U-TOPIA: Interview mit Kurator Martin Juhls

| Foto: U-TOPIA

„Man wird auch Kunst mitnehmen“

Wenn das Wahrzeichen Dortmunds vom 10.-24. November Gastgeber des neuen Festivals für „Musik, Kunst und Technologie“ ist, wird die Location in außergewöhnlicher Weise genutzt. Ein Gespräch mit Veranstalter und Kurator Martin Juhls über die Grundsäulen der Festival-Idee und die Strahlkraft des Dortmunder Leuchtturms

 

Martin, du kommst gerade von der Produktionsbesprechung. Was beansprucht bei der U-TOPIA-Vorbereitung am meisten Planung?

Tatsächlich ist der Auftaktabend am Samstag der aufwändigste. Schon alleine durch die Videoinstallationen muss viel aufgebaut werden, zum anderen haben wir sehr unterschiedliche Künstler. Auch hier sind die technischen Anforderungen einfach aufwändig. Strotter wird mit seinen Plattenspielern fast mitten im Raum stehen, die Therapeutische Hörgruppe Köln wird anschließend genau in der Mitte des Raumes stehen, da stellen wir noch Videomonitore auf. Oval und Inside haben auch ein bisschen Technik dabei ...

 

Das klingt schon nach mehr, als üblichen DJ-Sets.

Es geht mehr in Richtung Performance. Es ist anders. Es ist kein business as usual. Wenn wir mit Mouse on Mars ins FZW gehen, dann geben wir dem Haus den Technik-Rider, auf dem steht was wir brauchen, und dann läuft das. Im U ist das anders. Da muss man das erst einmal alles durchexerzieren. Sich Gedanken darüber machen, wie man alles umsetzt. Dort hängen ja beispielsweise auch keine Boxen.

 

Ist dieser Experiment-Charakter einer der spannendsten Aspekte des Unternehmens? 

Ja, das ist auch die Idee bei der Sache gewesen. Das U einmal gegen die Gebrauchsanweisung und gegen die Gewohnheit zu benutzen. Dass man einfach neue Eindrücke schafft. Es wäre nicht genug gewesen, nur an Vorhandenem anzudocken. Auch wenn es im „View“ und im „Ruby“ ja auch regelmäßig Clubveranstaltungen gibt, und damit sicherlich auch eine Schnittmenge zum U-TOPIA-Programm.

 

Was ist also anders?

Für uns ist das Setting spannend, man soll wirklich auch das Gefühl bekommen im U zu sein und nicht in irgendeiner Disco, die oben drauf ist. Die Veranstaltung soll die Verbindung zwischen allem schaffen. Man soll dieses Jahr einen Geschmack davon bekommen wie es aussehen kann, wenn man das ganze Haus bespielt.

 

Kurator Martin Juhls. / Foto: U-TOPIA

Wie ist die Idee zum U-TOPIA-Festival denn überhaupt entstanden?

Ich bin schon recht lange Veranstalter im Bereich der elektronischen Musik. Vor zehn Jahren habe ich das Künstlerkollektiv „Sternschaltung“ gegründet, wo wir mit Veranstaltungen ungewohnte Wege gehen wollten. 2004 haben wir dann zu den „Internationalen Kulturtagen“ in Dortmund eine Veranstaltung organisiert, wo wir deutsche und Schweizer Künstler für eine Festivalserie zusammengebracht haben. Über vier Wochen haben wir damals in der Phoenixhalle ein Programm gemacht. Das war die Geburtsstunde für das, was später kam. Daraus haben sich Veranstaltungen wie Electronic Baltikum entwickelt, wo wir mit dem Museum Ostwall, dem Künstlerhaus und der Phoenixhalle zusammengearbeitet haben. Das lief immer im Zusammenhang mit Ausstellungen.

 

Mit der von dir veranstalteten Audiodigitale gab es ja auch einen direkten Festivalvorläufer, der in eine ähnliche Kerbe geschlagen hat.

Als klar wurde, dass das U ein „Zentrum für Kunst und Kultur“ werden sollte, stand ich irgendwann mit Dr. Inke Arns vom HartwareMedienKunstVerein (HMKV, d. Autor) in der Phoenixhalle, und habe mit ihr darüber gesprochen, dass dann ein großes, internationales Festival hermüsste. Das war im Sommer 2008. Im Herbst 2008 haben wir die erste Audiodigitale gemacht, das war der Vorläufer von U-TOPIA. Auch da war der Netzwerkgedanke schon fest verankert. 2009 konnten wir zur Ausstellung Wach sind nur die Geister noch einmal etwas in der Phoenixhalle organisieren.

 

Wieso schien die Sache dann ausgerechnet zum Kulturhauptstadtjahr ins Stocken zu geraten?

2010 wollten wir mit der Audiodigitale dann ins U gehen, was sich damals aber sehr schwierig gestaltet hat. Es gab halt viele Unbekannte – die räumliche und die Kostensituation. Trotzdem haben wir mit den Budapest Nights eigentlich die erste „richtige“ Veranstaltung am Dortmunder U gemacht. Der HMKV hat die erste Ausstellung eröffnet und wir haben im Auerbachs Keller DJs, Musiker und VJs aus Budapest präsentiert.

