei „die Auseinandersetzung mit Sexualität und ihrer medizinischen und gesellschaftlichen Bedeutung“. Was heißt das genau?

Wir sprechen darüber auch mit den Kindern: Was ist eigentlich Sex? Gibt es eine Definition? Muss es die überhaupt geben? Medizinisch wichtig sind sexuell übertragbare Krankheiten und der Schutz davor sowie Verhütung und Menstruation. Der gesellschaftliche Aspekt wird vor allem durch das Besprechen von Körperbildern aufgegriffen. Zum Beispiel reden wir darüber, was die Medien zeigen. Muss man so aussehen? Wir vermitteln, dass Anderssein auch in Ordnung ist.

Manche Eltern betrachten eine frühe Sexualaufklärung mit Besorgnis. Erschrecken die Kinder euch manchmal mit dem, was sie schon kennen?

Selbst in der sechsten Klasse gibt es keine Kinder, die sich noch nie mit Sexualität beschäftigt haben. Durch Google kommen die Kinder leicht an Informationen, da führen sie dann aber andere Links auch weiter in die Thematik. Das Unwissen erschreckt uns viel häufiger. Beschäftigung mit Neuem kommt so oder so. Wir passen uns dem Alter der Kinder an und versuchen, das Wissen zu erweitern und zu festigen. Die Vermittlung eines verantwortungsvollen Umgangs mit ihrem Körper und ihrer Sexualität ist unser Ziel, schließlich gehen beide sie persönlich etwas an.


Weiter Informationen sind auf der Website sicher-verliebt.de zu finden. Interessierte Lehrer und Studenten können sich an die E-Mail-Adresse msv.bochum@gmail.de wenden.