Gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Die Vulvarines

| Foto: Vulvarines

Seit Oktober sorgen die Vulvarines im Netz für Furore: Ihrem kritischen Aufruf unter dem #notheidisgirl folgten Tausende von Frauen und Männern. Wer hinter dem feministischen Kollektiv steckt und warum das eigentlich auch gar keine Rolle spielt, haben die Frauen aus Mönchengladbach Nadine Beneke im Interview erzählt.

Wer und wie viele seid Ihr?
Unser feministisches Kollektiv setzt sich aus zehn Frauen zusammen. Wir sind alle im Alter zwischen Mitte 20 und Ende 30. Unter uns sind Studentinnen, Arbeiterinnen, Mütter. Auf jeden Fall sind wir Freundinnen. Organisatorisch sind wir an die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken - im Kreisverband Mönchengladbach angegliedert.

Was macht Ihr sonst?
Privater wollen wir gar nicht werden, weil es bei dieser Kampagne nicht um uns als Personen geht, sondern um das Aufgreifen eines Diskurses.

Wie kam es dazu, dass Ihr Euch zusammengetan habt?
Im Café van Dooren im Mönchengladbacher Stadtteil Eicken fanden bei dem einen oder anderen Bierchen schon so manche diskussionsreiche Abende statt. An einem dieser besagten Abende kam uns dann die Idee, die individuellen Stärken unserer Freundinnen in einem Kollektiv zu bündeln.

Wie kamt Ihr auf den Namen Vulvarines?
Indem wir uns das männlich dominierte Feld der Superhelden zu eigen machen und mit dem Begriff der Vulva kombinieren, schaffen wir eine Vereinigung, die auf den ersten Blick irritiert und dadurch zum Nachdenken anregen kann. Außerdem finden wir das Wortspiel einfach ziemlich stark.

Wie ist die Idee zu #notheidisgirl entstanden?
Nachdem wir im Juni unsere Gruppe gegründet haben, nutzten wir die ersten Treffen zunächst einmal dafür, uns über die Dinge auszutauschen, die uns im alltäglichen Leben alle gleich bewegen. Bei unserem dritten Treffen entstand dann die Idee für die Kampagne #notheidisgirl. Denn in einem Punkt waren wir uns alle von Anfang an einig: Das bestehende, gesellschaftlich konstruierte Schönheitsideal, das keinen Raum für Vielfalt lässt, wollen wir einfach nicht länger so hinnehmen.

Wie würdet Ihr die Resonanz bislang beschreiben?
Die Solidarität, die aktuell im Netz spürbar ist, ist absolut überwältigend. Uns erreichen unzählige Nachrichten von Menschen, die sich mit uns verbunden fühlen. Das gibt uns und den Menschen, denen #notheidisgirl eine Stimme verleiht, Kraft. Die große Resonanz und besonders jene Nachrichten, in denen Menschen uns von teils sehr privaten Schicksalen und Biographien berichten, zeigen, dass das ,was wir angestoßen haben, lange überfällig war. Wir beobachten außerdem, dass vielen Hasskommentaren im Netz von immer mehr Unterstützerinnen umgehend etwas entgegengesetzt wird. Das zeigt, wie tragfähig die Kampagne jetzt schon ist.

#notheidisgirl | Foto: Vulvarines

Wie habt Ihr die vergangenen Staffeln von GNTM verfolgt? Wie hat sich die Rezeption gewandelt?
Nach mittlerweile zwölf Staffeln GNTM scheint die Wahrnehmung dieses Formats zunehmend kritischer zu werden. Wir sind ja bei weitem nicht die Ersten, die öffentlich Kritik üben. Die anfängliche Euphorie gegenüber GNTM hat auf jeden Fall nachgelassen. Was jedoch nicht heißt, dass die Problematik, die durch GNTM reproduziert wird, gleichsam mit aus der Welt geschaffen ist. Das Problem ist leider viel tiefliegender.