 

Inwiefern kann das U von einer Veranstaltung wie dem U-TOPIA-Festival profitieren? 

Das Dortmunder U hat Strahlkraft, es kann international strahlen! Natürlich erfüllt das Festivalkonzept viel für das U, aber das U erfüllt auch viel für das Festivalkonzept! Es ist die perfekte Location dafür, es kommt alles zusammen: Kunst, Kreativität und Technolgie wird von uns mit Popkultur und Musik kombiniert. Damit schaffen wir einen breiten Zugang für die Menschen. Wir ergänzen das, was ohnehin schon vorhanden ist.

 

Ist der neue Festivalname eigentlich nur dem neuen Standort geschuldet oder steckt mehr dahinter?

Der Name Audiodigitale fügte sich nicht gut ins U ein, weil er keine richtige Verbindung geschaffen hat. Außerdem haben wir ja auch mehr vor, als ein Konzert mit elektronischer digitaler Musik. Wir wollen Visuals zeigen, Klanginstalltionen, Fassadeninstallationen, spannende Videoinstallationen, jemanden wie Strotter, mit seinen analogen Plattenspielern, den Exil-Dortmunder Jim Campbell, der nur mit Tapes arbeitet. Da ist dann teilweise die Frage schwierig zu beantworten, was daran jetzt „audio“ oder was „digital“ sei. In U-TOPIA ist der ganze Futurismus im Namen enthalten, den braucht man nicht mehr zu erklären. Man muss nicht mehr erklären: „Wir machen einen futuristischen Abenteuerpark für künstlerische Möglichkeiten im Spannungsfeld neuer Technologien“. Außerdem gibt es dem Festival für die Zukunft die Möglichkeit sich neue Freiräume zu schaffen. Das U steht beispielsweise nicht nur für Utopia und Dortmunder U sondern auch das Unionsviertel, die Stadt ist also auch drin.

 

Du erwähntest mehrfach die internationale Ausrichtung. Inwieweit ist der Anspruch denn vorhanden, eine regionale Verankerung zu schaffen?

Wir wollen mit der Event-Reihe zeigen, dass man das U auch anders nutzen kann. Ein kunstinteressiertes Publikum kann sich auch jenseits der Party im View und jenseits von Ausstellungen für das U interessieren, Stichwort Subkultur. Man soll auch das Gefühl bekommen, die Leute aus dem Viertel sind hier zu Hause und es ist für sie da. Deswegen war es mir auch wichtig die junge Technoszene mit reinzuholen, die jungen Elektronik-Musiker, die ganzen Produzenten, da ist Dortmund und das Ruhrgebiet ein Pfund! Es ist mir wichtig, die ganz eng mit der Veranstaltung zu verknüpfen. Auch diejenigen, die dieses Jahr nicht mit dabei sein können. Um denen zu sagen: Wir haben euch auf dem Schirm, wir wollen mit euch zusammenarbeiten! Auch wenn es dieses vielleicht inhaltlich nicht gepasst hat.

Video

 

Wie stehst du denn mit den hiesigen Künstlern in Kontakt?

Ich habe viele Gespräche geführt, damit sie wissen, dass man sie nicht einfach übergangen hat. Deswegen sage ich auch ganz laut, dass wir vom Land und der Stadt 70.000 Euro Fördergelder bekommen haben, die wir in diese Veranstaltung geben, die auch für die lokale Szene da sind, um sie bekannt zu machen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass die auch mitgedacht sind. Auch nächstes Jahr wenn wir groß werden, und ein großes internationales Festival machen.

 

Der musikalische Aspekt des Veranstaltungsreihe ist offensichtlich. Welche Rolle spielen Kunst und Technik?

Wir wollen nichts machen, bei dem die Leute davor stehen und sich eine halbe Stunde fragen, was sich der Künstler dabei gedacht hat, sondern etwas machen, was sich einfach von selbst erklärt. U-TOPIA möchte Kunst zeigen, möchte Möglichkeiten zeigen. Und die Kunst ist dafür da, um sich selber zu erklären. Man darf da hinterfragen, man darf gucken, wie wird es gemacht, wie es umgesetzt worden ist, aber auf der Aussage-Ebene wollen wir bewusst platt sein. Dass wir Sachen zeigen, die von den Leuten auf Anhieb verstanden werden, und die vorrangig sofort begeistern. Nach dem Motto: „Was ist da mit der Technik möglich, das habe ich noch nicht gesehen!“

 

Was sagst du denen, die U-TOPIA vor allem als Party wahrnehmen?

Wir arbeiten mit hochkarätigen Videokünstlern, wir haben sehr abgedrehte Liveacts dabei. Wir haben an einem Abend eine 6 mal 4 Meter 50 große Leinwand, die hinter den Künstlern steht. Später einen 15 Quadratmeter LED-Screen. Jenseits davon, dass man da auch ein bisschen feiern kann, wird das Setting überzeugen. Und selbst, wenn man nur zum Feiern hinkommt wird man mehr mitnehmen. Man wird auch Kunst mitnehmen!

 

Das U-TOPIA-Festival findet im Zeitraum 10.-24.11.2012 im Dortmunder U und im FZW statt. Das Programm wird von Workshops für junge Musiker und Kreative ergänzt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei LABKULTUR.TV.

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