Ensemble Ruhrpottpourie: Ein bisschen Broadway

Verkleidet für Grease. | Foto: Ruhrpottpouire

Immer sonntags schmettern 40 junge Sängerinnen und Sänger im Essener Girardethaus Ohrwürmer aus weltbekannten Musicals. Das Ruhrpottpouire Ensemble kommt in die heiße Phase vor ihrer alljährlichen Musical Night. Julia Hubernagel hat bei den Proben vorbeigeschaut.

Durch Proberaum sieben erklingt ein langanhaltender Ton. Klar und kontrolliert singt eine Kinderstimme die ersten englischen Zeilen von „Revolting Children“ aus dem Broadway-Musical Matilda. Die neunjährige Lisa springt dabei über Bänke, bewegt sich synchron mit den anderen kleinen Sängern und schmeißt Arme und hüftlange Haare durch die Luft. Beim Ruhrpottpourie Ensemble lernen schon die Kleinsten, was es heißt, als Musical-Star über die Bretter zu schlittern. Doch nicht nur Kinder im einstelligen Altersbereich lernen die Broadway-Hits zu performen. Kurze Zeit später schmachten 12- bis 18-Jährige und auch Ältere den Rock me-Amadeus an, singen mit Mufasa aus König der Löwen und lassen Freddie Mercury mit „Somebody to love“ wieder auferstehen.

Wie eine große Familie

Lynn und Lisa als Tabaluga und Lilly | Foto: Ruhrpottpourie

18 Jahre ist es mittlerweile her, dass die ersten Musical-Youngsters sich an John Travolta und Co. versuchten. Damals noch unter der Leitung von Birgit Zacher, die Mitte des Jahres verstorben ist, halten heute Lena Stedron, Verena Terbrüggen, Katharina Bender und Kathrin Nürnberg die Zügel in der Hand. „Birgit hat damals ihre Karriere als Jazzsängerin an den Nagel gehängt“, erzählt Kathrin Nürnberg, „und hat sich stattdessen ganz auf die Jugendförderung konzentriert.“ Als Die Schöne und das Biest, in der Zacher singen sollte, abgesagt wurde, dachte sich die Sängerin aus dem Ruhrgebiet: Das kann ich auch allein. Mit ihren Gesangsschülern stellte sie einen bunten Musicalabend zusammen. „Wir waren damals vielleicht 15 oder 16 Leute“, erzählt Kathrin Nürnberg, die von Anfang an dabei war. Viele der heute Volljährigen haben als „Pöttchen“, wie die jüngsten Sänger liebevoll genannt werden, angefangen, sind also schon seit vielen Jahren Teil des Ensembles. „Ruhrpottpourie ist für viele mehr als ein Hobby“, sagt auch die 1. Vorsitzende Lena Stedron, „wir sind eher wie eine große Familie.“ So wie die 24-Jährige betreibt auch der Rest des Teams die Musicalproben ehrenamtlich. Und mit Leidenschaft. „Alle haben hier großen Spaß und sind nett zu uns“, sagt die achtjährige Sophia und die zehnjährige Lynn ergänzt: „Wenn sie nicht nett wären, würden wir auch nicht kommen.“ Nahmen Sophia und Lynn bereits in der Schule an Chorproben teil, sang die neunjährige Lisa, die zu Anfang der Probe die mit Superkräften ausgestattete Matilda Wurmwald mimte, nur zuhause. „Meine Mama hat das hier im Internet gefunden“, erzählt sie, „weil ich so gerne tanze und singe.“

Jedem Kind ein Solo

Vor dem großen Auftritt stehen unzählige Proben | Foto: Ruhrpottpourie

Um Mitglied des Ruhrpottpourie Ensembles zu werden, sind Vorkenntnisse nicht nötig. „Wir sind ein Lernensemble“, erklärt Lena Stedron, „das heißt, wir nehmen erstmal jeden auf.“ Bei einem großen Casting – „ohne Buzzer und gemeine Kommentare“ – werden einmal jährlich neue Sänger angeheuert. Seien die Kinder zu Anfang noch schüchtern, komme das Adrenalin nach einiger Zeit einfach aus ihnen heraus. „Der Funke springt irgendwann über“, weiß Verena Terbrüggen aus Erfahrung. Überhaupt sei das Ziel des Ruhrpottpouries, junge, selbstbewusste Menschen aus den Nachwuchssängern zu machen. „Wer auf der Bühne alles gibt und sich traut, vor 400 Menschen zu tanzen und zu singen, gewinnt dabei auch ein gesundes Selbstbewusstsein“, ist sich Kathrin Nürnberg sicher. Denn in der Gruppe verstecken kann und will sich hier niemand. „Jedes Kind wird bei der Musical Night“, die immer im November stattfindet, dieses Jahr am 10., 11. und 12. 11., „ein Solo singen“, so Lena Stedron, „mindestens ein paar Zeilen.“

Soli schmettern, Tanzchoreografien lernen – was unterscheidet das Ruhrpottpourie Ensemble da noch von den großen Nachbarn in Colosseum und Co.? „Bei der Musical Night gibt es ein buntes Potpourri aus Musicalnummern“, erklärt Kathrin Nürnberg das Konzept, „sonst geben wir aber auch Auftritte als bloße Chorgruppe, ohne Tanz und Kostüm.“ Die liebevoll gestalteten Kleider und Verkleidungen werden übrigens zum Großteil selbst hergestellt. „Unsere Mamas arbeiten hier hart mit“, lacht Lena Stedron. Aber auch die vier Chefinnen stecken ihre Freizeit großzügig ins Ensemble, müssen sie doch alle Vollzeitjobs leisten oder ein Studium abschließen. „Wenn es in den Endspurt geht, proben wir auch schon mal von elf bis 18 Uhr“, weiß die Bankkauffrau aus Herne aus jahrelanger Erfahrung zu berichten, „und sind dann eigentlich 24/7 aufgeregt.“ Aber wenn endlich der erste Applaus kommt, so Katharina Bender: „Dann hat sich alles tausendfach gelohnt.“ Julia Hubernagel