30 Jahre coolibri - Marc Burger plaudert aus dem Nähkästchen

coolibri No 1

November 1983:

Der erste Coolibri erscheint mit einer Auflage von 35 000 Heften. Der Programmanzeiger fürs östliche und mittlere Ruhrgebiet hat zwanzig Seiten, ist kostenlos, finanziert sich aus Inseraten des Gastro- und Kulturbetriebs und wird hergestellt vom damals dreißigjährigen Wittener Roland Scherer. Sogar mit handgemaltem „Freizeit Stadtplan Bochum“:

In der Bochumer Zeche gastieren die Tanzflächenknaller Tina Turner, Uriah Heep und Heinz Rudolf Kunze, im Fritz-Henßler-Haus Dortmund ist nicht Dschungelcamp-, sondern „Dschungelband-Party“. Die Kinos zeigen Ralph Bakshis „Herr der Ringe“, Monty Pythons „Sinn des Lebens“, die „Blues Brothers“ oder „Der Haustyrann“ mit Heinz Erhardt. In der Pizzeria Oblomov läuft die Plakatausstellung „Künstler für den Frieden“, das jüngst geschlossene Concilium eröffnet nahe der Dortmunder Uni, von circa hundert gelisteten Musikschuppen, Kneipen und Cafés existieren wenige noch heute (etwa Le Clochard, domicil, Mandragora, Piano, Zeche Carl).

Von „Coolibri“ ohne Vogel zu „coolibri“ mit Vogel

Über ein Vierteljahrhundert später erklärt das inzwischen meistgelesene Stadtmagazin Deutschlands in einem WDR-Radiospot: „Das schreibt sich cool mit ibri.“ Alle sagen aber Kohl wie Helmut.

„MAGAZIN ONLINE APP: Events, Trends und Reportagen aus der Rhein-Ruhr-Region“

Handarbeit vom Chef: Der Statdplan

Vom Widerspruch eines Anzeigen- und Ankündigungsmediums, das sich zugleich redaktionell positioniert, soll hier nicht die Rede sein – die coolibri GmbH hat ihn zumindest ganz gut überlebt –, nur manchmal ist er auch eine Geschichte der Begegnung mit nervösen Kunden, sensiblen Künstlern sowie der Sittenpolizei:

– Zweimal muss ein Redakteur wegen Unziemlichkeiten aufs Amt. Die Abbildung eines Filmplakats vom „Geisterschiff der schwimmenden Leichen“ im Heft ist lange vor Lampedusa stark jugendgefährdend; die Ulk-Szene, wo Soldaten den Einarmigen der beiden Telök-Boys à la „Leben des Brian“ ans Kreuz nageln wollen, gilt auf dem Cover als blasphemisch.

– Nicht gut kommt der Verriss eines Kabarettisten, zu dem der Rezensent schreibt: „Wärst Du lieber in Papas Sack geblieben!“. Not amused war auch ein Kneipeninhaber über den frauen- und fremdenfeindlichen Satz „Hier stinkt es wie im orientalischen Puff“: Doch nicht bei mir! Und ein lustiges Emanzendoppel droht via NRZ, „dem Frauenhasser vom coolibri jemanden zum Fressepolieren vorbeizuschicken“. Der Mann arbeitet übrigens immer noch bei uns.

– Ein genialer Schreiberling hört kurz vor der Abgabe, dass der Film Cowgirl (D 2004) eine Riesenanzeige gekauft hat, und hübscht den Text eilfertig auf. „Was die vom ZDF produzierte Krimikomödie auf der großen Kinoleinwand zu suchen hat, wird nicht klar“, äähh, „schnell klar: Der Film ist einfach zu gut fürs Fernsehen!“ „Wenigstens die Darsteller hatten ihren Spaß“, pardon: „Nicht nur die Darsteller, sondern auch die Zuschauer haben ihren Spaß!“ Flexibilität nennt man das wohl.

– Weitere journalistische Spitzenleistungen sind die Nachricht vom Live-Auftritt eines längst verblichenen Popstars (statt: „Tribute to …“), das Foto eines Trabbi mit der Bildunterschrift „Rabbi“ sowie das Editorial zum Zehnjährigen, der coolibri schenke dem Tierpark Bochum ein echtes Kolibri-Pärchen, was sich als Ente herausstellt. Da lacht der Korrektursklave: Ha, ein Rabbiner hat doch keine Räder und Freddie Mercury ist doch tot!

– Außergerichtlich abgewendet wird die Klage eines Filmsternchens gegen die Zeilen: „Wie ‚Porno-Bea’ Fiedler die Türschwelle zur Abschiedsparty des Zirkus Roncalli überschreiten konnte, bleibt das Geheimnis zwischen ihr und dem Türsteher.“ Wie, das bleibt unser Geheimnis. Ach ja, und das Statisten-Casting am Halterner Stausee für Steven Spielbergs Remake vom „Schatz am Silbersee“, war ein Aprilscherz!

Intimes aus der Kaffeeküche

Cover-König Helge Schneider

Extra gern halten sich MitarbeiterInnen in den Neunzigern an den gigantischen Filterkannen auf. Anlass ist die hinter einem Vorhang verborgene Pinnwand mit Selbstporträts paarungswilliger Ruhris, die das Kontaktanzeigen-Kürzel „BmB (auch Ganzkörper)“ sehr ernst nehmen, aber zu blöd sind, Chiffre-Nummern abzuschreiben, sodass die süße Post nicht weitergeleitet werden kann. Die aussagekräftige Wand wird nach einem BVB-Nationaltorwart benannt und irgendwann mit „Herz beißt Haifisch“-Postern übertapeziert. So heißen nämlich die legendären, bis zu acht Mal monatlich stattfindenden Kuppelparties, an denen der coolibri sich früher dumm und dusselig verdient hat.

Wer steckt eigentlich hinter coolibri?

Nach Durchsicht aller 360 Hefte seit Erscheinen endlich eine heiße Spur: Warum erscheint derselbe Typ sowohl auf dem Titelblatt zum Zehnjährigen („Texas: Doc Snyder hält die Welt in Atem“) als auch im Oktober des Jahres Dreißig („00 Schneider: Im Wendekreis der Eidechse“)? Also, wie wär’s, Helge? Kaufste auch im Jahre 2023 das coolibri-Cover, dann für deinen Film „Zieh dich an, Du alte Hippe“?