Welche Erfahrungen macht Ihr im Alltag mit Schönheitsidealen?
Sie sind so allgegenwärtig, dass wohl niemand an ihnen vorbeikommt. Aus ihnen entstehen Hierarchien, Feindseligkeit und Selbstzweifel. Wer einem bestimmten Schönheitsideal entspricht, dem werden automatisch andere Fähigkeiten und Stärken zugeschrieben. Das spiegelt sich in nahezu allen Lebensbereichen wider: Schule, Uni, Job, Freundschaften, Paarbeziehungen…

Wie würdet Ihr beurteilen, dass es bis heute keine Sendung gibt, in der Männer „Germany’s Next Topmodel“ werden können oder sollen?
Ganz offensichtlich lassen sich Frauenkörper einfach besser vermarkten. Gesellschaftlich betrachtet zählen bei Männern in erster Linie einfach andere Attribute als „Schönheit“. Hier stecken wir leider auch im Jahr 2017 immer noch in verdammt alten Rollenbildern fest. Was nicht bedeutet, dass wir „GNTM für Männer“ weniger kritisieren würden. Bewertung bleibt Bewertung – egal ob gegenüber Frauen oder Männern. Die Tatsache, dass diese Verwertungslogik in diesem Format jedoch nur auf Frauen angewandt wird, zeigt allerdings, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben.

Was würdet Ihr Euch im Hinblick auf Staffel 13 von GNTM wünschen? Wärt Ihr bereit, Euch mit Pro7 oder Heidi Klum auseinanderzusetzen?
Was wir uns wünschen würden? Dass Formate, die aus der Objektivierung und der Konkurrenz junger Frauen Profit schlagen, bald nicht mehr Teil unserer Medienlandschaft sind. An einer persönlichen Auseinandersetzung mit Pro7/Heidi Klum haben wir kein Interesse. Unsere Kritik gilt weder der Privatperson Heidi Klum noch den Teilnehmerinnen. Für uns ist GNTM symptomatisch für die Mode- und Werbeindustrie zu betrachten, die kaum Platz für Vielfalt lässt. Frei nach dem Motto: nur wenn du ein bestimmtes Äußeres hast, erhältst du gesellschaftliche Anerkennung und kannst erfolgreich und verwertbar sein.

Starkes Rudel: Die Vulvarines | Foto: Vulvarines

Der Begriff der Feministin schwankt zwischen altbacken, verbissen und hip. Wie würdet Ihr beschreiben, was Ihr macht?
Wir verstehen unsere Kampagne als Medium, durch das sichtbar wird, was Realität ist. Wir möchten Menschen darin bestärken, (körperliche) Vielfalt zu zeigen und zu leben. Wenn wir mit unserer Kampagne erreichen, dass Personen sich bestärkt fühlen und das auch äußern, dann haben wir schon viel erreicht. Wenn wir also unter dem Begriff des Feminismus verstehen, sich für eine gleichberechtigte, vielfältige Welt einzusetzen, dann ist das, was wir hier tun, sicher ein feministischer Akt.


Was muss sich verändern? Was wollt Ihr erreichen?
Solange die Schönheitsindustrie aus dem äußeren Erscheinungsbild von Menschen Profit schlagen kann und die Nachfrage da ist, wird es auch ein entsprechendes Angebot geben. Daher ist es wahrscheinlich das wichtigste, Menschen dahingehend zu sensibilisieren und auch schon in der Erziehung von Kindern Aufklärungsarbeit zu leisten. Diese Verantwortung kann jedoch nur gemeinsam getragen werden. Wir verstehen unsere Kampagne diesbezüglich als Basis, auf derer Menschen in den Austausch miteinander treten können. Das Internet bietet hier eine große Barrierefreiheit.

Ist es denn überhaupt möglich, sich dem normativen Schönheitsideal zu entziehen?
Die Frage sollte doch viel eher sein, wie sich eine Gesellschaft so entwickeln kann, dass die Frage nach einem normativen Schönheitsideal und der Möglichkeit der individuellen Verweigerung dessen, überflüssig wird. Für uns ist das eindeutig eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Menschen jeden Alters und Geschlechts miteinbezieht.